Trettaxis für den Nachwuchs Fünf Kinder, drei Räder, ein Test

Alles einsteigen, bitte! Wenn man die Passagiere ordentlich stapelt, passt in ein Lastenfahrrad eine halbe Kita-Gruppe. Im Test von SPIEGEL ONLINE traten ein Dreirad und ein Long John gegen einen klassischen Fahrradanhänger an. Für die Kinder steht fest: Vorn sitzt es sich am besten.

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SPIEGEL ONLINE

Ein kleines Kind kann eine Menge Schwierigkeiten machen. Sobald aber ein zweites dazukommt, stehen viele Eltern vor einem logistischen Problem: Wie bringt man die Kids früh schnell in die Kita oder auf den Spielplatz? Mit einem Kindersitz am Velo kommt man nicht weit, solange das größere Kind noch nicht selbst Rad fährt. Zwei Kindersitze an einem Rad sind eine wackelige Angelegenheit - viele entscheiden sich dann fürs Auto.

Mehr Platz bieten Kindertransporträder. Fast schon ein Klassiker in diesem Segment ist das dreirädrige Christiania Bike, das 1984 in Kopenhagen erfunden wurde und bis heute produziert wird. Bis zu hundert Kilogramm lassen sich in der Kiste vor dem Lenker verstauen - da passen zur Not auch die beiden Nachbarskinder noch mit hinein.

Mittlerweile existieren diverse Nachbauten und Weiterentwicklungen des Dreirads. SPIEGEL ONLINE hat ein Gefährt der dänischen Marke Nihola getestet, das sich dank Gestänge besonders leicht lenken lässt. Denn bei Christiania Bike dreht man beim Lenken nicht nur die Räder, sondern die ganze auf einem Drehschemel sitzende Transportkiste. Das erfordert zumindest bei geringen Geschwindigkeiten mehr Kraft.

Transportvelos auf drei Rädern sind allerdings nicht die einzige Option. Mehrere Hersteller haben den Radklassiker Long John wieder entdeckt. Das ist ein zweirädriges Lastenfahrrad mit einem verlängerten Radstand, dessen Ursprünge Ende der zwanziger Jahre ebenfalls in Dänemark liegen. Zwischen Lenksäule und Vorderrad befindet sich die Ladefläche, die Lenkbewegung wird wie beim Nihola über ein Gestänge zum Vorderrad übertragen. Getestet wurde das Modell Cabby vom holländischen Hersteller Gazelle. Ein weiterer Anbieter ist beispielsweise die holländische Fietsfabriek.

Und natürlich darf in einem Test von Kindertransporträdern ein Anhänger nicht fehlen: das Modell Captain XL von Chariot mit besonders großem Innenraum.

Fotostrecke

11  Bilder
Kindertransporter: Im Dreirad zur Kita
Auf den ersten Blick spricht alles für den Anhänger: Er kostet mit 750 Euro nur halb so viel wie das Gazelle Cabby. Hänger anderer Hersteller wie Croozer, Burley, Weber oder Kindercar sind sogar noch preiswerter. Mit 2300 Euro am teuersten ist das Nihola, das für den deutschen Markt in einer kleinen Berliner Manufaktur produziert wird.

Mit einem Anhänger kann man sofort losfahren, das Fahrgefühl ist kaum verändert. Nur auf die größere Breite des Hängers muss man achten. Viele Modelle, auch die von Chariot, lassen sich mit wenigen Handgriffen zu einem Buggy oder Jogger umbauen. Man demontiert die Deichsel und steckt die zwei kleinen Räder vorn einfach um, so dass sie auf dem Boden rollen - siehe Fotostrecke.

Ein weiterer Vorteil eines Anhängers: Er lässt sich von verschiedenen Rädern ziehen. Früh bringt Mama die Kids in die Kita, der Hänger bleibt dort. Und nachmittags rollt Papa die Kinder nach Hause. Mit einem zwei- oder dreirädrigen Lastenfahrrad geht das nur, wenn das Rad tagsüber in der Kita stehenbleibt.

Warum sollte man überhaupt zu einem Lastenfahrrad greifen? Beim Gazelle Cabby ist es vor allem der Fahrspaß. Wer gern zügig fährt, für den ist die Long-John-Variante wohl die erste Wahl. Die ersten Meter sind wegen des langen Radstands noch ungewohnt - aber schon nach kurzer Zeit kurvt man damit flott durch die Straßen. Reichlich Kraft erfordert allerdings das Aufbocken des voll besetzten Bikes - vor allem für zierliche Frauen eine kaum lösbare Aufgabe.

Kindertransporter

Modell Nihola Cigar Gazelle Cabby Chariot Captain XL
Masse 33 kg 38 kg 15 kg
Zuladung 100 kg 75 kg 45 kg
Preis 2300 Euro 1500 Euro 750 Euro
Beim Nihola besteht dieses Problem nicht. Dank dreier Räder steht das Bike stets sicher - eine Feststellbremse am Lenker verhindert, dass das Gefährt ungewollt wegrollt. Der dazugehörige Hebel erfordert allerdings einen kräftigen Daumen. Sicherer Stand und die Kinder beim Radeln immer im Blick - das sind die Vorteile von Lasteseln der Bauart Christiania oder Nihola.

Gewöhnungsbedürftig ist freilich das Fahren auf dem Dreirad: Es legt sich nicht in die Kurve. Wer nicht aufpasst und zu scharf abbiegt, läuft Gefahr, vom Rad geworfen zu werden. Nach ein paar Kilometern fühlt man sich aber immer sicherer - und traut sich sogar kleine Stunts wie die Fahrt auf zwei Rädern.

Ansonsten bieten die drei Testmobile ähnliche Funktionen: Eine Babyschale lässt sich befestigen, größere Kinder können angeschnallt werden. Vor Regen schützt ein Verdeck, das beim Cabby von Gazelle jedoch nicht zur Standardausstattung gehört. Das Nihola und das Cabby eignen sich zudem gut für den Großeinkauf - der Platz reicht locker für einen Bierkasten.

Achtung Kurve!

Cargobikes waren sogar schon Gegenstand der Gender-Forschung. Indre Andrea Monjezi-Brown von der TU Hamburg-Harburg attestierte dem Long John eine "männlich konnotierte Geschlechtszuschreibung". Niholas Dreirad sei hingegen explizit für eine weibliche Zielgruppe konstruiert worden. Dies zeige sich in Design und in der Produktwerbung.

Für welches Modell sollte man sich also entscheiden? Keine Frage, der Anhänger ist die praktischste und günstigste Lösung. Es muss ja nicht zwingend ein vergleichsweise teures Modell von Chariot sein. Zu beachten sind allerdings die Verwendung teils giftiger Materialien, die der ADAC kürzlich bei einem Test von Fahrradanhängern nachgewiesen hat. Nur ein Modell erhielt letztlich ein "gut" - der Cougar 2 von Chariot, eine etwas sportlichere Variante. Der Captain XL wurde vom ADAC nicht getestet.

Mehr Fahrspaß als ein Hänger - auch aus Sicht der Kinder - bringen die echten Lastenräder. Mit Gazelles Cabby kann man sehr flott fahren, das Nihola ist eher etwas für gemütliche Radler. Wer in einer bergigen Gegend wohnt, wird mit einem Cargobike jedoch kaum glücklich werden. Sie sind mit über 30 Kilogramm plus Kinder plus Zuladung einfach zu schwer. Bevorzugtes Revier der Kindertransporter sind ebene Städte wie Amsterdam oder Kopenhagen. Aber auch in Hamburg, Berlin oder München sieht man die Spezialräder immer öfter.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Ingmar E. 06.07.2010
1. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Für Alltagsradfahrer lohnt sich die Fahrradzukunft (www.fahrradzukunft.de/8/ ), Ausgabe 9 dreht sich um Kindertransport und Möglichkeiten des autofreien Lebens mit Kindern. In Ausgabe 10 finden sich Artikel über Radfahren in der Schwangerschaft.
Äquipotentiallinie 06.07.2010
2. Sicherheit
Dafür gab es 1970 auch noch über 20000 Verkehrstote pro Jahr, während es 2009 "nur" etwa 4000 waren (und das, obwohl die Verkehrsdichte und auch die Durchschnittsgeschwindigkeiten heute wesentlich höher sind als damals).
chrigau 06.07.2010
3. Alle mein Helm und auch sonst so
Ich weiß, ich weiß, Thema Fahrradhelm ist ein schwieriges ... Aber wenn denn was passiert, ist das Geschrei groß. Und so als Vorbildwirkung wären doch Radhelme auf den Fotos und dem Video angebracht. Meiner Erfahrung nach sind auch deutlich mehr Väter mit Kindern und dem Fahrrad unterwegs als der Beitrag suggeriert. ;-) Ok, wenn man sich jetzt vorstellt, das die Damen im Beitrag das Modell Gazelle Cabby wirklich verwenden, stellen sich folgende Fragen: Fahrräder werden im allgemeinen ja stadtnah verwendet, dort gibt es für gewöhlich Wohnungen wo Fahrräder in Keller stehen. Gazelle Cabby wiegt 38 kg, ... OK, das spart das Mukibude. Das Modell Nihola wird wahrscheinlich auch ein Gewichtheber in den besten Jahren nicht die Kellertreppe herunterjonglieren können. Daher die nächste Frage, Zielgruppe sind also offensichtlich Carport oder Fahrradschuppen - BesitzerINNEN. Eben jene(also die Carports) stehen doch meinst neben Einfamilienhäusern in städtischen Randgebieten. Mmmmh, also in das Modell Nihola kommen dann das Kind/die Kinder, alles was man sonst so braucht, der Einkauf, ... und und und, maximal 100 kg und damit fährt die moderne Mama von heute nur so aus Spaß einfach mal sagen wir bsplw. 15 km aus der EFH-Siedlung in die Stadt um ein bisschen im Park zu chillen und den Kindern ein Eis zu kaufen. Danach fix zurück, weil ja sonst der Einkauf schlecht wird. ;-) Mmmmhhh, ich weiß nicht, ob das alles so funktionieren wird ?!?!
totak 06.07.2010
4. Ein Plädoyer für Fahrradanhänger
Wir haben uns vor 3 Jahren für unsere Zwillinge (damals gerade 1 Jahr alt) den Captain XL gekauft und haben es bis heute nicht bereut. Der großer Vorteil des Anhängers ist, dass man ihn zu einem Kinderwagen umbauen kann. Der schiebt sich dann wesentlich leichter als unser Zwillingsbuggy und bietet auch deutlich mehr Stauraum. Wir leben in Berlin-Kreuzberg und verzichten bewusst auf ein Auto; ich war 15 Jahre lang beinahe täglich als Monteur auf Berlins Straßen unterwegs und hatte Anfang der 90er einfach die Nase voll vom Autofahren (und mittlerweile einen Bürojob : ). Zusätzlich zu dem Kinderanhänger haben wir noch einen Lastenanhänger von Roland für die Einkäufe. In den Lastenanhänger kommen auch die Laufräder der Kinder, wenn wir auf dem Weg in den Zoo oder in den Park zum Picknicken sind. Diese Kombination kann ich absolut weiterempfehlen.
hajoschneider 06.07.2010
5. .
Zitat von sysopAlles einsteigen, bitte! Wenn man die Passagiere ordentlich stapelt, passt in ein Lastenfahrrad eine halbe Kita-Gruppe. Im Test von SPIEGEL ONLINE traten ein Dreirad und ein Long John gegen einen klassischen Fahrradanhänger an. Für die Kinder steht fest: Vorn sitzt es sich am besten. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,703520,00.html
Das kann ich nur unterstreichen. Wer seine Kinder im Anhänger transportiert, handelt in meinen Augen verantwortungslos. Man hat die Kinder nicht im Blick und auch keinen nahen Kontakt. Im Verkehrslärm kann man sie oft nicht einmal hören. Aber am schlimmsten finde ich, dass Sie fast genau auf Höhe der Auspuffrohre von Autos und Motorrollern befinden. Außerdem erinnere ich mich dunkel an einen Bericht, dass der TÜV festgestellt hat, dass die Belastung der Wirbelsäule bei den Kleinen im Fahrradanhänger ziemlich hoch ist. Aber das alles war wohl nicht Gegenstand der Untersuchung.
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