Trend auf der IAA: Klein und Kult

Von und Jürgen Pander, Frankfurt am Main

Mit Kleinwagen können die Konzerne kein Geld verdienen? Diese Zeiten sind vorbei. Früher waren Lupo und Co. nur etwas für Führerschein-Neulinge, heute haben der BMW i3 und andere Modelle Kultpotential für hippe Städter. Auf der IAA zeigen die Hersteller Autos, die Luxus auf engem Raum bieten.

Kleinwagen: Viel Geld mit wenig Auto Fotos
AFP

Weiß-blaue Ledersitze, viel Chrom, eine Mahagoni-Instrumententafel - selten näherte sich ein Kleinwagen so offensiv der Luxusklasse an wie der Up Azzura Sailing. Der kleine Volkswagen will kein Zweitwagen sein, sondern eine kleine Yacht auf Rädern, gemacht für die Küstenstraßen des Mittelmeers und so offenherzig wie einst der legendäre Mini Moke oder der Citroën Mehari.

Der Azzura Sailing dürfte zwar nur eine Studie bleiben, ebenso wie die Version eines Strandbuggys, den die Wolfsburger am ersten Tag der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt zeigten. Doch beide Spielarten stehen für einen Trend. Sie deuten die Ambitionen an, die das Designerteam von Walter de Silva mit dem neuen Kleinwagen verbindet. Die Sorge, dass der Up ein billiges Einstiegsmodell allein für Fahranfänger werden könnte, hat man in Wolfsburg jedenfalls nicht. Zielgruppe sind die Besserverdiener, die für ihr Leben in der Großstadt ein kleines, aber keineswegs karges Mobil haben wollen.

Der Mini von BMW und der 500 von Fiat haben vorgemacht, wie es geht. Jetzt zieht nicht nur Volkswagen mit Vehemenz nach. Doch auch in Bezug auf die Optik sind die Kunden anspruchsvoller. Ein höher gelegter Up mit Kunststoffbeplankung à la Polo Cross ist praktisch ebenso beschlossene Sache wie eine besonders sparsame Variante mit Erdgasantrieb und nur 76 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer, oder ein GT mit aufgeladenem Dreizylinder und rund 100 PS. "Mit dem Up werden wir gutes Geld verdienen", ist sich VW-Sprecher Marco Dalan sicher.

Tolle Kiste mit individueller Ausstattung

Dabei ist Volkswagen keineswegs allein. Wie sich das Erscheinungsbild und das Image von Kleinwagen inzwischen verändert hat, zeigt auch der neue Fiat Panda. Vor 31 Jahren präsentierte Fiat das Auto als spartanische Kiste mit dem wohl pragmatischsten Design, das jemals ein Pkw verpasst bekam. Später wurde der von Giugiaro gestylte Würfel auf Rädern als Kult verklärt - anfangs war der Panda einfach nur Rudimentär-Mobilität einfachster Bauart, mit Campingstühlen als Sitzen, Blechen dünn wie bei einer Getränkedose, 700 Kilo schwer und in der schwächsten Variante mit 30 PS motorisiert.

Das jetzt auf der IAA vorgestellte Modell der dritten Panda-Generation soll nach den Worten des neuen Fiat-Markenchefs Olivier François zwar auch eine "tolle Kiste" werden, ist aber ein Auto völlig anderer Machart. 3,65 Meter lang, mit fünf Türen, mit Motoren von 65 bis 85 PS, Automatikgetriebe, transparentem Sonnendach, portablem Navigationssystem und insgesamt mehr als 600 Kombinationsmöglichkeiten aus Lackfarben, Ausstattungen und Interieurs.

Ohnehin scheint im Zeitalter der urbanen Subkulturen eine möglichst individuelle Ausstattung zum Pflichtprogramm von Kleinwagen zu gehören. Es gilt, ein Auto anzubieten, dass jeden Geschmack befriedigt - und wenn es nur farbige Aufkleber sind oder bunte Außenspiegelkappen, mit denen die Besitzer ihrer Persönlichkeit Ausdruck verleihen können. Ob die IAA-Premieren Mini Coupé, Renault Twingo, Toyota Yaris oder Kia Picanto - die Listen mit den aufpreispflichtigen Extras sind inzwischen beinahe länger als bei den großen Modellbrüdern.

Vom Pflichtprodukt zum Renditebringer

Kleinwagen, früher von den Herstellern geschmäht als lästige Pflichtprodukte, um Fahranfänger für die Marke zu gewinnen, sind längst auch Renditebringer. "Man kann heute auch mit Kleinwagen ordentlich Geld verdienen", sagt Nick Margetts, Deutschlandchef des Marktbeobachtungs-Unternehmens Jato Dynamics, "vorausgesetzt, die Autos werden mit möglichst vielen Optionen bestellt. Und genau diese Extras bieten die Hersteller ja in immer größerem Maß an." So gibt es zum Beispiel für den VW Up gegen Aufpreis einen Notbremsassistenten, der bislang eher in den größeren Wagenklassen zu finden war.

Die Zusatzrendite erwirtschaften die Hersteller nicht nur mit sehr luxuriösen Modellen, sondern auch mit den extrem sportlichen. Ford beispielsweise zeigt auf der IAA die schon recht seriennah erscheinende Studie Fiesta ST, ein Auto mit 1,6-Liter-Turbomotor, 180 PS und mehr als 220 km/h Höchstgeschwindigkeit. Noch ein Stück bemerkenswerter ist der Abarth 695 Tributo Ferrari, eine sorgfältig nachgeschärfte Version des Fiat 500. 1,4-Liter Motor, 180 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 225 Kilometern pro Stunde machen den Quirl zum Schrecken der Mittelklasse-Schnellfahrer. Im Innern verwöhnen feinstes Leder und Karbon-Applikationen. Der Luxus ist sogar erfreulich diskret verpackt: ein Frontspoiler und ein kleiner Diffusor am Heck sind Erkennungsmerkmale für Eingeweihte.

Vorbei ist auch die Zeit, als sich technische Innovationen von oben nach unten durch die Baureihen verbreiten. Beim Kleinwagen BMW i3, der Ende 2013 auf den Markt kommen soll, ist es genau umgekehrt.

Das 3,85 Meter lange Stadtauto verfügt über eine Mischbauweise aus Aluminium und Karbon, einen Elektromotor der seine Energie aus Lithium-Ionen-Akkus bezieht, die im Fahrzeugboden untergebracht sind und gegenläufig öffnende Türen ohne B-Säule. Derartiges gibt es sonst noch nicht im Automobilbau. Der Kleinwagen i3 ist in jedem Fall ein technischer Trendsetter - und er könnte zum Must-have-Automobil solventer Großstädter mit eigener Garage samt Stromanschluss werden. Denn auch wenn BMW über den Preis des Autos noch nicht sprechen mag: Klar ist, dass dieser E-Mini einen Maxi-Betrag kosten wird.

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. Auto?
wolltsnursagen 14.09.2011
Ich hab auf dem ersten Bild kein Auto erkennen können.
2. Tits & Ass
muhammaned 14.09.2011
Zitat von wolltsnursagenIch hab auf dem ersten Bild kein Auto erkennen können.
ich auch kaum - aber auf vielen Bildern die Art Püppis, die die Automänner sich wünschen. Erwachsene Frauen waren keine anwesend. Zeigt doch sehr deutlich, wie erwachsen man die Zielgruppe der Autokäufer einzuschätzen hat!?
3. …
_muskote 14.09.2011
einfach den verbrennungsmotor heraus und stattdessen einen elektromoter hereinpoppen? das kann doch nicht alles sein. ansonsten schön zu sehen, dass die deutsche autoindustrie das ganze endlich mal halbwegs ernst nimmt. :)
4. Hippe Städter
u2009 14.09.2011
Ich dachte, "hippe Städter" brauchen kein Auto. Ja, was denn jetzt angesagt? Auto oder nicht Auto?
5. Das sind doch keine Kleinwagen
WernerS 14.09.2011
Mini oder Fiat 500 sind Dickschiffe fetter als der Mercedes meines seligen Großvaters.
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Die IAA
Die IAA ist vom 15. bis 25. September jeweils von 9 bis 19 Uhr geöffnet.

Während der Publikumstage vom 17. bis 25. September kostet eine Tageskarte 13 Euro, an den Wochenenden jeweils 15 Euro. Für ein Kurzbesuch ist in der zweiten IAA-Woche täglich ab 15 Uhr ein günstigeres Feierabendticket für 8 Euro erhältlich.

Schüler, Auszubildende und Studenten zahlen 7,50 Euro für einen ganzen IAA-Tag (Feierabendticket: 4,50 Euro). Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt.

Wer Warteschlangen an der Tageskasse umgehen will, kauft die Eintrittskarten am besten online und zahlt per Kreditkarte oder Lastschrift.

Die Automesse ist gut per Bahn erreichbar: Die S-Bahnlinien 3, 4, 5 und 6 halten ebenso am Messegelände (Station "Messe"), wie die U-Bahnlinie 4 und die Straßenbahnlinie 16. Wer mit dem Auto anreist, folgt von der Autobahnabfahrt "Frankfurt West/Messe" der Beschilderung IAA.
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