Umstiegsprämie Kauft saubere Diesel! Nur welche?

Tausende Euro sollen Kunden bekommen, die sich ein umweltfreundlicheres Auto kaufen. Aber welche Diesel sind sauber? Das wissen die Hersteller selbst nicht genau.

Neuwagen vor einer Ford-Fabrik in England
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Neuwagen vor einer Ford-Fabrik in England

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Die deutsche Autoindustrie liefert sich angesichts drohender Fahrverbote für Dieselautos eine als Umstiegsprämie getarnte Rabattschlacht. Der VW-Konzern übertraf die Konkurrenz am Dienstag mit der Ankündigung von Preisnachlässen bis zu 10.000 Euro beim Kauf eines neuen Fahrzeugs.

Das Angebot richtet sich an alle Fahrer älterer Dieselfahrzeuge der Abgasnormen Euro 1 bis Euro 4, die einen Euro-6-Neuwagen von VW oder Audi kaufen. Das teilten VW und Audi am Dienstag mit. Ähnliche, aber niedrigere Rabatte und Zuschüsse hatten zuvor bereits Ford, BMW, Daimler und Toyota angekündigt. Ein Segen für die Autofahrer? Eher nicht.

Die Umstiegs- oder Umweltprämie gehört zu den mageren Ergebnissen des Dieselgipfels vom vergangenen Mittwoch. Ziel des Treffens zwischen Politik und Wirtschaft war es, drohende Fahrverbote für Selbstzünder in deutschen Großstädten zu verhindern. Doch die Ergebnisse brachten Autofahrern keine Klarheit, Fahrverbote sind angesichts der dürftigen Angebote der Hersteller noch nicht vom Tisch.

Riskanter Kauf

Denn auch die Prämie, für die sich die Hersteller nach dem Gipfel feierten, dürfte in ihrer jetzigen Form wenig zur Lösung des Stickoxid-Problems in den Städten beitragen: Sie gilt ausdrücklich für alle Fahrzeuge der Abgasnorm Euro 6, also Benziner, Diesel, Hybride gleichermaßen. Würden die Kunden die Prämie aber vor allem dazu nutzen, ihren alten gegen einen neuen Diesel zu tauschen, wäre wohl wenig gewonnen: Gerade die Euro-6-Dieselmodelle nämlich übersteigen, wie bei Messungen festgestellt wurde, im Realbetrieb je nach Hersteller und Modell die Stickoxid (NOx)-Grenzwerte um ein Vielfaches - tragen also faktisch nicht zu Verbesserung der Luftqualität bei. Deswegen wurde verschiedentlich diskutiert, mögliche Fahrverbote in Städten auch auf Euro-6-Fahrzeuge auszuweiten.

Abgasmessungen im Winterhalbjahr 2016/17 an 16 Diesel-Pkw

Euro 6 Diesel-Pkw Ø CO2 g/km Ø NOx mg/km Faktor Grenzwertüberschreitung
Fiat 500X 2.0 Cross 4x4 160 1380 17,2
Renault Captur 1.5 dCi 110 118 1316 16,5
Volvo S90 4D 143 1076 13,4
Mercedes B 180 d 134 1039 13,0
Opel Zafira Tourer 1.6 CDTi 151 995 12,4
Hyundai i20 1.1 CRDi 110 861 10,8
Mercedes C 220d 131 770 9,6
Land Rover Discovery Sport HSE TD4* 172 1242 6,9
Ford Mondeo Turnier 2.0 TDCi 144 519 6,5
Mercedes S 350 BlueTec** 186 412 5,2
Mazda CX5 2.2 Skyactiv-D 176 403 5
BMW 520d Touring 139 272 3,4
BMW X1 xDrive18d 151 238 3
Mercedes GLC 220d** 150 193 2,4
Audi A5 2.0 TDI** 117 40 0,5
Mercedes E 200d (neue Motorgeneration, OM 654) 148 43 0,5

* Abgasnorm Euro 5, NOx-Grenzwert bei 180 mg/km
** CO2-Wert unter Vorbehalt
Quelle: Deutsche Umwelthilfe, Wintermessungen September 2016 - März 2017

"Es kann also passieren, dass ich mit meinem Neuwagen, den ich jetzt wegen der Umstiegsprämie kaufe, im nächsten Jahr nicht mehr in die Innenstadt fahren darf", sagt Axel Friedrich, ehemaliger Abteilungsleiter für die Bereiche Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die von Friedrich beraten wird, warnt ausdrücklich vor dem Kauf eines neuen Euro-6-Diesels mithilfe der Umwelt- oder Umstiegsprämie.

Die große Ahnungslosigkeit

Sinnvoll wäre der Kauf eines Fahrzeugs, das die Euronorm 6d erfüllt, die Ende 2017 eingeführt wird. Bei diesen Fahrzeugen kann man sicher gehen, von Fahrverboten ausgenommen zu werden. Fahrzeuge der Norm Euro 6d müssen ihren Schadstoffausstoß nämlich nicht nur bei Labortests, sondern auch im Realbetrieb nachweisen - sind also tatsächlich sauber.

Warum die Politik beim Dieselgipfel die Hersteller nicht darauf verpflichtet hat, die Prämie an die Euronorm 6d zu koppeln, ist unklar. Unklar ist aber offensichtlich auch den Herstellern selbst, welche ihrer Fahrzeuge die Norm erfüllen oder zumindest wegen niedrigen NOx-Ausstoßes tatsächlich empfehlenswert für einen Kauf wären. Denn: Saubere Motoren gibt es durchaus, aktuelle Triebwerke von Mercedes, VW und auch BMW unterbieten die Grenzwerte teils deutlich. Aber in welchen Fahrzeugen werden sie angeboten?

"Die Ausstattungsversionen des neuen Ford Fiesta, die sukzessive in den nächsten Monaten auf den Markt kommen werden, werden selbstverständlich dieser Norm entsprechen", teilt Ford auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit. Daimler und VW antworten, dass eine Zertifizierung nach Euro 6d erst ab September vorgenommen werden kann. Und die anderen Hersteller? Wissen es offenbar nicht so genau. "Bei uns ist momentan Betriebsurlaub, die zuständigen Kollegen sind nicht im Haus", heißt es bei Audi. Opel und BMW gaben an, das erst noch recherchieren zu müssen.

Eine geschickt getarnte Verkaufsaktion

Eine Umweltprämie, die dazu führen soll, dass sich die Luftqualität in den Städten verbessert, bei der aber offensichtlich selbst den Herstellern vollkommen unklar ist, bei welchen Fahrzeugen sie sinnvoll angewendet wäre - da kann man schon mal skeptisch werden. Vor dem Hintergrund des stark zurückgehenden Dieselabsatzes entsteht der Eindruck, dass es sich bei der Umstiegsprämie vor allem um eine Verkaufsaktion zum Ankurbeln der Nachfrage geht - nicht um eine echte Verbesserung der Luftqualität.

Vom hektischen Ausflug zum Autohändler ist also abzuraten. Zumal das vermeintliche Schnäppchen in vielen Fällen gar keins ist. So kommt der Marktbeobachter und Rabatt-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen zu dem Schluss, dass die Umweltprämie nicht immer das bessere Angebot zu alternativen Aktionsboni ist. So schätzt er beispielsweise die BMW-Prämie in Höhe von 2000 Euro für emissionsarme Diesel und Benziner als "überschaubaren Rabatt für einen BMW-Kauf ein". Auch bei Ford könnten andere Sonderaktionen zu höheren Preisnachlässen führen als die Umstiegsprämie.

Wer von der Prämie profitieren will, sollte also gründlicher vorgehen als die Politik und Industrie bei diesem Thema - und sich entsprechend informieren. Fahrzeuge mit Antriebsvarianten, die im Realbetrieb einen niedrigen Schadstoffausstoß und/oder alternative Antriebskonzepte haben, könnten durchaus zum Schnäppchen werden, da diese bei Herstellern wie VW, Toyota oder BMW mit weiteren Prämien besonders gefördert werden.

Mit Material von dpa



insgesamt 227 Beiträge
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Prinzen Paule 09.08.2017
1. Der Diesel ist tot...
Nur will sich das keine eingestehen! Mit dem Startschuss zur diese Diskussion ist auch der Diesel gestorben. Was nützt es sich jetzt einen neuen Diesel zu kaufen der sauber ist wenn wir in drei Jahren schon wieder unsauber ist. Es gibt keine politische Richtlinie und Grundlage die es möglich macht weiter diese zu kaufen. Wenn die Politik weiterhin so sprunghaft ist gefährdet es nicht nur den Diesel Sonne noch andere Pläne beim Benziner. Und somit gefährdet unsere Politik auch unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand unser unseren sozialen Frieden. Es ist so schade dass dich unwissend so viel Unzufriedenheit verbreitet wird. Manche Leute wollen die Welt zurückdrehen in den Urzustand nur leider geht es nicht mehr
tempus fugit 09.08.2017
2. Wenn - allen voran das KBA - ....
...nachgewiesen wird, dass ein Diesel - egal welcher 10-Cent aufkleber am Nummernschild klebt - das real und auf der Strasse ausstösst, was die gesetzlichen Vorschriften vorschreiben, dnan kann ich über den Kauf eines Diesels nachdenken - nach 17 Jahren mit meinem alten Benzinklepper... Das Restgeschwurbel können sich die VW-ler sparen!
PolitBarometer 09.08.2017
3.
Moment mal: Euro-Norm 6d, was ist das denn? Ist nicht Euro-Norm 6c genau jene Norm, die ab September diesen Jahres verpflichtend bei allen Neufahrzeugen eingeführt werden muss? Was sollen die Buchstabenspiele und wer hat das so angeordnet?
dliblegeips 09.08.2017
4. Lustig
Die Listenpreise stehen ja sowieso nur in irgendeinem Katalog. Jetzt werden einfach die Rabatte, die man so oder so bekommt als Umweltprämie deklariert. Und die Presse macht noch mit bei der gratis PR Aktion der Konzerne.
Hans Dieter 09.08.2017
5. "Sauber"?!
"Fahrzeuge der Norm Euro 6d müssen ihren Schadstoffausstoß nämlich nicht nur bei Labortests, sondern auch im Realbetrieb nachweisen - sind also tatsächlich sauber." Entschuldigung, aber ein Verbrennungsmotor, der mit fossilen Energieträgern betrieben wird, ist und wird niemals "sauber" sein. Diese Zuschreibung suggeriert eine Lösung, die definitiv keine ist. Eine präzisere Sprache würde uns in dieser Debatte durchaus helfen.
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