Unfallrisiko Musik Volle Dröhnung

Dank iPod & Co. ist es möglich, immer und überall Musik zu hören – vor allem im Auto. Musikwissenschaftler Prof. Dr. Günther Rötter von der Uni Dortmund kommt allerdings zum Ergebnis: Musik erhöht in schwierigen Fahrsituationen das Unfallrisiko.

Von Martina Fichtmann


Jeder tut es, nur wenige sprechen darüber – Musikhören im Auto. Da gibt es den Tuning-Enthusiasten, der sein Auto zur fahrenden Techno-Disco ausbaut und den Fan klassischer Musik, der Symphonien aus den Boxen seiner Nobelkarosse genießt. Dazwischen liegen diejenigen, die einfach ihr Radio einschalten, ohne wirklich hinzuhören. "Alle hören Musik, aber kaum jemand ist sich bewusst, dass dies das Fahrverhalten beeinflusst", sagt Günther Rötter. Der Musikwissenschaftler der Uni Dortmund befasst sich mit der Erforschung der Musikeinwirkung auf Autofahrer. Melodien wirken anregend und steigern die Aufmerksamkeit, sofern die Fahrsituation ruhig ist, etwa auf einer monotonen Autobahn-Route.

Musikliebhaber: Das Herz schlägt rascher, das Gehirn arbeitet schneller.
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Musikliebhaber: Das Herz schlägt rascher, das Gehirn arbeitet schneller.

Gerade bei Nachtfahrten darf bei der Lieblingsmusik durchaus am Lautstärkeregler gedreht werden. Doch es gilt auch das Gegenteil: In stressigen Situationen des Stadtverkehrs lenkt Musik eher ab und erhöht damit das Unfallrisiko. Der Einfluss von Musik auf Körperfunktionen und Leistungsfähigkeit wurde bereits Mitte der neunziger Jahre an der Uni Dortmund an fast 1600 Führerscheininhabern in einem Fahrsimulator getestet. Rötter erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass die Ergebnisse noch immer aktuell seien.

Fest steht, dass sich unter Musikeinfluss die Körperfunktionen eines Menschen verändern. Das Herz schlägt rascher, das Gehirn arbeitet schneller. Diese Effekte können auch die Leistungsfähigkeit eines Autofahrers beeinflussen. Eine leichte bis mittlere Erhöhung der Werte ist optimal für das Fahrverhalten, ein zu starker Anstieg der Pulsfrequenz bewirkt allerdings eine Minderung der Fahrleistungen.

Gibt es eigentlich die ideale Musik fürs Auto? "Das kann man nicht pauschalisieren", sagt Rötter. "Es kommt immer darauf an, was der Einzelne favorisiert. Die Lieblingsmusik eines Fahrers kann seine Leistungsfähigkeit steigern. Musik, die ihn nervt, würde das Gegenteil bewirken. Wir haben allerdings festgestellt, dass Fahrer, die Popmusik bevorzugen, einen schnelleren Fahrstil haben als Liebhaber klassischer Musik. Die fahren eher defensiver." Allerdings wirke letztere aufgrund ihrer häufigen Lautstärke- und Dynamik-Wechsel deutlich ablenkender als die meist eher gleichförmigen Popsongs. Darüber hinaus weist der Experte darauf hin, dass entgegen weitläufiger Vermutungen Heavy-Metal-Musik nicht zu einem gesteigert aggressiven Fahrverhalten führe.

Wie stark lenken eigentlich Hörbücher ab?

ADAC-Verkehrssicherheitsexperte Franz Schibalski ist ebenfalls der Meinung, dass es beim Verhalten im Straßenverkehr auf die Art der Musik ankommt. "Als ausschlaggebender aber bewerte ich die Tagesform oder die Stimmungslage eines Fahrers. Ebenso muss man die Frage stellen, ob nicht Hörbücher oder auch Audio-Sprachkurse eine viel größere Ablenkung vom Autofahren bedeuten." Erforscht ist dies jedoch noch nicht.

"Genauso wie lautes Kindergeschrei, das klingelnde Handy, der Streit mit dem Beifahrer oder das Navigationsgerät mit den neuesten Staumeldungen vom Straßenverkehr ablenken können, hat auch laute Musik eine solche Wirkung", weiß Schibalski. "Das Unfallrisiko steigt." Auch die Ergebnisse der Dortmunder Studie legen nahe, dass Musik schon zu Unfällen geführt haben könnte. Doch in den offiziellen Unfallstatistiken taucht die Ursache "Musikhören" nicht auf, wie sowohl das Statistische Bundesamt als auch der TÜV Nord bestätigten.

Bei lauter Musik wird der Bremsweg länger

Besonders eine hohe Lautstärke steigert das Unfallrisiko. Zu laute Musik übertönt nicht nur die Signale anderer Verkehrsteilnehmer oder die Warnung durch ein Martinshorn, sie setzt auch die Reaktionszeit erheblich herab. "Wir haben festgestellt, dass sich bei lauter Musik und in heiklen Situationen der Bremsweg bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h um mehr als 15 Meter verlängert", berichtet Rötter. Deshalb ist es ratsam, dass Autofahrer die Lautstärke ihrer Lieblingsband an die jeweilige Verkehrslage anpassen, um sich selbst und andere Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden.

Zu laut aufgedrehte Musik im Auto kann auch für Unbeteiligte am Straßenrand zum Ärgernis werden. Zwar gibt es in der Straßenverkehrsordnung derzeit keine Regeln, die Dezibel-Werte begrenzen, doch das muss ja nicht so bleiben. Angeblich führte eine Beschwerde beim Petitonsausschuss des Bundestags jetzt zu Überlegungen einiger Polititker, künftig für zu laut aufgedrehte Auto-Musikanlagen ein Bußgeld zu verhängen und Punkte in die Flensburger Verkehrssünderkartei einzutragen. Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums jedoch zeigte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE verwundert. Dass das Ministerium die Erweiterung des Bußgeldkatalogs wegen Lärmbelästigung durch zu laute Automusik plane, könne er in keiner Weise bestätigen.



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