Tramontana Rakete auf Rädern

Wer sagt denn, die spanische Automobilindustrie liege am Boden? Seat hat zwar gerade schwer zu kämpfen. Doch im Geist alter Luxusmarken wie Hispano Suiza reift derzeit bei Barcelona ein neuer Supersportwagen heran: Der Tramontana.


"Es gab eine Zeit, da hatte auch Spanien hoch qualifizierte Automobilhersteller, die sehr vornehme, prestigeträchtige und luxuriöse Limousinen und Sportwagen auf die Räder gestellt haben", sagt Xavier Lopez. In den Unterlagen klingt diese nüchterne Bilanz wie die Klage eines Märchenerzählers, der nur noch das "Es-war-Einmal" fehlt. Denn die goldenen Zeiten von Hispano Suiza und Pegaso sind längst vorbei. Heute sei Seat der letzte spanische Automobilhersteller, und der werde als Tochter des VW-Konzerns längst aus Deutschland regiert, klagt Lopez mit gekränktem Nationalstolz.



Weil er und ein paar engagierte Ingenieure diesen Niedergang nicht weiter hinnehmen wollten, haben sie vor ein paar Jahren ein ehrgeiziges Projekt gestartet. Unter dem Motto "A Return to Excellence" wollen sie vor den Toren Barcelonas die alte Handwerkskunst spanischer Fahrzeughersteller wieder beleben und zu neuen Höhen führen.

Wie aus dem Starterfeld der Formel 1 entwischt

Als Stütze für die gekränkte Ehre der Katalanen dient dabei ein ebenso eigenwilliger wie exklusiver Sportwagen namens Tramontana, der seine Weltpremiere jetzt auf dem Genfer Salon feiert. Der Monoposto wurde von einer handvoll spanischer Automobil- und Flugzeug-Ingenieure entwickelt, die ihre gut bezahlten Jobs bei deutschen Großkonzernen an den Nagel gehängt hatten. Das Auto sieht aus, als wäre es gerade dem Starterfeld der Formel 1 entwischt und zu einem Abstecher auf die Flaniermeile Rambla nach Barcelona ausgebrochen.

Wie die Boliden von Schumi & Co, hat auch der Tramontana eine schlanke, stromlinienförmige Karosserie, die von vier nahezu frei stehenden Rädern getragen wird. Anders als die Formel-1-Piloten müssen die Fahrer der spanischen Rakete auf Rädern aber nicht alleine auf Reisen gehen. Wer will, bekommt unter der gläsernen Pilotenkanzel noch einen zweiten Sitzplatz eingebaut. Allzu bequem dürfte es dort allerdings nicht werden. Schließlich ist der Tramontana zwar 4,85 Meter lang und 2,08 Meter breit, aber dafür mit 1,30 Metern nicht einmal hüfthoch.

Ein Mercedes-Motor, getunt auf 720 PS

Außerdem könnte es insbesondere für den Beifahrer etwas lauter werden. Denn der sitzt direkt vor dem längs montierten Zwölfzylindermotor, den die Spanier bei Mercedes eingekauft und dann auf 720 PS hochgeschraubt haben. Gezähmt von einem manuellen Sechsgang-Getriebe, zerrt die Maschine mit bis zu 825 Nm an den 335er-Walzen auf der Hinterachse und hat dabei buchstäblich leichtes Spiel. Weil Chassis und Karosserie aus Karbonfasern gewoben werden, die Räder aus Magnesium geschmiedet sind und selbst bei vielen Schrauben Titan zum Einsatz kommt, bringt der Tramontana nur 1150 Kilo auf die Wage.

Unter dem Strich ergibt das ein Leistungsgewicht von 1,6 Kilo pro PS, was für eine ausgesprochen spontane Beschleunigung spricht. Zwar liegen explizite Messergebnisse noch nicht vor, doch sprechen die Spanier von Sprintwerten weit unter vier Sekunden. Und dass der Tramontana schneller als 300 km/h fahren kann, glaubt man den Entwicklern selbst vor dem stehenden Fahrzeug aufs Wort.

Geschneidert wird der Tramontana auf Maß

Gebaut wird der Tramontana so, wie ein guter Schneider einen Anzug näht: von Hand und nach Maß. Deshalb ist jedes Auto ein Einzelstück, das von den etwa 150 Mitarbeitern rund um das ergonomische Abbild des künftigen Fahrers herum gebaut wird und auch bei der Auswahl der Materialien den Wünschen des Käufers folgt. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig: Leder und feine Hölzer gehören dazu, Edelsteine im Lenkrad ebenso. Selbst beim Chassis gehen sie ihren eigenen Weg. Werden andernorts die Rahmennummern eingeschlagen, gravieren die Spanier jeweils den Vers eines Gedichtes ins Trägerwerk. So poetisch ist die Individualisierung sonst nirgends.

Natürlich hat das Exaltierte seinen Preis. Mit mindestens 610.000 Euro ist der schnelle Spanier deutlich teurer als die meisten anderen Supersportwagen, mit denen Millionäre sich sonst ihre Freizeit verkürzen mögen. Dafür allerdings ist eine Ausfahrt im Tramontana ein in jeder Hinsicht exklusives Vergnügen. Gemessen an den Produktionszahlen sind selbst Mercedes SLR oder Ferrari Enzo Massenware: Mehr als ein Auto pro Monat wird nicht gebaut. Und weil die Produktion erst anlaufen muss, wird es in diesem Jahr sogar nur drei Tramontana geben. Die allerdings sind bereits verkauft. Einer bleibt in Spanien, einer andernorts in Europa und einer - wie könnt es anders sein - wird demnächst durch die Vereinigten Arabischen Emirate jagen.



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