Toyota Mirai Wasserstoff marsch!

Huch, sind die Aliens gelandet? Nein, es ist nur der Toyota Mirai, das erste Großserienfahrzeug mit Brennstoffzelle. Wer sich dafür interessiert, muss hart im Nehmen sein - das gilt nicht nur für die Optik.

Toyota

Von Christian Frahm


Es ist schon irritierend: Ausgerechnet zum Europa-Verkaufsstart des Toyota Mirai, des ersten Großserienfahrzeugs mit Brennstoffzelle, sagt der Entwicklungschef des Konzerns, Yoshikazu Tanaka: "Bis zum Durchbruch von Brennstoffzellenfahrzeugen werden wohl noch 10, 20 oder vielleicht noch mehr Jahre vergehen."

Tanaka ist offenbar ein geduldiger Mann - doch was er da prophezeit, ist nicht gerade ermutigend.

Denn zu einer Premiere wie der des Mirai erwartet man Euphorie und Überschwang, doch nichts läge den japanischen Verantwortlichen ferner. Toyota ist auf eine sehr lange Einführungsphase eingestellt.

Allein optisch ist das Auto gewöhnungsbedürftig: schmale Scheinwerfer, weit vorstehende, übergroße Lufteinlässe am Bug und eine wie aufgesetzt wirkende Motorhaube.

Der Innenraum ist übersichtlich gestaltet, an der Armaturentafel gibt es nur wenige Knöpfe und Regler, stattdessen ein zentrales Bedienfeld für die Klimaanlage sowie den Bildschirm des Infotainment-Systems. Geschwindigkeit, Verbrauch und Batteriestand werden dem Fahrer in einem Display mittig unterhalb der Frontscheibe angezeigt.

Das spezielle Design des knapp 4,90 Meter langen Wagens signalisiert den Einsatz einer neuartigen Technik: Der Mirai ist mit Wasserstofftanks und einer Brennstoffzelle ausgestattet. In dieser wird durch die chemische Umsetzung von Wasserstoff und Sauerstoff elektrische Energie gewonnen, diese treibt dann den Elektromotor mit einer Leistung von 155 PS an. Der Charme des aufwendigen Konzepts "mit Chemiefabrik an Bord", wie Kritiker gerne lästern, ist die Reichweite von knapp 500 Kilometern. Dabei entweicht aus dem Auspuff nichts als Wasserdampf und hin und wieder ein paar Wassertropfen.

Rechnen wir den Verbrauch bald in Kilogramm aus?

Gelagert wird der Wasserstoff in zwei Tanks. Einer davon befindet sich vor, der andere hinter der Hinterachse. Unter dem Druck von 700 bar fasst jeder Tank etwa 2,5 Kilogramm Wasserstoff. Auf 100 Kilometern verbraucht der Mirai etwa 0,76 Kilogramm, was Kosten von rund 7,20 Euro entspricht. Für das Geld kann man aktuell knapp sechs Liter Benzin tanken.

Der größte Vorteil des Mirai gegenüber Elektroautos, die mitunter Stunden an eine Ladestation angeschlossen werden müssen, ist der Tankvorgang selbst. Denn das Befüllen mit Wasserstoff dauert gerade einmal drei Minuten und ist auch nicht schwieriger, als eine herkömmliche Zapfpistole zu bedienen.

Ein Elektroauto ohne Reichweitenproblem

Im Stadtverkehr fährt sich der Mirai so direkt und geschmeidig wie jedes andere Elektrofahrzeug auch. Die Brennstoffzellentechnik macht sich höchstens mal beim Beschleunigen bemerkbar, wenn man das Rauschen der einströmenden Luft hört. Während man flink und abgasfrei durch den Berufsverkehr surrt, kommt einem der Gedanke, dass Toyota einen passenden Namen für das Auto gewählt hat - Mirai bedeutet übersetzt "Zukunft".

Einen Haken gibt es aber. Mit einem Kaufpreis von 78.540 Euro oder alternativ einer Leasingrate von 1219 Euro pro Monat ist der Mirai wenig massenkompatibel. Doch Toyota versichert, dass der Preis für Fahrzeuge mit Brennstoffzelle noch drastisch sinken wird - ähnlich wie bei der Hybridtechnologie.

Toyotas Geduld hat sich schon einmal ausgezahlt

Auch bei deren Einführung haben die Japaner langen Atem bewiesen. Bei der Vorstellung des Toyota Prius im Jahr 1997 wurden sie noch belächelt. Heute, nachdem Toyota mehr als acht Millionen Hybrid-Autos verkauft hat, lacht keiner mehr. Und die Verantwortlichen des japanischen Unternehmens hoffen, dass sich diese Geschichte mit der Brennstoffzellentechnik wiederholt.

Zur Sicherheit fährt Toyota bei der Entwicklung des Antriebs der Zukunft zweigleisig. Toyota plant "batteriebetriebene Elektroautos für die Kurzstrecke, Wasserstoffautos für die Langstrecke", erklärt Toyota-Entwickler Tanaka. Ein weiteres, bislang anhaltendes Problem ist der hohe Energiebedarf bei der Produktion von Wasserstoff. Erst wenn Strom dafür allein aus regenerativen Quellen stammt, fährt man mit einem Brennstoffzellenfahrzeug wirklich sauber.

Vorteilhaft wäre es, würden auch andere Autohersteller ähnlich konsequent an der Wasserstoffzukunft arbeiten. Hyundai ist aktuell das einzige Unternehmen, das ebenfalls ein Brennstoffzellenfahrzeug verkauft. "Es sind alle herzlich willkommen", sagt Tanaka. Denn durch eine wachsende Konkurrenz würde die Nachfrage nach der Technik steigen und die Preise für die entsprechenden Komponenten fallen. Zudem käme dann der Aufbau der Infrastruktur schneller voran. Das Tankstellennetz für Brennstoffzellenfahrzeuge ist noch recht dünn, in Deutschland gibt es derzeit 20 Stationen. Bis 2023 soll das Netz auf 400 Stationen wachsen.

Die Politik unterstützt die Wasserstofftechnologie. In Europa werden bis zum Jahr 2020 rund 650 Millionen Euro Fördergelder für die Wasserstofftechnik bereitgestellt, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Eine nette Geste, vielmehr ist das kaum. Denn mit dem bereitgestellten Geld werden die Unternehmen nicht weit kommen. Alleine die Entwicklung eines neuen Modells mit konventioneller Technik verschlingt einen hohen dreistelligen Millionenbetrag.

Die neue Technik soll ganz langsam Fahrt aufnehmen

Toyota wird in diesem Jahr lediglich 700 Exemplare des Mirai bauen - nur 25 davon gehen nach Deutschland. 2017 sollen es dann 3000 Brennstoffzellen-Autos werden und im Jahr 2020 bereits 30.000 Mirai jährlich. Der Mirai ist also vor allem eine Wette auf die Zukunft.

Ist Deutschland bereit für das Zeitalter der Wasserstoff-Autos? Das wollen die manager-magazin.de-Redakteure Nils-Viktor Sorge und Wilfried Eckl-Dorna herausfinden. Ab Montag, den 02.11.2015 testen sie Toyotas Mirai bei einer zweitägigen Langstreckenfahrt quer durch Deutschland - und berichten darüber live aus dem fahrenden Auto. Den Testfahrt-Ticker finden Sie ab Montag früh auf manager-magazin.de.



insgesamt 180 Beiträge
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Seite 1
trader_07 30.10.2015
1. Mich würde noch interessieren...
Mich würde noch interessieren, ob der Designer dafür Geld bekommen hat.
lupidus 30.10.2015
2.
hat bmw nicht schon in den 90ern daran gearbeitet ? was wurde daraus ? was passiert eigentlich wenn 2,5kilo wasserstoff aufgrund eines defekten tanks in der stadt verpuffen ?
lupidus 30.10.2015
3.
um nicht nur zu meckern: top leistung. die deutschen schaffen nicht mal hybrid für die masse und toyota verbaut schon wasserstoff...
ChrisQa 30.10.2015
4. Der nächste Tippelschritt
Der Artikel trifft das Hauptproblem auf den Punkt. Die Produktion von Wasserstoff ist ineffizient, ebenso die Ausbeute via Brennstoffzelle. Die einzigen Vorteile sind die Reichweite und die Betankungsgeschwindigkeit. Da stehen aber Fahrzeuge wie ein Tesla zumindest was die Reichweite angeht nicht viel schlechter da. Interessant wird das Konzept erst in einigen Jahren, wenn ein Grossteil der benötigten Energie über Windkraft- und Solaranlagen erzeugt wird und dabei Produktionsüberschüsse in die Wasserstoffgewinnung abgeleitet werden. Bis dahin wird eventuell auch die Brennstoffzelle weiter optimiert, ebenso die Wasserstofftanks. 1,85to wird dann solch ein Fahrzeug vielleicht auch nicht mehr wiegen, sodass weniger Energie für den Transport der Technik benötigt wird. Solange ist das Fahrzeug nicht mehr als ein Beispiel des Möglichen ohne Relevanz für die Massen.
dennis_89 30.10.2015
5. 50?...
für eine Tankfüllung (500 km)? Ahaha....nein danke.
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