Ärger um Hauptuntersuchung TÜV will Autofahrer beschwichtigen

In der Affäre um ungenaue Messungen will der TÜV Autofahrer beruhigen: Weder sei die Hauptuntersuchung noch seien ihre TÜV-Plaketten in Gefahr, so ein Sprecher. Die DAkkS, die den Prüfern die Akkreditierung entzogen hatte, sieht das anders.

Alles im Lack? Der TÜV-Verband will Autofahrer in der HU-Affäre beruhigen
DPA

Alles im Lack? Der TÜV-Verband will Autofahrer in der HU-Affäre beruhigen


Nach einem Bericht des SPIEGEL war in den letzten Tagen eine urdeutsche Institution ins Wanken geraten: Der TÜV, Sinnbild von Pedanterie und deutscher Gründlichkeit, soll ungenau gearbeitet haben und ist deswegen vom Verlust seiner Zulassung als Prüfgesellschaft bedroht.

Was war passiert? Die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS), von der der gemeine Autofahrer vermutlich vorher noch nie gehört hatte, akkreditiert seit 2011 Überwachungsorganisationen wie TÜV oder Dekra, die in Deutschland Hauptuntersuchungen bei Pkw machen. Sie wurde nach Vorgaben der EU vom Bund gegründet und soll die Überwachungsorganisationen nach internationalen Maßstäben begutachten.

Und mit der Begutachtung von deutschen Prüfgesellschaften war sie offensichtlich nicht so zufrieden: Weil Vorschriften zur Dokumentation von Prüfgeräten nicht eingehalten worden sein sollen, entzog die DAkkS TÜV und Co. kurzerhand die Akkreditierung (Lesen Sie hier das ausführliche FAQ zum Thema).

Zweiter herber Schlag für TÜV und Co. innerhalb weniger Wochen

Für die Prüfer war es der zweite herbe Schlag in den letzten Wochen. Denn durch die VW-Affäre und die Frage nach der Genauigkeit der Überwachung erschienen die Gesellschaften eh schon in keinem besonders guten Licht. Und jetzt das: Sollten Millionen Autofahrer wegen Schlamperei von TÜV und Co. ihre Autos stilllegen müssen?

Autofahrer müssen keine negativen Folgen fürchten, teilte der TÜV-Dachverband am Donnerstag in Berlin mit. Der Verband gehe davon aus, dass eine Lösung für eine Akkreditierung gefunden werde, sagte ein Sprecher. Die erteilten Plaketten hätten volle Gültigkeit. Ähnlich äußerte sich das Bundesverkehrsministerium. Eine sofortige Vollziehung der Aussetzung von der Akkreditierung sei vorerst nicht angeordnet worden, hieß es.

Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Bundesverkehrsministerium, Ländern und Prüforganisationen soll nun Anfang des kommenden Jahres eine "grundsätzliche Lösung" erarbeiten, wie das Ministerium und Prüforganisationen mitteilten.

Die Messgenauigkeit soll stimmen

"Die TÜV-Unternehmen gehen davon aus, dass unter allen Beteiligten eine einvernehmliche Lösung erzielt wird, sodass eine Hauptuntersuchung in Werkstätten auch in Zukunft nicht infrage gestellt ist", erklärte der Verband der Technischen Überwachungs-Vereine (VdTÜV).

Es gehe ausschließlich um Änderungen auf EU-Ebene und die Umsetzung von europäischen Vorgaben in Deutschland. Es gehe "explizit nicht um die Messgenauigkeit".

Auch ein Sprecher der Prüforganisation Dekra betonte, der Bescheid der Akkreditierungsstelle beziehe sich nicht auf eine nicht ordnungsgemäße Prüfleistung, sondern ausschließlich auf eine vermeintlich nicht vollständige Dokumentation von geeichten Prüfgeräten.

Die Beschwichtigungsversuche der betroffenen Organisationen kontert die DAkkS mit einer eigenen, am Sonntag veröffentlichten Stellungnahme. Darin bestätigt sie erneut die Aussetzung der Akkreditierung und betont, dass bereits im Sommer 2015 alle Akteure inklusive des Bundesverkehrsministeriums über die Gefahr einer Aussetzung informiert worden seien. Nur hat sich offenbar bis zum Bericht des SPIEGEL dafür niemand interessiert.

Animation: Das System TÜV

DER SPIEGEL



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 89 Beiträge
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al95 27.12.2015
1.
Interessant wäre zu wissen um welche Messgeräte es sich handelt, so viele werden zur Fahrzeugprüfung nicht benötigt, das einzige was mir spontan einfällt sind die obd-adapter zum prüfen der bremskraft... Aber die gibt es vielleicht 3 oder 4 Monate, dann wären die ja von Haus aus ungenau gewesen...
orosee 27.12.2015
2.
Es sollte erwähnt werden, daß in der DAkkS Akkreditierungsstellen zusammengefasst wurden, die teilweise seit Jahrzehnten existieren (wie etwa die TGA). Es handelt sich also nicht um etwas neues, sondern um eine Neuorganisation von erfahrenen und bekannten Stellen, von denen viele schon lange Jahre mit TÜV etc. gearbeitet haben.
Lignite 27.12.2015
3. Als der TÜV noch ein gemeinnütziges Unternehmen war, kostete die PKW-Untersuchung 7 DM. Für´s Motorrad 4 DM.
Heute -in Zeiten des Raubgierkapitalismus und der Umgestaltung in ein profitorientiertes Unternehmen- kostet die HU umgerechnet ca. 200 DM. Also das 30-fache von 1965. Nach der errechnete Inflationsrate des Statistischen Bundesamtes dürfte die nur ca. 14 DM kosten, also 7 Euro. Wenn man jetzt noch die Ursachen der Unfälle von 1965 mit den Unfällen von 2015 vergleicht, die aufgrund von sicherheitsrelevanten Mängeln geschahen, kommt man zwangsläufig zu dem Schluss, dass die Fahrzeugsicherheitskontrollen eine hochkorrupte Angelegenheit ist. Bei den ca. 2 1/2 Mio. Verkehrsunfällen werden die Unfälle, die auf Defekte an der Technik beruhen, noch nicht einmal erfasst. So gering ist der Anteil. Und das war 1965 (bei 7 DM für die Untersuchung) nicht anders. Es haben sich trotz der Verdreissigfachung des Untersuchungspreises keinerlei Sicherheitsfortschritte durch verbesserte Kontrolle der Fahrzeugtechnik ergeben. Die ASU ist sogar völlig daneben. Nicht nur, dass die Abgaswerte vom Hersteller erstunken und erlogen sind, auch die Untersuchung selbst ergibt kaum einen Vorteil gegen die Sicht- und Geruchsprüfung, die dunemals jeder TÜV-Prüfer nebenbei machte. "Ihr Wagen räuchert - Sie müssen in die Werkstatt." "Der Motor läuft nicht rund und stösst unverbranntes Benzin aus - gehen Sie damit besser sofort zur Werkstatt und kommen Sie dann mit der Rechnung wieder." Wenn man bei der Sicherheit ansetzen will, muss man an den Fahrer ran. 86 % aller Unfälle beruhen auf Fahrfehler, die ein anderer Fahrer nicht ausgleichen konnte. Ein 2-jähriger Idiotentest für jeden Fahrer (mit Sicht- und Reaktionsprüfung) würde m.E. einige hunderttausend Unfälle verhindern können. Dagegen sind die vielleicht 8.000 Unfälle, die der TÜV heute verhindert, eine quantité négligeable. Denn selbst vieles Versagen der Fahrzeugtechnik kann der TÜV nicht vorhersehen.
dwg 27.12.2015
4.
Der DAkkS geht es grundsätzlich nur um Formalia. Also lediglich um die Dokumentation der Abläufe im allgemeinen und der Umgang mit Messmitteln im besonderen. Diese Akkreditierungen nach den verschiedenen Normen aus der Reihe IEC 170XX sind ein bürokratisches Monster hier verwaltet von der DAkkS. Gleichzeitig ist der TÜV ein völlig ebenbürtiges bürokratisches Monster. Und was passiert, wenn zwei so Monster aufeinander treffen? Genau das, was wir gerade beobachten dürfen. Dazu kommen noch föderal unterschiedliche Zuständigkeiten, die es nicht einfache machen. Man warte eine Weile und das Problem wird sich rückstandslos in Luft auflösen.
brendan33 27.12.2015
5. Iso
Jeder, der schonmal eine ISO 9001-Zertifizierung mitgemacht hat, weiss, dass es hier um den Sturm im Wasserglas geht. Wahrscheinlich schreiben die neuen Richtlinien vor, dis Prüfgeräte abends nach Grösse von links nach rechts jn ein Regal zu stellen und diese Handlung in einer Protokollliste mit Datum und Uhrzeit zu dokumentieren und dies mit zwei Unterschriften zu bestätigen. Und dabei haben TÜV und Co wahrscheinlich geschlampt. Solange die immer noch die kleinste Unwucht jn den Querlenkerbuchsen finden, mache ich mir keine Sorgen....
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