Von Tom Grünweg
Dass Toyota gute Autos bauen kann, wird niemand bestreiten. In den USA führt die Flotte der Japaner die Ranglisten bei der Kundenzufriedenheit wieder an. Und dass der Hybrid-Pionier Prius einen neuen Trend auslöste, erkennen auch die Konkurrenten an. Im emotionalen Fach jedoch hinkt die Marke seit Jahren hinterher. Das erkannte irgendwann auch Unternehmenschef Akio Toyoda, der bei Oldtimerrallyes gerne einen Toyota 2000 GT bewegt - und dabei stets erfährt, welchen Lustgewinn ein mehr als vierzig Jahre alter Sportwagen vermitteln kann.
Dieses Gefühl von Sportlichkeit und Rasanz sollen bald auch Toyota-Kunden wieder erleben, sagt Toyoda, der sich bei jeder Gelegenheit als Vollgasfreund präsentiert und am Wochenende regelmäßig in den Rennanzug schlüpft. "Ich möchte die Faszination der Rennstrecke auf unsere Autos übertragen." Spaß und Begeisterung am Autofahren sollen für die Toyota-Klientel wieder in den Vordergrund rücken, lautet die Parole des Konzernchefs.
Der Mann, der die Verantwortung dafür trägt, heißt Tetsuya Tada. Er leitet das Entwicklungsprojekt, das bislang unter dem Code FT-86 bekannt ist. Dahinter verbirgt sich die Studie eines kompakten Sportcoupés, das in der Preisklasse knapp unter 30.000 Euro Autos wie dem VW Scirocco oder dem Peugeot RCZ Paroli bieten soll. Der 4,24 Meter lange und nicht einmal 1200 Kilo schwere 2+2-Sitzer, den alle außerhalb Toyotas der Einfachheit halber "den neuen Celica" nennen, soll zunächst durch seine Proportionen auffallen. "Immerhin ist unser Auto mit einer Höhe von 1,27 Metern flacher als ein Porsche Cayman oder ein Ferrari F 430."
Im Grunde ist das Sportcoupé eine komplette Neukonstruktion - mit neuer Plattform und neuem Motor. Zum ersten Mal in der jüngeren Toyota-Geschichte setzen die Japaner auf das besonders flach bauende Boxer-Prinzip. "Nur damit war es möglich, die Haube so flach zu gestalten und den Fahrzeugschwerpunkt maximal abzusenken", sagt Tada. Das Aggregat allerdings ist kein hauseigenes Produkt, sondern stammt von der frisch in den Konzern integrierten Tochterfirma Subaru, die auch die Fertigung des Autos übernehmen wird. Subaru darf den FT-86 aber unter eigenem Logo ebenfalls vermarkten.
Im Tarn-Dress durch die grüne Hölle
Während die Schausteller des Hauses mit den Prototypen über die Messen tingelten, um die Reaktion der Kunden auszuloten, war Tada mit dem entsprechenden Technikträger in aller Welt zu Testfahrten unterwegs. Mit schwarz-weißer Folie beklebt und so bis zur Unkenntlichkeit verkleidet ging es über US-Highways, frostige Pisten in Skandinavien und deutsche Autobahnen. "Und natürlich waren wir auch auf der Nordschleife des Nürburgrings." Die Piste in der Eifel gilt schließlich als Maß der Dinge bei der Abstimmung wirklich sportlicher Autos.
Fahrspaß bedeutet für Tada nicht unbedingt hohe Motorleistung und irrsinniges Tempo. "Mit einem Turbomotor, Allradantrieb und Leistung im Überfluss kann jeder schnell fahren", lästert der Ingenieur. Ihm hingegen gehe es um die Einheit von Mensch und Maschine und um die perfekte Fahrzeugbeherrschung. "Dann muss man die Aufrüstung gar nicht auf die Spitze treiben", sagt Tada. Das neue Auto wird rund 200 PS unter der Haube haben und etwa 220 km/h schnell sein.
Was Tada meint, wenn er von der Symbiose zwischen Fahrzeug und Fahrer spricht, das kann man während einer exklusiven Testfahrt mit dem Prototypen feststellen: Das ganze Auto ist regelrecht um den Menschen am Volant herum gebaut. Man kauert in aufwendig ausgeformten Sitzen tief hinter dem handlichen Lenkrad, rechts ragt aus einer Art Topf der kurze Schaltstummel heraus und man blickt nahezu automatisch nach vorn auf die Straße. Im Fond gibt es zwar eine Rückbank, doch die hat eher das Talent zu einer Hutablage; der Blick nach hinten bringt praktisch keine Erkenntnisse und der Kofferraum im Heck ist auch eher Formsache als ernsthafter Laderaum. Was zählt, ist das Erlebnis, wenn der Boxermotor auf Touren kommt.
Der Boxermotor liefert erst bei hohen Drehzahlen richtig Punch
Hohe Drehzahlen braucht es sehr wohl, damit der Funke überspringt. Wer den FT-86 schaltfaul und niedertourig fährt, der kann sich zwar über einen moderaten Spritverbrauch freuen, doch wäre er in einem normalen Kompaktauto wie etwa dem Toyota Auris besser aufgehoben. Wer hingegen Spaß haben möchte, muss zurückschalten, Gas geben und den Motor orgeln lassen. Nur dann sprintet das Coupé wirklich spritzig davon, nur dann kommt in scharfen Kurven Freude auf, und nur dann erreicht man jene Bereiche, in denen die elektronische Stabilitätsregelung zumindest manchmal eingreifen muss.
Der FT-86 ist weder so schnell wie ein Porsche noch so knackig wie ein BMW. Aber für die brave Biedermannmarke Toyota markiert das Auto durchaus einen Schritt in Richtung Emotionalität. Entsprechend zufrieden ist Projektleiter Tada. Aber was bliebe ihm auch anders übrig? Zu generellen Veränderungen ist es zu spät. Allenfalls ein paar neue Kennlinien für die Steuergeräte oder eine Feinjustierung an Lenkung, Federn und Dämpfern ist noch möglich. Dann jedoch wird das Tarnkleid fallen, denn in zwei Wochen feiert das Coupé Weltpremiere auf der Motorshow in Tokio.
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