Autonomes Fahren US-Behörde akzeptiert Computer als Autofahrer

Eine US-Verkehrsbehörde hat einen wegweisenden Entschluss für den rechtlichen Rahmen für selbstfahrende Autos gefasst: Demnach können Computer grundsätzlich als Fahrer anerkannt werden - allerdings mit Einschränkungen.

Prototyp des selbstfahrenden Google-Autos "Koala": "Was auch immer fährt"
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Prototyp des selbstfahrenden Google-Autos "Koala": "Was auch immer fährt"


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Es ist ein wichtiger Meilenstein für die Zukunft mit selbstfahrenden Autos: Die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA hat festgestellt, dass Computer grundsätzlich als Fahrer anerkannt werden können. Zugleich schränkte sie aber auch ein, dass das aktuelle Regelwerk an vielen Stellen eindeutig Menschen am Steuer und entsprechende Kontrollmechanismen wie Pedale voraussetze.

Die Entscheidung folgte auf eine Anfrage des IT-Konzerns Google. Das Unternehmen tüftelt seit mehreren Jahren am selbstfahrenden Auto und hatte der NHTSA ein Konzept für ein Fahrzeug vorgelegt, das "nicht auf einen menschlichen Fahrer angewiesen ist". Das geht aus dem Schreiben der Behörde an Google hervor.

Google wollte von der NHTSA vor allem wissen, wie sie zur Idee komplett vom Computer gesteuerter Autos ohne Lenkrad, Pedale oder Lichtschalter steht. Die Behörde sieht hier zwar zum Teil wenig Spielraum für eine Interpretation - etwa bei Bremsen werde derzeit eindeutig gefordert, dass sie sich per Fuß oder Hand bedienen lassen müssten - doch Google könne eine Ausnahme für seine Fahrzeuge beantragen.

Damit wäre der Konzern seinem Ziel einen Schritt näher. Im vergangenen Jahr hatte der US-Bundesstaat Kalifornien noch einen strengen Entwurf für einen Regelkatalog für selbstfahrende Autos vorgestellt. Darin hieß es unter anderem, dass ein Mensch im Auto jederzeit die Möglichkeit zum Eingreifen haben müsse.

Im Schreiben der NHTSA heißt es nun: "Wenn kein menschlicher Insasse das Fahrzeug fahren kann, ist es sinnvoller, als Fahrer das anzuerkennen, was auch immer es fährt." Man stimme Google zu, dass sein selbstfahrendes Auto keinen Fahrer in dem seit über hundert Jahren gängigen traditionellen Sinne haben werde.

Das Regelwerk von 1968 wird aufgefrischt

Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind ein Knackpunkt bei der Einführung von selbstfahrenden Autos: Denn das Regelwerk ist durch die rasante Entwicklung der Technik längst überholt. So heißt es in Artikel acht der sogenannten Wiener Straßenverkehrskonvention von 1968, einer Grundlage der internationalen Verkehrsordnung: "Jedes Fahrzeug und miteinander verbundene Fahrzeuge müssen, wenn sie in Bewegung sind, einen Führer haben." Gemäß der jetzt getroffenen Entscheidung der NHTSA kann es sich dabei auch um eine Software handeln.

Zahlreiche Autohersteller testen derzeit selbstfahrende Autos, darunter auch BMW, Daimler und Audi. Viele Funktionen des pilotierten Fahrens sind außerdem bereits in Serienmodellen verbaut. Die neue E-Klasse von Mercedes kann beispielsweise von allein überholen, der 7er BMW rollt ohne Fahrer aus der Garage.

Ein weiterer Ausbau des rechtlichen Rahmens für autonomes Fahren hängt laut dem Schreiben der NHTSA von der Zuverlässigkeit der Technik ab. "Als Nächstes stellt sich die Frage, ob und wie Google sicherstellen kann, dass der Computer einen Standard erreicht, der den Vergleich mit einem menschlichen Fahrer standhält."

In Kalifornien sind alle Unternehmen, die selbstfahrende Autos testen, zu einem regelmäßigen Unfallbericht verpflichtet. Google gab in seiner jüngsten Dokumentation an, dass es auf 680.000 Testkilometern zu 69 Fällen gekommen sei, in denen ein Mensch am Steuer eingreifen musste, weil die Technologie eine Verkehrssituation falsch eingeschätzt hatte.

Viel wichtige Entscheidungen stehen noch an

Das erklärte Ziel bei selbstfahrenden Autos ist es unter anderem, dass sie menschliches Versagen ausschließen und dadurch weniger Unfälle passieren. Riskante Überholmanöver, Sekundenschlaf am Steuer oder langsame Reaktionen sind von einer Maschine - sofern sie richtig programmiert ist - nicht zu erwarten. Die jetzigen Testfahrzeuge sind aber vor allem im wuseligen Stadtverkehr noch überfordert.

Zudem stellt sich irgendwann auch die Frage, wie ein Auto in einer besonders kritischen Situation reagieren soll - zum Beispiel wenn ein Kinderwagen auf die Straße rollt und die einzige Ausweichmöglichkeit an einem Baum enden würde.


Zusammengefasst: Es wird noch einige Jahre dauern, bis Autos ganz von allein fahren. Die Entscheidung der US-Verkehrsbehörde, dass Computer als Fahrer akzeptiert werden, liefert jedoch schon mal einen wichtigen Beitrag zur Rechtssicherheit bei Tests autonomer Fahrzeuge. Denn nicht nur die technische Entwicklung stellt hier eine Herausforderung dar, sondern auch die Schaffung neuer Regelwerke.

cst/dpa/Reuters

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