Umstrittenes Kältemittel R1234yf: Das brandheiße Problem
Eigentlich sollte das umweltfreundliche Kältemittel R1234yf längst in den Klimaanlagen vieler Automodelle zum Einsatz kommen. Doch seit Mercedes die EU-Vorgaben aus Angst vor Brandgefahr boykottiert, ist in der Industrie Chaos ausgebrochen. Welcher Hersteller verwendet welche Mittel? Der Überblick.
Im November 2012 brannten auf der gut abgeschirmten Teststrecke von Mercedes in Stuttgart-Untertürkheim an fünf Tagen hintereinander Autos. Es gab etliche Zeugen: Vertreter von Autoherstellern, von Zulieferern und von Behörden schauten sich die Flammen genau an.
Bei der Zündelei handelte es sich um Tests, mit denen Mercedes einen spektakulären Rückzieher begründen wollte. Ein paar Wochen zuvor waren die Schwaben aus dem internationalen Industrie-Konsens ausgeschert. Der sieht den Einsatz des neuen Kältemittels R1234yf in Auto-Klimaanlagen vor. Das ist im Gegensatz zum bisher verwendeten R134a klimafreundlich - aber offensichtlich brandgefährlich.
In internen Tests hatten die Ingenieure zuvor Unfallsituationen simuliert: Eine Mercedes-B-Klasse war auf Betriebstemperatur gebracht, anschließend abgestellt und ein zuvor eingesetztes Ventil in einem Kältemittelschlauch geöffnet worden, aus dem das Kältemittel R1234yf dann in den Motorraum strömte. Kein unrealistisches Szenario - denn bei einem Zusammenstoß kann ein Kältemittelschlauch durchaus Leck schlagen. Bei immerhin zehn von 14 Tests entzündete sich das Mittel an heißen Motorteilen. In der Folge entstand hochgiftige Flusssäure.
Klimakiller oder Killerkältemittel - das ist hier die Frage
Diese Simulation demonstrierte Mercedes also vor dem geladenen Fachpublikum - mit den gleichen, fatalen Ergebnissen. Reaktionen seitens der Augenzeugen sind seitdem jedoch ausgeblieben: Keiner bezog öffentlich Stellung, keiner äußerte sich zum Gefahrenpotential von R1234yf. "Es herrscht Schweigen im Walde", sagt ein Mercedes-Sprecher.
Hakt man bei der Autoindustrie nach, werden die meisten Gesprächspartner beim Thema R1234yf sehr einsilbig. Momentan scheint eine klare Haltung zu diesem Thema, für die Hersteller riskant zu sein. Man müsste schließlich die Wahl treffen zwischen einem Klimakiller und einem Killerkältemittel - zwischen der bisher verwendeten, aber klimaschädlichen Substanz R134a, und der neuen Chemikalie R1234yf. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera.
"Mercedes war sehr kooperativ", lässt sich ein Mitarbeiter von Toyota zum Treffen im November immerhin zweideutig zitieren. Der japanische Konzern hatte - wie vor den Tests auch Mercedes mit Hunderten von SL-Modellen - bereits zahlreiche Autos mit dem neuen Kältemittel ausgerüstet: den Toyota GT-86, den Toyota Prius+ und den Lexus GS. Bei den beiden letztgenannten Modellen kommt inzwischen wieder das alte Mittel zum Einsatz. Eine rechtliche Grauzone macht das möglich.
Operation in der rechtlichen Grauzone
Um das zu verstehen, muss man die EU-Regelung zum Thema kennen. Die bestimmt, welche Auto-Klimaanlage mit welchem Kältemittel betrieben werden muss, und das wiederum hängt vom Zeitpunkt der sogenannten Typgenehmigung ab. Das ist jener Termin, an dem ein neues Automodell von den Behörden für die Zulassung zertifiziert wird.
Fahrzeuge, die nach 1. Januar 2011 ihre Typgenehmigung erhielten, müssen seit 1. Januar 2013 mit dem neuen Kältemittel R1234yf ausgerüstet sein - ansonsten treten Sanktionen in Kraft. Diese reichen von Strafzahlungen bis hin zum Entzug der Typzulassungen.
Beim Toyota Prius+ und beim Lexus GS wurde die Typgenehmigung nun nachträglich hinter den Stichtag zurück datiert. Das Argument des Herstellers: Bei beiden Fahrzeugen handle es sich lediglich um Varianten einer bekannten, längst zertifizierten Baureihe. Angeblich wählten auch andere Autobauer diese Lösung, um ohne Ärger mit der EU das alte Kältemittel weiter benutzen zu dürfen.
Bewusster Regelverstoß bei Mercedes-Benz
Bei Mercedes, wo sowohl die neue A- und B-Klasse, als auch der neue SL grundlegend anders konzipiert sind als die Vorgängermodelle, zieht die Masche jedoch nicht. Insofern verstoßen die Schwaben derzeit gegen EU-Recht, indem sie Autos, deren Typgenehmigung nach dem Kältemittel-Stichtag erteilt wurde, mit dem alten Kältemittel ausliefern.
Mercedes-Benz hat daher bei der EU-Kommission um eine sechsmonatige Frist gebeten. Man wolle in dieser Zeit alle Sicherheitsbedenken noch einmal in Ruhe überprüfen, sagt ein Daimler-Sprecher. Noch hat sich Brüssel zu diesem Wunsch nicht geäußert. Und dem einfachen Trick der Hersteller, fabrikneue Autos zu technisch alten Hüten zu deklarieren, steht die EU bislang ebenfalls noch hilflos gegenüber.
Diese Praxis treibt mittlerweile seltsame Blüten: Konfrontiert man zum Beispiel Porsche mit der Frage, welches Kältemittel denn in den geplanten Kompakt-SUV Macan gefüllt wird, verweist der sonst so stolze Sportwagenbauer auf die Ingenieurskünste der Konzernschwester Audi: Eigentlich, sagt ein Porsche-Sprecher, handle es sich bei dem Macan ja um einen Ableger des längst typgeprüften Audi Q5 - und damit sei ein Einsatz des alten Kältemittels EU-konform.
Die Porsche-Posse zeigt, wie unübersichtlich die Lage an der Kältemittel-Front derzeit ist. Manche Hersteller, die sich sonst gern ein Öko-Mäntelchen umhängen, scheinen geradezu froh darüber zu sein, weiterhin das alte klimaschädigende Mittel einsetzen zu können. Andere Hersteller halten die Daimler-Bedenken für deren eigenes Problem. Es herrscht jedenfalls größtmögliche Uneinigkeit.
Welche Autos sind derzeit mit R1234yf unterwegs? Wie ist die Haltung der einzelnen Hersteller in der Kältemittel-Frage? Wir haben bei den Herstellern nachgehakt. In unserer Übersicht erfahren Sie die Antworten:
Mitarbeit: Markus Bruhn, Christian Frahm, Lasse Hinrichs
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- Donnerstag, 17.01.2013 – 09:04 Uhr
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Vorgeschichte: Seit 1991 in Deutschland ein FCKW-Verbot in Kraft trat, kam in Auto-Klimaanlagen die Fluor-Kohlen-Wasserstoff-Verbindung R134a zum Einsatz. Die Substanz ist ein extrem schädliches Treibhausgas mit einem "Global Warming Potential" (GWP) von 1430; diese Ziffer besagt, dass R134a rund 1400-mal klimaschädlicher ist als CO2, dessen GWP 1 beträgt.
EU-Regelung: Um den Klimaschutz voranzutreiben, erließ EU 2006 eine Richtlinie mit dem Ziel, R134a aus dem Verkehr zu ziehen. Fahrzeuge, deren Typgenehmigung nach dem 1.1.2011 erteilt wurde, mussten danach mit einem Kältemittel ausgestattet sein, dessen GWP-Wert 150 nicht übersteigt. Ab 2017 müssen alle Neuwagen mit einem solchen Kältemittel ausgestattet sein.
Reaktion der Industrie: In der Folge stritt die Autoindustrie jahrlang über eine geeignete Klimatechnik. Zeitweise galt CO2 als Kältemittel der Zukunft, doch schließich einigten sich alle Hersteller auf R1234yf, eine Substanz, die von den US-Chemieriesen Honywell und DuPont hergestellt wird.
Von Anfang an stand fest, dass das Tetrafluorpropen R1234yf entflammbar ist und in Verbindung mit Feuer oder sehr heißen Oberflächen Fuorwasserstoff freisetzt, der mit Feuchtigkeit zu stark ätzender, hochgiftiger Flusssäure reagiert. Entsprechende Warnungen entkräftete die Autoindustrie stets mit dem Argument, durch konstruktive Maßnahmen dieses Risiko praktisch ausschließen zu können.
Daimler-Rückzieher: Daimler befüllte als erster deutscher Hersteller seit Frühjahr 2012 Modelle des Sportwagens Mercedes SL mit dem neuen Kältemittel. Ende September jedoch gab der Konzern bekannt, R1234yf nicht mehr länger einsetzen zu wollen, weil sich bei weiteren internen Crashsimulationen das Kältemittel mehrfach entzündet hatte. Die Branche wurde davon kalt erwischt, es herrscht seit dem Ungewissheit darüber, wie mit dem umstrittenen Kältemittel umzugehen sei.
Gibt es Alternativen? Die in Frage kommenden Alternativen zum Einsatz von R1234yf wären Klimaanlagen auf CO2-Basis oder eine komplett kältemittelfreie Systeme, wie sie das Hamburger Unternehmen Thermodyna entwickelt. Beide möglichen Lösungen jedoch wären frühestens in zwei bis drei Jahren serienreif.

