Unfälle in Städten Null Verkehrstote sind möglich

Das Ziel von null Verkehrstoten lässt sich erreichen: Laut einer Dekra-Untersuchung hatten mehrere Großstädte innerhalb eines Jahres kein einziges Unfallopfer zu beklagen. Wie geht das?

Unfallszene: Die meisten Crashs passieren in der Stadt
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Unfallszene: Die meisten Crashs passieren in der Stadt

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Hamburg - Niemand muss im Straßenverkehr sterben - theoretisch jedenfalls. "Vision Zero" nennen Experten für Verkehrssicherheit das Ziel von null Unfallopfern auf den Straßen, und unmöglich ist das offenbar nicht. Laut einer Dekra-Analyse gibt es in Deutschland zahlreiche Beispiele dafür, dass zumindest innerhalb von Stadtgrenzen über ein ganzes Kalenderjahr hinweg kein einziger Mensch bei einem Crash starb.

Die überraschende Feststellung machten die Dekra-Experten beim Sammeln von Daten für ihren jährlichen Verkehrssicherheitsreport. Die jüngste Ausgabe widmet sich dem Thema "Urbane Mobilität". "In Deutschland gibt es 181 Städte mit mindestens 50.000 Einwohnern", heißt es darin. Genau 100 von diesen Städten erreichten laut Zahlen des Statistischen Bundesamts im Zeitraum zwischen 2009 und 2012 mindestens einmal den Idealwert: null Verkehrstote.

  • Sechs Städte hatten demnach sogar in allen der vier untersuchten Jahre kein einziges Unfallopfer zu beklagen, darunter Dormagen, Bad Homburg und Kerpen.

  • Von den Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern haben zwölf bereits einmal und fünf weitere (unter anderem Reutlingen, Jena und Trier) zweimal keine Verkehrstoten aufgeführt.

  • In drei Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern gab es mindestens ein Jahr ohne tödlichen Unfall: Aachen, Oberhausen und Mönchengladbach.

Generell sinkt das Risiko von tödlichen Verkehrsunfällen in Deutschland von Jahr zu Jahr. Innerorts kamen laut Statistischem Bundesamt im Jahr 1991 noch 3349 Menschen bei Unfällen ums Leben - 2012 waren es 1062. Auch die Zahl der Schwerverletzten reduzierte sich um fast die Hälfte.

Woran liegt diese erfreuliche Entwicklung? Jürgen Gerlach, Professor für Straßenverkehrstechnik an der Universität Wuppertal, nennt die wichtigsten Gründe:

  • "Die Polizei erstellt schon seit längerer Zeit in jeder Gemeinde sogenannte Unfallkarten", sagt er. Dabei wird das Jahr über jeder Unfall auf dem Stadtplan eingetragen. Häufen sich an einer Stelle die Unglücke, berät eine Kommission darüber, wie die Situation entschärft werden kann.

  • Laut Gerlach sind dadurch viele Ampeln an gefährlichen Kreuzungen aufgestellt worden oder Kreisverkehre entstanden. An verkehrsreichen Passagen wurden für Fußgänger sogenannte Mittelinseln, Zebrastreifen oder Übergänge angelegt. Zudem gelten seit 2006 großzügigere Straßenrichtlinien. "Die vorgeschriebene Breite eines Gehwegs hat sich fast verdoppelt", sagt der Experte.

  • Zudem haben sich die technischen Möglichkeiten enorm verbessert. Moderne Fahrzeuge können beispielsweise anhand von Sensoren oder Kameras Hindernisse erkennen und selbständig bremsen.

In Aachen, wo nach offiziellen Angaben auch 2013 kein Mensch bei einem Unfall ums Leben kam, kommt laut einem Polizeisprecher ein weiterer Grund hinzu: "Wir machen mittlerweile viermal so viele Geschwindigkeitskontrollen wie in der Vergangenheit, hinzu kommen Aktionen wie der Blitz-Marathon", sagt er - und ist sich sicher: "Die Autofahrer sind dadurch auf Tempoverstöße sensibilisiert."

Leider herrscht aber in den Städten immer noch die höchste Unfallgefahr. Innerorts passieren mehr Unfälle als auf Autobahnen und Landstraßen. Mehr als 1,75 Millionen registrierte die Polizei im Jahr 2012 - fast genauso viele wie 1991 (1,7 Millionen). Dabei muss zwar die gestiegene Anzahl von Verkehrsteilnehmern, besonders mit Pkw, berücksichtigt werden; aber während sich die Zahl der bei Unfällen Schwerverletzten trotzdem halbiert hat, ist sie bei den Leichtverletzten nur um rund acht Prozent gesunken. Es kracht heute also fast so häufig wie früher - nur die Folgen sind nicht mehr so schlimm.

Offenbar muss sich noch viel mehr tun. Würden strengere Tempolimits helfen? "Nur auf Straßenabschnitten, die wirklich kritisch sind", meint Sicherheitsexperte Jürgen Gerlach.

Das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln auszubauen, wie es im Dekra-Report gefordert wird, wäre wirksam - aber teuer. "Wir fahren jetzt schon über unsere Verhältnisse", sagt Gerlach. Mobilität zu gewährleisten und zu finanzieren, wird seiner Ansicht nach immer schwieriger, auch beim Straßenbau. "Eine Pkw-Maut wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein."

Weniger Parkplätze für mehr Übersicht

Die Alternativen von Gerlach sind einfacher zu finanzieren, aber verlangen vor allem von Autofahrern sprichwörtlich mehr Bewegung.

  • "Die bereits gestiegene Sicherheit innerorts hat viel mit der verbesserten Sichtweite an Ampeln und anderen Straßenquerungen zu tun", sagt er. Das heißt, dass an diesen Stellen ein Parkverbot herrscht, damit heranfahrende Verkehrsteilnehmer Fußgänger früh erkennen können. "Die Parkmöglichkeiten müssen aber weiter reduziert werden", fordert Gerlach.

Als Ersatz könnten Parkhäuser oder öffentliche Tiefgaragen besser ausgelastet werden. "Die Autofahrer müssten nur etwas weitere Wege zu Fuß in Kauf nehmen. Helfen könnte es auch, wenn das Parken in Straßen mindestens doppelt so teuer würde wie in Parkhäusern."

  • Weiterer Vorschlag: "Bei Autofahrten wird in den meisten Fällen eine Strecke von unter fünf Kilometern zurückgelegt - einfach mal das Fahrrad zu nehmen oder zu Fuß zu gehen."

Der Verzicht auf den Pkw fällt vielen schwer, aber zum Umsetzen der "Vision Zero" ist er wohl notwendig. Bei Unfällen mit Personenschaden tragen laut Dekra meist Autofahrer die Hauptschuld.

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frank-thiele 11.04.2014
1. Google-Cars
Nicht nur Google forscht intensiv an fahrerlosen Autos, die schon Millionen Test-Kilometer im öffentlichem Raum zurückgelegt haben. 100% unfallfrei. Am besten mit Öko-Strom und geteilt. Blick nach vorn statt zurück.
studibaas 11.04.2014
2. Bis zum Punkt
Wo sie Parkplätze abbauen wollen fand ich den Artikel ja noch gut... . Ich wohne in Hamburg, und schon jetzt ist man praktisch gezwungen in City Süd und City Nord mit den öffentlichen anzutreten, weil es keine Parkplätze gibt. Also genau die Orte, wo man im Regelfall zur Arbeit fährt. Auto entwickelt sich hier wahlweise zum Luxusgut oder zum "Einkaufswagen" für Familie mit Kindern. Hinzu kommen katastrophale Parkbedingungen in Winterhude, wo Gewerbe und Wohnen vereint ist, in Altona wg. der Hochhäuser, in Billstedt wg. der Hochhäuser etc. etc. . Was jetzt noch auf den Straßen unterwegs ist hat eh einen festen Parkplatz oder will nur schnell was erledigen,- und gerade die letzte Gruppe findet schon jetzt kaum noch Parkplätze, selbst bezahlte sind rar. OK, zur Verteidigung: Hamburg hat aber auch ein Super ÖPNV, nur München soll noch besser sein.
sam07 11.04.2014
3. Doppelte Verneinung
Wenn in "keiner" der Städte "kein einziges Unfallopfer zu beklagen ist", dann sind welche zu beklagen. Was denn nun? Sie meinen wohl, dass in keiner der Städte auch nur ein Unfallopfer zu beklagen ist.
IronSky 11.04.2014
4.
tendenziöser artikel gegen autofahrer. mehr parkplätze, breitere straßen, nicht alles bis zur letzten ecke zubauen. kostenfreie tiefgaragen in jedem wohnviertel. verbot für radfahrer, die straße zu benutzen und vernünftige erziehung von passanten und kindern im straßenverkehr. so macht man das. pauschal gegen die autofahrer zu bashen ist sinnlos. sie sind schließlich der wirtschaftsmotor unserer vormals großartigen autofahrernation. hier ist kein platz für grüne möchtegernweltverbesserer und ökoterroristen.
KarlRad 11.04.2014
5. Parkplätze abbauen!
Den Punkt des "Parkplätze abbauens" finde ich am besten. Dann werden die Innenstädte auch wieder attraktiver; mehr Raum für Fußgänger, mehr Grün und mehr Weitblick. Dazu kann auch Carsharing einen großen Beitrag leisten. Wieso braucht jeder ein Auto, dass die meiste Zeit seines Dasein, sinnlos auf der Strasse bzw. im Weg steht.
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