Unfallserie bei Toyota: Die Fahrer waren selbst schuld

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Toyota kann das Kapitel "ungewollte Beschleunigung" nun langsam schließen: Eine US-Studie kommt zu dem Schluss, dass die Elektronik keine Schuld trifft. Die Unfallserie dürfte vielmehr auf die Fahrer zurückzuführen sein: Sie verwechselten schlicht Gas- und Bremspedal.

Toyota-SUVs: Fehler in der Elektronik weitgehend ausgeschlossen Zur Großansicht
REUTERS

Toyota-SUVs: Fehler in der Elektronik weitgehend ausgeschlossen

Berlin - Der Untersuchungsbericht kommt einem Freispruch erster Klasse gleich. Monatelang hatte die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA in Zusammenarbeit mit Experten der Raumfahrtbehörde Nasa nach dem Fehlerteufel in der Bordelektronik der Toyota-Autos gesucht. Doch nach zehn Monaten, unzähligen Härtetests und detaillierten Analysen ist das Ergebnis eindeutig: Die elektrischen Systeme hätten bis auf wenige Sonderfälle einwandfrei gearbeitet, sagte Nasa-Chefingenieur Michael Kirsch. Und selbst in diesen Sonderfällen hätten die Wagen nicht ohne das Treten des Gaspedals auf hohe Geschwindigkeiten beschleunigen können. "Es gibt Sicherheitseinrichtungen, die ein ungewolltes Beschleunigen verhindern." Die Fahrer hätten in Stresssituationen oftmals schlicht das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt, stellten die Nasa-Ingenieure fest.

Bereits im Sommer 2010 hatte die NHTSA nach Auswertung der Datenrekorder von 58 Autos, die in Unfälle verwickelt waren, Fehler in der Elektronik weitgehend ausgeschlossen. Selbst die beiden Gefahrenquellen, die Toyota selbst benannt hatte, hatten offensichtlich kaum eine Rolle gespielt. In einem einzigen Fall nur gab es Hinweise, dass eine verrutschende Fußmatte zu einem Unfall geführt hat. Mechanische Probleme mit dem Gaspedal wurden nirgendwo identifiziert. Schon damals fanden die Wissenschaftler nur eine Erklärung für die Unfallserie: Die Fahrer mussten Bremse und Gas verwechselt haben.

Ingenieure, die das Schauspiel sozusagen als Zaungäste verfolgt hatten, zeigten sich keineswegs überrascht von dem Ergebnis. Das Phänomen, dass Autos ungewollt beschleunigen, gilt in der Branche als extrem unwahrscheinlich. "Ich glaube eher an das Ungeheuer von Loch Ness oder an den Yeti", lästert ein Motortechniker eines großen deutschen Herstellers, der allerdings ungenannt bleiben möchte.

Bremsen stärker als der Motor

Eine "denkbar unwahrscheinlichen" Möglichkeit schildert dagegen Hubert Paulus, Sicherheitsingenieur beim ADAC: "In Einzelfällen kann die Welle des Turboladers von Dieselmotoren undicht werden", erklärt er. Wenn das Leck groß genug sei, könne der Motor auf diesem Wege mit Brennstoff versorgt werden und unkontrolliert hochdrehen. Einen konkreten Fall, bei dem dieser Fehler aufgetreten sei, kenne er aber bislang nicht.

Selbst die Gefahr, dass verklemmte Gaspedale eine gefährliche Beschleunigung bewirken könnten, schätzt Paulus deutlich geringer ein, als die Experten der US-Untersuchungskommission. Toyota hatte ein kleines Distanzstück und eine rutschend Fußmatte als mögliche Ursache identifiziert und deshalb Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten zurückgerufen. "Klar kann das Pedal mal klemmen", erklärt Paulus. Doch selbst wenn es dem Fahrer nicht gelingen sollte, das Pedal wieder hochzulupfen, gebe es einen einfachen Ausweg aus dem Dilemma: Ein beherzter Tritt auf die Bremse. "Es gibt kein Auto, dessen Motor stärker ist als die Bremsanlage. Selbst der 620-PS-Boxer des Porsche GT2 RS ist machtlos gegen die Wirkung der eingebauten Keramikscheiben."

Einen letzten Rettungsanker stelle zudem noch der Zündschlüssel dar, der Zündung und Spritzufuhr unterbreche. "Rumdrehen, aber keinesfalls rausziehen" betont der Experte. Denn dann bestehe die Gefahr, dass das Lenkradschloss einraste.

Experten sehen Krise noch nicht überstanden

Die Einsicht, dass eher menschliches Versagen die entscheidende Rolle bei der Unfallserie der Toyotas gespielt hat, beginnt sich nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts erst langsam durchzusetzen. In Foren brandmarken Unverbesserliche Toyota auch weiterhin als Verursacher von tödlichen Unfällen. "Warum ist das nur mit Toyota-Autos passiert und nicht mit anderen", heißt es dort. Auch die große Zahl der gemeldeten Vorkommnisse wird immer wieder als Beleg für das eigene Vorurteil herangezogen. Trotzdem steht Verkehrsminister Ray LaHood, der die Hetzjagd gegen Toyota im vergangenen Jahr massiv angeheizt hatte, nun ziemlich blamiert da. "Wir glauben, dass Toyota-Fahrzeuge sicher zu fahren sind", räumte er nun zerknirscht vor laufenden Fernsehkameras ein.

In vielen Fällen hätten die Unfallfahrer lediglich einen Schuldigen für ihr Versagen gesucht, lässt auch die Verkehrssicherheitsbehörde in ihrem Bericht durchblicken. Denn die meisten Vorwürfe hätten sich als haltlos erwiesen. Bei zwölf schweren Unfällen gehe die Polizei davon aus, dass Alkohol oder Drogen im Spiel gewesen seien. Elf Mal soll der Fahrer wegen körperlicher Beschwerden den Unfall verursacht haben. Und in vier Fällen vermutet die Behörde, dass die Wagenlenker schlicht das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt haben.

Automobilexperten warnten allerdings trotz des Befunds der US-Kommission, die durch die Mängel verursachte Vertrauenskrise für Toyota sei noch nicht überstanden. "Auch wenn wir wissen, dass der Fehler, der den Rückruf ausgelöst hat, nicht elektronisch war, gab es doch einen Fehler. Dies hat das Image der Marke Toyota beschädigt", sagt Tatsuya Mizuno von Mizuno Credit Advisory. Die Rückrufkrise sei noch nicht vorüber, und Toyota sei weiter geschwächt.

Mit Material von dpa und AFP

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insgesamt 66 Beiträge
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    Seite 1    
1. Fahrer schuld
trackerdog 09.02.2011
Alles Andere hätte mich gewundert. Wenn man sieht, welche Mumien der Staat ohne Bedenken noch ans Steuer läßt, dann würde man am liebsten mit einem Panzer fahren. Bei mir vor der Tür ist vor kurzem eine ältere Dame von ca. 80 Jahren dreimal hintereinander gegen eine Mauer gefahren, bis sie endlich gerafft hatte, daß da keine Straße ist!
2. Das ist alles schon mal da gewesen
huez 09.02.2011
Das ist alles schon mal da gewesen. Steht im Der Spiegel 51/1986. In den USA hat AUDI 1986 über 200000 Autos zurückgerufen, weil unerklärliche Unfälle damit passiert sind.
3. nur so ´ne kleine Verschwörungstheorie:
dr. müller 09.02.2011
Also, wenn ich 2009 Lobbyist der US-Automobilindustrie gewesen wäre, die gerade vor dem historischen Ruin steht - mit der Folge des Verlusts von Mio. Arbeitsplätzen und dem Imageverlust der US-Technologie. Also ich würde versuchen, die weltweite Nr.1 der Branche zu diskreditieren damit die Amis wieder Buy American ...
4. LaHood hat
joesaar 09.02.2011
"Ja, Toyotas sind sichere Fahrzeuge" gesagt, als seone Tochter ihn fragte, ob sie einen Toyota kaufen sollte. Ergo, sie hat einen Toyota Sienna gekauft. Das ist kein Witz.
5. War mir schon klar
kekediz 09.02.2011
bei Audi wars EXAKT das selbe! http://de.wikipedia.org/wiki/Audi_5000 Die Probleme tauchen NUR in USA auf - in keinem anderen Markt! Nicht in Europa, nicht Asien! Aber wenn jeder wegen irgendwelchem Irrsinn klagt und dann Millionenbeträge kassiert, komme ich der Industrie auch mit jedem Scheiss und ner Klage...
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