Totalschaden Ein Kreuzer für die Kader

Unter Skeptikern gilt die Mercedes R-Klasse als Flop. Europäer hätten, so erklären es sich die Schwaben, das Konzept zu spät verstanden, und der US-Kundschaft ist das Auto zu teuer. Dass der Wagen nun ausgerechnet in China Erfolg hat, kann selbst Mercedes kaum glauben.


"R-Klasse – nein, danke!", so oder so ähnlich muss es aus der Telefonleitung geklungen haben, als die Vertriebsplaner von Mercedes beim Rundruf durch die Märkte die Bestellungen aus Peking aufnehmen wollten. Zwar hat der Mercedes-Stern im Reich Mitte noch immer den Nimbus des über alle Zweifel erhabenen Statussymbols, doch dieser Wagen schien den chinesischen Händlern dann doch zu ungewöhnlich für ihre Kundschaft.

Mercedes R-Klasse: Von Chinas Parteikadern unerwartet hoch geschätzt
Tom Grünweg

Mercedes R-Klasse: Von Chinas Parteikadern unerwartet hoch geschätzt

Zumal die allermeisten der teuren, aus der westlichen Hemisphäre importierten Autos im staatlichen Auftrag gekauft und genutzt werden. Und die Herren Funktionäre aus Ministerien, Ämtern und Behörden sind nun einmal daran gewöhnt, im Fond einer dunklen Limousine durchs Land chauffiert zu werden. Schon für luxuriöse Geländewagen sind die Kader kaum zu erwärmen. Ein sogenannten Reise-SUV wie die R-Klasse aber, so die Befürchtung der Mercedes-Statthalter in Peking, könne ihre traditionellen Vorstellungen von einem Mercedes sprengen und sie der Konkurrenz in die Arme treiben.

Erst auf "sanften Druck der Zentrale", so berichtet es einer, der es wissen sollte, konnte Stuttgart die chinesische Vertriebsorganisation zur Abnahme von wenigstens 250 R-Klasse-Modellen überreden, was angesichts von etwa 21.000 Mercedes-Zulassungen in einem Markt von 7,2 Millionen Neuwagen nun wirklich eine Minimalstückzahl ist. Doch statt auf irgendeinem Vertriebs-Hinterhof zu versauern, führte die Beharrlichkeit der schwäbischen Zentrale zu einer unerwarteten Blüte ausgerechnet dieses ansonsten eher schwer verkäuflichen Typs.

Hierzulande nämlich kann der Sechssitzer nur wenige Käufer locken. Nach der Statistik des Kraftfahrt Bundesamtes in Flensburg wurden im ersten Quartal dieses Jahres lediglich 1125 Autos vom Typ R-Klasse neu zugelassen. In China jedoch ist der Wagen plötzlich gefragt - und das, ohne dass irgendwelche Werbung gemacht wurde. Überrascht vom Erfolg orderten die Vertriebsverantwortlichen nun sogar neue R-Klasse-Modelle nach, die in China zum Preis von umgerechnet rund 74.000 Euro, verkauft werden. "R-Klasse hat das Absatzziel um 400 Prozent übertroffen", lautet nun die Nachricht, die Mercedes stolz verkünden könnte. Gut, das waren dann 1000 Autos, und somit auch noch keine gewaltige Menge. Aber immerhin kommt der Wagen an. Denn auch in diesem Jahr wurden bereits 400 Modelle in China abgesetzt.

Außerdem ist die Geschichte hinter dieser Zahl ähnlich skurril wie die Nachricht selbst. Denn es sind weder die vielen westlichen Ausländer in China, die das Auto kaufen. Noch sind es die immer zahlreicher werdenden chinesischen Sehr-Viel-Besserverdiener. Sondern ausgerechnet den politischen Kadern auf dem platten Land sei der Erfolg zu verdanken, ist zu hören. Denn gerade die regionalen Parteifunktionäre hätten Gefallen an einem Auto gefunden, dessen Namen ihnen kaum über die Zunge gehen dürfte. Sie schätzen das imposante Format und vor allem die vielen Sitze. Weil in der Volksrepublik nur etwas gilt, wer seinem Fahrer vom Fond aus den Weg weist, macht bei der "Ell"-Klasse ein Benz gleich vier Bonzen glücklich.

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