Unfallschwerpunkt Autobahn Rütteln für mehr Sicherheit

Wer unaufmerksam ist, den warnt die Straße: Rüttelstreifen sollen Autofahrer vor gefährlichen Schlenkern auf der Autobahn schützen. In Holland gehört das zum Standard - die deutschen Behörden wollen die sicherheitsfördernde Infrastruktur lieber noch etwas testen.

Von Tanja Rieckmann

Bundesanstalt für Straßenwesen

Auf der Autobahn A24 zwischen den Anschlussstellen Herzsprung und Fehrbellin, wird man prompt durchgerüttelt, wenn man mit dem Auto zu dicht an den Fahrbahnrand gerät. Auf dem Seitenstreifen nämlich sind sogenannte Rüttelstreifen in den Asphalt gefräst. Fährt ein Auto darüber, hört man ein lautes Rumpeln und der Wagen vibriert ordentlich. So sollen vermeintlich schläfrige oder abgelenkte Autofahrer wachgerüttelt und Schlimmeres verhindert werden.

Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) testete in einem sechsjährigen Feldversuch den neuen Rüttelbelag - mit verblüffendem Ergebnis: Unfälle, bei denen das Auto rechts von der Fahrbahn abkam, gingen um 43 Prozent zurück. Und die Zahl der im Testzeitraum auf dem Streckenabschnitt schwer verletzten oder getöteten Autoinsassen sank um 15 Prozent. Mit anderen Worten: Rüttelstreifen sind offenbar ein probates Mittel der Unfallvermeidung, zumal wenn man bedenkt, dass sich auf deutschen Autobahnen jedes Jahr rund 7000 Unfälle mit Verletzten ereignen, bei denen ein Fahrzeug von der Straße abkommt.

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Sicherheit im Straßenverkehr: Positive Entwicklung in Europa
Das in die Fahrbahn eingebaute Frühwarnsystem gehört zu einer Initiative, die ihren Ursprung in Holland hat und die sich die "selbsterklärende Straße" zum Ziel gesetzt hat. Dabei soll durch bauliche Maßnahmen das Verhalten und die Erwartungshaltung der Verkehrsteilnehmer in die Straßenraumgestaltung integriert werden. Dazu gehören neben den bereits erwähnten Rüttelstreifen auch spezielle Markierungen für Abbiege- oder Überholspuren oder die Regulierung der Geschwindigkeit - zum Beispiel durch Fahrbahnschwellen oder Noppen auf dem Asphalt.

Straßen, die sich selbst erklären, waren bereits Bestandteil des auch aus den Niederlanden stammenden Konzepts Shared Space. "Der Raum muss den Leuten sagen, wie sie sich verhalten sollen", lautete das Credo des 2008 verstorbenen Hans Mondermann, der die Trennung von Fußgängern, Rad- und Autofahrern propagierte, um so eine größtmögliche Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer untereinander zu stimulieren.

In Holland kamen Rüttelstreifen vor rund 20 Jahren auf

Straßen mit Rüttelstreifen oder besonderen Markierungen gibt es bereits seit den frühen neunziger Jahren in Holland - und die Idee zeigt Wirkung. Bis zum Jahr 2007 wurde die Zahl der Verkehrstoten um rund ein Drittel gesenkt. Eine aktuelle Statistik nennt für Holland 44 Verkehrstote je eine Million Einwohner, das Land gehört damit zu den drei sichersten in Europa.

Auch in Deutschland wird zunehmend erkannt, dass die bauliche Gestaltung der Straßen einen Einfluss auf das Fahrverhalten ausübt. Vor allem Landstraßen, die hierzulande zu den Unfallschwerpunkten gehören, sollen selbsterklärend werden. Denn das Risiko eines tödlichen Unfalls ist auf einer Landstraße etwa fünfmal höher als auf einer Autobahn.

Blitzer, Radarkontrollen-Hinweisschilder und Überholspuren

Derzeit gibt es auf Landstraßen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen den Großversuch AOSI (Außerortsstraßen-Sicherheit) - ein Gemeinschaftsprojekt der beteiligten Bundesländer, der Technischen Universität Dresden und der BASt Bergisch Gladbach, das weitere Erkenntnisse für standardisierte und selbsterklärende Straßen geben soll. Insgesamt zehn Streckenabschnitte wurden mit Tempokontrollen, sogenannten Blitzern oder Starenkästen und Hinweisschildern "Radarkontrolle" oder mit zusätzlichen Überholstreifen (dritte Spur) ausgestattet.

Schon jetzt zeigt sich, dass die bei Autofahrern wenig beliebten Radaranlagen die Verkehrssicherheit erhöhen können: Seit Versuchsstart vor zwei Jahren gab es etwa ein Drittel weniger tödliche Unfälle auf den Versuchsstrecken. Für die Effektivität der Überholstreifen liegen derzeit noch keine Zahlen vor. Die BASt will jetzt testen, ob Rüttelstreifen auch auf Landstraßen die Unfallzahlen senken können. Dazu läuft seit dem Sommer ein Pilotversuch in Nordrhein-Westfalen, zwei weitere Strecken in Baden-Württemberg sollen Ende des Jahres mit Rüttelstreifen am Fahrbahnrand und in der Fahrbahnmitte ausgestattet werden.

Rüttelstreifen helfen, die Straßen sicherer zu machen

In den USA ist man da schon weiter: Rüttelstreifen gehören hier, wie in vielen skandinavischen Ländern sowie in Österreich, Frankreich oder Mexiko, schon seit Jahren zum Standard. 2009 veröffentlichte das amerikanische Transportation Research Board Zahlen, die die Wirksamkeit von Rüttelstreifen auf Landstraßen belegen: Die Anzahl der Unfälle, bei denen ein Fahrzeug von der Straße abkam, ging durch diese schlichte Baumaßnahme um etwa 15 Prozent zurück.

In Deutschland jedoch wird vorerst eigene Forschung betrieben, eine Entscheidung über einen flächendeckenden Einsatz von Rüttelstreifen am Fahrbahnrand ist nicht in Sicht. Immerhin: Die Bundesanstalt für Straßenwesen spricht sich für eine Einführung der aufgerauten Ränder an Unfallschwerpunkten aus und hebt den Kosten-Nutzen-Effekt hervor: 170.000 Euro Baukosten für einen 35 Kilometer langen Rüttelstreifen auf einer Versuchsstrecke stünden eingesparten Unfallfolgekosten von 650.000 Euro gegenüber. Es würde sich also durchaus rechnen, würden auch in Deutschland Autofahrer hin und wieder aufgerüttelt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 16.10.2010
1. was gibt es da zu testen
wenn ich mir unsere autobahnen anschau die sind eine einzige rüttelstrecke und manchmal nicht besser als feldwege
embyro 16.10.2010
2. Können ...
Zitat von felisconcolorwenn ich mir unsere autobahnen anschau die sind eine einzige rüttelstrecke und manchmal nicht besser als feldwege
... Autofahrer auch etwas anderes als bei jeder Gelegenheit zu jammern ?
Luna125 16.10.2010
3. nicht nur in "Holland"
Zitat von sysopWer unaufmerksam ist, den warnt die Straße: Rüttelstreifen sollen*Autofahrer vor gefährlichen*Schlenkern auf der Autobahn schützen. In Holland gehört das zum Standard - die deutschen Behörden wollen die sicherheitsfördernde Infrastruktur lieber noch etwas testen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,722490,00.html
Auch in Spanien wird an unfallträchtigen Stellen die weisse Fahrbanbegrenzung mit kleinen "Schwellen" ausgeführt. Nennt sich "Banda Sonora" weil beim befahren die Reifen singen. Eine sehr gute und kostengünstige Massnahme. Bei den Motorradunfällen hat Spanien noch Nachholbedarf, aber das liegt zum einen an der hohen Motorraddichte und zum zweiten an "mörderischen" Leitplanken. DIese Leitplanken werden aber nach jahrelangen Protesten der Motorradfahrer nun langsam verändert
masterblaster2000 16.10.2010
4. Kein Titel
Zitat von sysopWer unaufmerksam ist, den warnt die Straße: Rüttelstreifen sollen*Autofahrer vor gefährlichen*Schlenkern auf der Autobahn schützen. In Holland gehört das zum Standard - die deutschen Behörden wollen die sicherheitsfördernde Infrastruktur lieber noch etwas testen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,722490,00.html
Das soll wohl genau das Gegenteil heißen: der gute Mann propagierte nicht die Trennung der Verkehrsräume, sondern gerade die Zusammenführung!
Kasha 16.10.2010
5. Neu?
Diese Rüttelstreifen wurden schon vor Jahren auf der A 661 angebracht.. ohne Hinweise auf Test- oder Versuchsstrecke.
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