Umweltschutz und Autoindustrie Brüssel blamiert sich mit CO2-Kompromiss

Bei den CO2-Grenzwerten hat sich die EU auf die denkbar schlechteste Lösung geeinigt: Man gibt den Autoherstellern eine Schonfrist und tut gleichzeitig wenig, um den Absatz umweltfreundlicher Autos anzukurbeln. Wie man es besser macht, könnten ausgerechnet die USA zeigen.

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Angesichts bröckelnder Absatzzahlen haben Europas Automanager wenig zu lachen. Doch die Rezession hat auch positive Seiten: Die harten Brüsseler Kohlendioxid-Auflagen, vor denen die Branche seit Monaten zittert, sind vermutlich vom Tisch. Mitglieder des Europäischen Parlaments einigten sich mit Länder- und Kommissionsvertretern auf CO2-Limits für Neuwagen, die Umweltschützer aufheulen und Autolobbyisten frohlocken lassen. Der Fahrzeugindustrie in der Krise strenge Auflagen aufzubürden - das haben sich die Volksvertreter nicht getraut.

Sportwagen: Zögerlichkeit, die wichtige Branche in der Rezession zu hart anzufassen
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Sportwagen: Zögerlichkeit, die wichtige Branche in der Rezession zu hart anzufassen

Ursprünglich hatte Umweltkommissar Stavros Dimas die Hersteller dazu verdonnern wollen, bei allen ab 2012 verkauften Wagen einen Grenzwert von 120 Gramm CO2 je Kilometer einzuhalten. Derzeit stoßen Pkw im Schnitt 160 Gramm aus. Gemäß dem Kompromiss vom Montag soll dieses Limit in einem Stufenplan nun erst deutlich später erreicht werden (siehe Tabelle).

Statt den von Dimas' avisierten 120 Gramm wird Europas Neuwagenflotte 2012 immer noch 134 Gramm ausstoßen dürfen. Das ist eine Zahl, den Produzenten von Mittelklasseautos fast ohne zusätzliche Anstrengungen erreichen können. Ein VW Golf VI (2.0 TDI) kommt mühelos auf diesen Wert.

"Schon heute bieten die deutschen Hersteller 80 Modelle, die die CO2-Vorgaben der EU erfüllen", frohlockt Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Klingt löblich, heißt aber auch: Die geplanten EU-Grenzwerte sind derart lasch, dass sie die Hersteller kaum zur Entwicklung neuer Ökotechnologien motivieren dürften.

Aufgeweicht bis zur Unkenntlichkeit

Auf den ohnehin harmlosen CO2-Grenzwert dürfen sich die Autohersteller noch sogenannte Umweltinnovationen wie sparsame Klimaanlagen anrechnen lassen - mit weiteren 17 Gramm. Die Auswirkungen solcher Technologien sind eigentlich im Spritverbrauch und damit im CO2-Ausstoß eines Fahrzeugs bereits berücksichtigt - fortan werden sie den Unternehmen doppelt angerechnet.

Hersteller, die das Regularium geschickt ausnutzen, dürfen somit auch in vier Jahren noch Neuwagen auf die Straße schicken, die 151 Gramm CO2 ausstoßen - ohne einen einzigen Eurocent Strafe zahlen zu müssen. Die grüne Europaabgeordnete Rebecca Harms bezeichnet dieses Ergebnis zu Recht als "eine große Blamage für die Klimapolitik der EU".

Der Wert liegt übrigens deutlich über jenem CO2-Ausstoß, den die europäische Autoindustrie freiwillig erreichen wollte. Der Branchenverband ACEA hatte der EU-Kommission vor zehn Jahren zugesichert, die Emissionen seiner Neuwagen bis 2008 auf 140 Gramm zu senken. Dieses Versprechen haben die Hersteller gebrochen - und werden dafür jetzt mit einem deutlich höheren Grenzwert belohnt, der zudem erst später greift.

Wenig Peitsche, kein Zuckerbrot

Unionsfraktionsvize Katherina Reiche (CDU) sagte der "Passauer Neuen Presse" es sei "geboten, Branchen, die tief in der Krise stecken, nicht noch zusätzlich die Daumenschrauben anzuziehen". Natürlich muss die Politik die Finanzkrise berücksichtigen. Es wäre aber möglich gewesen, ambitionierte CO2-Ziele zu verabschieden und der Autoindustrie gleichzeitig unter die Arme zu greifen.

Was im EU-Konzept weitgehend fehlt, sind Anreize für den Absatz umweltfreundlicher Autos. Sinnvoll wäre es gewesen, die Pkw-Hersteller zur Produktion ökologischer Fahrzeuge zu verdonnern und ihr gleichzeitig zu helfen, diese rasch und in großer Zahl unter das Volk zu bringen. Dazu kursieren etliche gute Ideen:

CO2-Bonus für vorbildliche Autos: Der GM-Manager Carl-Peter Forster hat vorgeschlagen, sogenannte Super Credits einzuführen. Autohersteller, die etwa ein Elektrofahrzeug mit einem CO2-Ausstoß von null Gramm auf den Markt bringen, bekommen dieses mehrfach auf ihre Flotte angerechnet. Firmen mit hohem Flottenverbrauch hätten so einen Anreiz, schnell viele Ökoautos zu verkaufen.

Zertifikate: Für Stinker werden Strafzahlungen fällig - für emissionsarme Fahrzeuge erhalten die Hersteller hingegen keine Boni. Denkbar wäre ein Punktesystem mit CO2-Gutscheinen, mit denen Hersteller die Strafen für ihre Dickschiffe ausgleichen dürfen.

Kaufanreize: Einige EU-Länder zahlen beim Kauf umweltfreundlicher Autos hohe Prämien. Frankreich etwa bezuschusst Fahrzeuge mit Emissionen unter 60 Gramm CO2 mit 5000 Euro.

Washington überholt Brüssel

Ohne ein solches Anreizprogramm werden die durchschnittlichen Emissionen der EU-Neuwagenflotte nur langsam sinken. Dabei läge es in Brüssels Interesse, alles für einen möglichst schnellen Austausch alter Bestandsfahrzeuge durch neue umweltfreundliche zu tun. Auch den Autoherstellern, die derzeit mit Absatzeinbußen um die 17 Prozent kämpfen, wäre mit solch einer Regelung gedient. Im Gegenzug könnten sie auch strengere Grenzwerte verschmerzen.

Wie ein durchdachter Aktionsplan für die Autoindustrie aussieht, könnte den Europäern demnächst ausgerechnet die US-Regierung vormachen. Um den auf Spritschlucker fixierten amerikanischen Pkw-Herstellern Beine zu machen, will der designierte Präsident Barack Obama den CO2-Ausstoß von Neuwagen bis 2020 um 60 Prozent reduzieren.

Gleichzeitig sollen Amerikaner beim Kauf umweltfreundlicher Fahrzeuge einen Steuervorteil von 7000 Dollar erhalten. Außerdem verpflichtet sich die US-Regierung, ihre eigene Fahrzeugflotte auf Hybridautos umzustellen. Ein derart durchdachtes Programm hätte man sich von der EU auch gewünscht.

EU-Kompromiss zum CO2-Ausstoß von Pkw

Jahr CO2-Grenzwert CO2-Grenzwert mit Ökoinnovationen
2012 134 Gramm 151 Gramm
2013 130 Gramm 147 Gramm
2014 128 Gramm 145 Gramm
2015 120 Gramm 137 Gramm

Quelle. Eigene Berechnungen

Anmerkungen: Der EU-Kompromiss sieht vor, dass der derzeitige Neuwagen-Flottenverbrauch von 160 Gramm im Jahr 2008 auf 120 Gramm im Jahr 2015 sinkt. In den Jahren davor muss nur ein Teil der Neuwagenflotte diesen Wert erfüllen - 2012 etwa 65 Prozent. SPIEGEL ONLINE hat auf Basis der anteiligen Werte das CO2-Limit für die gesamte Flotte errechnet. Hinzu kommen bis zu 17 Gramm CO2, die sich die Hersteller über Ökoinnovations-Credits (Leichtlaufreifen etc.) anrechnen lassen können.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
moricsala, 02.12.2008
1. schöne neue Autos kaufen
Zitat von sysopBei den CO2-Grenzwerten hat sich die EU auf die denkbar schlechteste Lösung geeinigt: Man gibt den Autoherstellern eine Schonfrist und tut gleichzeitig wenig, um den Absatz umweltfreundlicher Autos anzukurbeln. Wie man es besser macht, könnten ausgerechnet die USA zeigen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,593989,00.html
Solange noch nicht ALLE und JEDERZEIT im Stau stehen haben wir noch nicht genügend Privat-PKWs - kaufen Sie bitte sofort mindestens ein neues Auto, sonst können die Kinder der Zuliefererfirmen kein glückliches Weihnachten feiern. (Obacht: Satire!)
e-ding 02.12.2008
2. Ökoterror
Wann kommt endlich eine personenabhängige Wohnflächenbegrenzung? Wann kommt das Verbot für Zimmerdeckenhöhen über 2,20m - will ja schließlich alles beheizt werden. Eine Beschränkung auf zwei Urlaubsflüge pro Person und Jahr wär doch auch was. Glaubt hier wirklich irgendjemand, dass nicht auch der letzte Liter Rohöl verbrannt wird? Die Frage ist nur von wem. Mir ist es lieber, ein Porsche Cayenne mit neuster Abgasreinigung und Euro5 verbrennt den letzten Liter Benzin, als irgendein Daihatsu Charade Nachbau aus China mit Motorentechnik aus den 80ern.
meier_02 02.12.2008
3. Gegen ein gewisses Entgegenkommen nimmt man vielleicht eine Blamage gerne in Kauf
Wie immer bei solch zweifelhaften Entscheidungen, die so eindeutig gegen die Interessen der Mehrheit gefällt werden, wäre eine Untersuchung auf enventuelle Anhaltspunkte für Korruption angebracht. Für so eine Untersuchung müßten allerdings Experten gefunden werden, die selber über jeden Zweifel erhaben wären, was sowohl in Brüssel, als auch in Berlin relativ schwierig sein dürfte.
empire2002 02.12.2008
4. So ein Schwachsinn
Zitat von sysopBei den CO2-Grenzwerten hat sich die EU auf die denkbar schlechteste Lösung geeinigt: Man gibt den Autoherstellern eine Schonfrist und tut gleichzeitig wenig, um den Absatz umweltfreundlicher Autos anzukurbeln. Wie man es besser macht, könnten ausgerechnet die USA zeigen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,593989,00.html
Da EINE Milchkuh im Jahr mehr Schadstoffe ausstößt, als ein 90 PS Golf TDI bei 18'000km Fahrleistung im Jahr, fragt man sich, wo denn die Initiative zur Reduzierung von Milchkühen bleibt. Wie immer ist es die Autoindustrie, die für alle Umweltsünden aufkommen soll. Zieht man dann noch in Betracht, daß ein Porsche Cayenne Turbo mit 5000 km Laufleistung im Jahr weniger CO2 ausstößt, als ein Toyota Prius mit 25'000km im Jahr, wird auch dem größten Idioten klar, daß die ganze Umweltdebatte bzgl. CO2 Grenzwerte für Automobile eine rein ideologische ist. Wenn man wirklich was für die Umwelt tun wollte, müßte man einfach die Kraftstoffsteuer erhöhen, denn Verbrauch = CO2., d.h. wer viel fährt (und damit die Umwelt belastet), der zahlt. Leider ist so etwas politisch nicht durchsetzbar, deshalb erzählen alle den Schwachsinn, den man im obigen Spiegelartikel nachlesen kann.
Dm27 02.12.2008
5. ?
Zitat von empire2002Da EINE Milchkuh im Jahr mehr Schadstoffe ausstößt, als ein 90 PS Golf TDI bei 18'000km Fahrleistung im Jahr, fragt man sich, wo denn die Initiative zur Reduzierung von Milchkühen bleibt. Wie immer ist es die Autoindustrie, die für alle Umweltsünden aufkommen soll. Zieht man dann noch in Betracht, daß ein Porsche Cayenne Turbo mit 5000 km Laufleistung im Jahr weniger CO2 ausstößt, als ein Toyota Prius mit 25'000km im Jahr, wird auch dem größten Idioten klar, daß die ganze Umweltdebatte bzgl. CO2 Grenzwerte für Automobile eine rein ideologische ist. Wenn man wirklich was für die Umwelt tun wollte, müßte man einfach die Kraftstoffsteuer erhöhen, denn Verbrauch = CO2., d.h. wer viel fährt (und damit die Umwelt belastet), der zahlt. Leider ist so etwas politisch nicht durchsetzbar, deshalb erzählen alle den Schwachsinn, den man im obigen Spiegelartikel nachlesen kann.
Dieser Vergleich soll wohl ein Witz sein, oder!? Wenn nicht ist das ein ziemlich schwachsinniger Vergleich. Autofahren ist im Gegensatz zur Nahrungsmittelerzeugung Luxus und keine Notwendigkeit Und was stößt ein Cayenne Turbo mit 25'000km im Jahr aus? Wenn man Vergleiche heranzieht, sollten diese auch seriös sein. Nicht das alte 'Apfel mit Birnen' Thema.
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