Aus Tokio berichtet Tom Grünweg
War da was? Wer in diesen Tagen durch Tokio läuft, mag kaum glauben, dass hier vor nicht einmal einem Jahr Katastrophenstimmung herrschte. Tsunami? Fukushima? Atomverseuchung? In der Hauptstadt scheint davon allenfalls noch die Erinnerung geblieben zu sein. Der Verkehr fließt dicht und zäh, die U-Bahnen quellen in der Rushhour über, und auch die Leuchtreklamen gleißen wieder.
Doch das flüchtige Bild täuscht. Wichtige Wirtschaftszweige leiden nach wie vor unter den Folgen der Natur- und Atomkatastrophe, die tiefe Spuren in den Bilanzen hinterlassen hat. Das gilt auch für die Automobilindustrie, die vor der am 30. November beginnenden Tokio Motor Show alles andere als euphorisch ist. "Es war ein miserables Jahr, in dem die Absatzzahlen für die japanischen Hersteller um rund 20 Prozent gesunken sind", sagt Shigeki Enya vom Marktbeobachter Jato Dynamics in Tokio. Die Zahl der Neuzulassungen 2011 taxiert er auf etwas mehr als vier Millionen; im vergangenen Jahr war es noch eine Million mehr. Statistiken europäischer Analysten wie Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach lesen sich noch düsterer: mit einem Jahresergebnis von lediglich 3,4 Millionen Fahrzeugen.
Besonders hart getroffen habe es den Primus Toyota, sagt Bratzel. "Toyota produziert nach wie vor einen hohen Anteil der Fahrzeuge in Japan und ist hier Marktführer." Aufgrund der Engpässe nach der Fukushima-Katastrophe konnte der einstige Vorzeigekonzern zu wenig Autos bauen - und jene Pkw, die vom Band liefen, ließen sich kaum noch verkaufen.
Toyota, Mitsubishi, Honda - neue Ideen werden dringend gebraucht
Das Minus beziffert Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen mit 33 Prozent. Zudem seien die Probleme nicht auf Japan beschränkt. "Toyota ist weltweit angeschlagen und verliert auf allen Märkten", sagt der Analyst. Dafür sei nicht allein die Fukushima-Krise verantwortlich. "Das sind auch immer noch die Nachwirkungen der katastrophalen Rückrufe." Auch Honda fährt im Rückwärtsgang, von Mitsubishi ist kaum mehr etwas zu hören, über Subaru wurde ohnehin noch nie viel gesprochen, und auch Suzuki ist nur deshalb momentan in den hiesigen Schlagzeilen, weil die Allianz mit dem VW-Konzern schon gescheitert ist, bevor sie so richtig begonnen hat. Dabei ist Suzuki in anderen Regionen eine treibende Kraft und zum Beispiel im Wachstumsmarkt Indien unbestrittener Marktführer.
Aber es gibt auch positive Nachrichten: Mazda zum Beispiel ist aus einer mehrjährigen Lethargie erwacht und beginnt eine Offensive, die durchaus vielversprechend ist. Das Unternehmen hat mit dem Skyactiv-Paket für Motoren, Getriebe und Plattform eine vernünftige technische Basis entwickelt und darüber hinaus eine frische Designlinie etabliert. Zudem fährt der neue Madza CX-5 ins boomende Segment der kompakten Geländewagen.
Überraschenderweise fahren Mazda und Nissan vorweg
Noch besser schneidet Nissan ab. "Die Renault-Schwester ist weltweit im Aufwind und weist in Japan mit 14 Prozent in den ersten zehn Monaten des Jahres das geringste Minus aus", sagt Branchenkenner Dudenhöffer. Die neuen SUV- und Crossover-Modelle beleben weltweit das Autogeschäft. "Nissan ist unkonventionell unterwegs und damit sehr erfolgreich. Da wird in den nächsten Jahren noch Einiges kommen, das frischen Wind in die traditionelle Autolandschaft bringt."
Neben den Herstellern war von den verheerenden Nachwirkungen des Tsunami vor allem die Zulieferindustrie betroffen. Dies bereitet den Autokonzernen noch immer große Sorgen, sagt Jato-Analyst Enya . "Zwar war die Teileversorgung seit Oktober endlich wieder sichergestellt. Aber dann hat die Flut in Thailand erneut die Logistikkette gestört."
Für eine Entwarnung sei es jedenfalls zu früh, glaubt Dudenhöffer. Der Binnenmarkt werde zwar ein wenig aufholen, aber die grundsätzliche Schwäche werde auch im nächsten Jahr bleiben. Japan muss die Steuern erhöhen und die Verschuldung zurückfahren, was nur durch Rückgänge beim privaten Konsum gelingen könne. "Der Autostandort Japan hat seinen Höhepunkt überschritten", postuliert Dudenhöffer. "In den nächsten Jahren werden dort die Autofabriken kleiner werden. Das wissen die Japaner und das drückt auf die Stimmung bei der Motor Show."
Ökonomische Probleme wurden durch Langweiler-Autos noch verschärft
Die Katastrophe traf eine Industrie, die ohnehin schon gebeutelt war: Von der Wirtschaftskrise kalt erwischt, schrumpfte der Heimatmarkt in den letzten Jahren kontinuierlich. Obendrein würden die Exporte von den schlechten Wechselkursen eingebremst, die Autos aus Japan im Ausland zu teuer machen, sagt Jato-Experte Enya. Derzeit werde beispielsweise jeder japanische Pkw in den USA mit Verlust verkauft, heißt es.
Verschärft wird das Problem durch das farblose Modellprogramm vieler Hersteller. Weil manche Marken sich zu sehr auf grüne Technologien konzentrierten, gerieten wirklich beigeisternde und emotional ansprechende Modelle in Vergessenheit. "Wir haben ein wenig die Orientierung verloren", räumt ein führender Honda-Manager ein. Und auch Toyota-Chef Akio Toyoda gibt zu, dass es unter den rund hundert Modellen des Konzerns derzeit keines gebe, das zum Traumwagen taugen würde.
Toyota, vorübergehend der größte Autohersteller der Welt, spielt nur noch die zweite Geige. "Die Gefahr kommt nicht mehr aus Japan, sondern aus Korea", heißt es beispielsweise bei VW, wo Hyundai und Kia mittlerweile viel argwöhnischer beäugt werden als Toyota.
Es gibt erste Anzeichen für eine Trendwende in Japan
Die Stimmungslage zur Motor Show in Tokio ist deshalb eher in Moll. Immerhin, es gibt auch ein paar hoffungsvolle Akzente. Toyota findet mit dem Sportcoupé GT-86 im Geist des legendären Celica zurück zu Lust und Leidenschaft, Mazda zeigt mit einer seriennahen Studie, wie ambitioniert der nächste Mazda 6 werden wird, und selbst bei Subaru oder Mitsubishi stehen neue Serienmodell, die durchaus eine Perspektive für den europäischen Markt haben.
Neben den Serienmodellen sind es vor allem phantasievolle Studien, die in Tokio traditionell im Blickpunkt stehen. Vor zwei Jahren, bei der letzten Motor Show, war von denen fast nichts zu sehen. Diesmal jedoch haben die Hersteller mehr als ein Dutzend solcher visionärer Typen angekündigt. So, wie der Verkehr in Tokio längst wieder fließt, kommen offenbar auch die Autohersteller langsam wieder in Fahrt.
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