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Umbruch in US-Autoindustrie: Gute Nacht, V8

Aus Detroit berichtet

US-Autoindustrie: Grüne Wochen in Detroit Fotos
Corbis

Eine Revolution erfasst die USA: Straßenkreuzer samt ihrer Mega-Motoren sterben aus. Stattdessen geben sich die US-Hersteller bei der Autoshow in Detroit als Spritsparfüchse und hängen dabei in einer Disziplin sogar deutsche Hersteller ab. Mit der Sorge um die Umwelt hat das freilich wenig zu tun.

Amerika - viele Menschen denken dabei an endlose Highways ins Nirgendwo, über die ausladende Straßenkreuzer gemächlich hinuntergleiten, begleitet vom Sound eines blubbernden V-8-Motors unter der Haube. Doch damit ist jetzt Schluß. Amerika speckt ab und schickt seine Riesen in den Ruhestand.

Im Stau auf dem Weg zur Autoshow in Detroit zuckeln zwar auch noch Geländewagen mit, doch in der frisch renovierten Cobo-Hall tut sich plötzlich eine andere Autowelt auf: Kleine, kompakte und mittelgroße Fahrzeuge dominieren das Bild, zahlreiche neue Hybrid- und Elektroautos werden vorgestellt und der klassische V8-Motor - als Small Block das wohl meistgebaute Aggregat des Planeten - ist in keinem einzigen neuen Auto der großen US-Hersteller mehr zu finden.

Die wenigen verbliebenen Achtzylinder in den nicht mehr ganz taufrischen Sportwagen der Chrysler-Gruppe oder von General Motors sind inzwischen mit Zylinderabschaltung ausgerüstet. Wer kein Vollgas mehr gibt, fährt mit der Kraft aus lediglich vier Töpfen.

Die Spritsparschlacht tobt

Ford macht sich sogar an die Abschaffung des V6-Motors, zumindest beim neuen Mittelklassemodell Fusion, der ausschließlich mit Vierzylinder-Benzinern sowie Hybridtechnik angeboten wird. Konzernchef Alan Mulally will mit jedem neuen Auto die Plätze eins oder zwei im Verbrauchsvergleich belegen - und hat mit dieser Ankündigung eine regelrechte Spritsparschlacht unter den US-Marken ausgelöst.

Mit Umweltschutz oder der Sorge ums Weltklima hat das jedoch nichts zu tun. Die Politik forciert den Bau sparsamerer Autos, um Amerikas Abhängigkeit von Rohölimporten zu senken. Die Hersteller wiederum werben für ihre Spritsparmodelle mit dem Argument, die Tankrechnungen würden bei solchen Autos kleiner ausfallen.

Das Geld ist also die treibende Kraft hinter den Umwälzungen auf dem US-Automarkt. Die Gesetzesvorgaben sind entsprechend begründet. "Insgesamt können wir die Kraftstoffkosten für amerikanische Familien um 1,7 Billionen Dollar senken und bis zum Jahr 2025 die Spritkosten pro Auto um 8000 Dollar drücken", heißt es auf der Internetseite des Weißen Hauses.

Neuwagen-Verbrauch soll bis 2025 halbiert werden

Bis dahin hat US-Präsident Barack Obama allen Herstellern und Importeuren ein Flottenverbrauchsziel von 54,5 mpg (umgerechnet knapp 4,5 Liter) vorgegeben. Heute liegt dieser Wert in den USA bei knapp 30 mpg oder 7,8 Litern. Wird das Ziel erreicht, würden die USA 2025 pro Tag 2,2 Millionen Barrel Rohöl weniger verbrauchen als heute, rechnet die Regierung vor.

"Um diese Vorgaben zu erfüllen, müssen alle Anbieter in Amerika wirklich radikal umdenken", sagt Matt Weiss, der USA-Chef des Marktbeobachtungsunternehmens Jato Dynamics, "Das, was wir heute auf der Messe sehen, wird kaum reichen." Das ehrgeizige Ziel, den Durchschnittsverbrauch der Neuwagen bis 2025 nahezu zu halbieren, lässt sich allein durch die Abkehr vom Statussymbol V8-Motor nämlich nicht erreichen. Die Autoshow in Detroit zeigt aber immerhin, dass sich die US-Autobauer von der Nach-uns-die-Sintflut-Mentalität verabschiedet haben und nun auf Spritsparkurs steuern.

Beispiele dafür gibt es viele. Chevrolet etwa zeigt den neuen Kleinwagen Chevrolet Sonic sowie zwei Coupé-Studien, die mit einem schmächtigen 1,4-Liter-Benziner motorisiert sind. Die Chrysler-Marke Dodge enthüllt mit dem Dart einen Kompaktwagen - ein Segment, das in den USA erheblich zulegt und schon jetzt nahezu 20 Prozent Marktanteil hat.

Außerdem haben sich die US-Hersteller klammheimlich einen deutlichen Vorsprung im Hybrid-Segment erarbeitet, ohne darum jedoch viel Wirbel zu machen: Mittelklasse-Hybridautos, die Mercedes, BMW, VW oder Audi erst allmählich zu den Händlern bringen, kann man von Chevrolet oder Ford schon seit Jahren kaufen. Nach Japan sind die USA der größte Hybridmarkt der Welt. Allein Ford hat im vergangenen Jahr rund 30.000 Teilzeitstromer auf die Straße gebracht, im nächsten Jahr sollen es gar 100.000 werden. Und der Toyota Prius verkauft sich in den USA häufiger als die gesamte Toyota-Palette in Deutschland.

Leichtbau? Ein Fremdwort in Motown

Auch beim Thema Elektromobilität sind die Amerikaner einen Schritt weiter als die Europäer. Akkupionier Tesla zeigt in Detroit mit dem Model S bereits das zweite E-Modell, ein paar Stände weiter gibt es mit Coda eine zweite, rein elektrische US-Marke. Bei Ford parkt der zum Elektroauto umgerüstete Focus auf dem Messestand, und der Chevrolet Volt steht so selbstverständlich auf der GM-Bühne wie bei VW auf der IAA ein Golf Blue Motion. Kein Wunder: Allein die US-Dezember-Verkäufe des Elektroautos Volt sind höher als die gesamten deutschen Elektro-Zulassungen im vergangenen Jahr. Einzig Chrysler hinkt in punkto Zukunftstechnik hinterher, was vor allem daran liegt, dass Mehrheitseigner Fiat auf diesem Feld ziemlich blank dasteht.

Kleinere Autos, hubraumschwächere Motoren, elektrische Antriebe - diese Klaviatur beherrschen die US-Hersteller. Andere Spartechniken haben sie jedoch noch nicht entdeckt. Leichtbau zum Beispiel findet allenfalls bei Sportwagen statt. Und die in Europa mittlerweile weit verbreitete Start-Stopp-Automatik ist in den USA kaum bekannt. Dabei fühlen sich die Ampelphasen nirgends so lange an wie in Detroit oder Los Angeles.

Wie dick das Brett ist, das Politik und Produzenten bohren, zeigt ein Blick in die Bilanz des vergangenen Jahres. Allen Sparbemühungen zum Trotz stehen den 5,7 Millionen PKW-Zulassungen noch immer 5,9 Millionen neue SUV und Pick-up-Trucks gegenüber.

Doch selbst Allrad-Giganten wie Chevrolet Tahoe und Silverado sollen jetzt das Sparen lernen - bei Firmen wie Via Motors. Das Unternehmen aus Utah hat in Detroit erstmals Versionen der GM-Dinos gezeigt, die mit Strom statt Sprit fahren und einen großen Akku samt Range Extender an Bord haben. In diesem Jahr will das Unternehmen 2500 Autos umrüsten. Doch die Pläne sind weitaus ambitionierter. "Im nächsten Jahr werden wir unsere Produktion verzehnfachen", sagt ein Mitarbeiter.

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1.
Benno Benz 10.01.2012
Zitat von sysopEine Revolution*erfasst die USA: Straßenkreuzer samt ihrer Mega-Motoren sterben aus. Stattdessen geben sich die US-Hersteller bei der Autoshow in Detroit als Spritsparfüchse und hängen*dabei*sogar deutsche Hersteller ab.*Mit der Sorge um die Umwelt hat das*freilich wenig zu tun. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,808242,00.html
Die Amis sind auf dem richtigen Weg, denn sie werden dem Rest der Welt zeigen, daß man ein "dickes" Auto fahren kann, ohne übermässig Sprit zu verbrauchen. Mein Herz hängt nicht am V8, aber in so einer Sardinenbüchse wie dem "Smart" sitze ich nur höchst ungerne. Der Dodge "Dart" steht eindeutig auf meiner "Beobachtungsliste". Ich habe kein Interesse an einem unförmigen, kleinen, unbequemen Auto. Wenn ich ein chices, grosses, bequemes Auto fahren kann, das auch noch Sprit spart, bin ich glücklich. Die Detroiter werden es schon hinbekommen.
2. hybris statt hybrid
kornfehlt 10.01.2012
jeder moderne diesel hängt diesen technikquatsch ab. aber was soll's. die sozigrüne seele verlangt's eben so. nur wer kauft dann diese technikmonster als gebrauchte mi 6 jahren und 180.000 km?
3. Irgendwie schade
NoTarget 10.01.2012
Den großen Ami Schlitten werde ich schon hinterher trauern. Ein Full Size SUV mit V8 Benziner - also nicht so "Kleinwagen" wie X5, Touareg oder Q7 - gehört für mich zum USA Feeling einfach dazu. Die Dinger sind jetzt nicht wirklich sparsam und reichen auch nicht an hiesige Qualitätsstandards im Automobilbau, aber man weiss dann, was mit "cruisen" auf den Highways und Interstates wirklich gemeint ist. Und erst der Sound im Parkhaus... Zum Glück wird es noch ein wenig dauern bis Alamo keine großen Schlitten mehr raus rückt und so kann man sich die nächsten Jahre im US Urlaub noch etwas den Landessitten anpassen. Soll man ja machen als Tourist.
4. Dann möchte ich Sie bitten,...
Treviso 10.01.2012
Zitat von kornfehltjeder moderne diesel hängt diesen technikquatsch ab. aber was soll's. die sozigrüne seele verlangt's eben so. nur wer kauft dann diese technikmonster als gebrauchte mi 6 jahren und 180.000 km?
... es sich in der Stadt im Berufsverkehr eine viertel Stunde am Auspuff eines Passat Diesels bequem zu machen, während ich die Zeit am Auspuff eines Toyota Prius verbringe.
5.
b.oreilly 10.01.2012
na dann können sich die Amis schon mal auf steigende Benzinpreise einstellen. Weder die Mineralölgesellschaften noch der Staat mit seinem Steueranteil werden auf signifikante Einnahmeverluste verzichten wollen. Wäre mal besser, die würden mal zu uns nach Deutschland blicken, dann wüssten sie, was ihnen bevor steht.
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