Unterwegs im Miet-Truck Heute ein Landstraßenkönig

Einmal über allen Autofahrern thronen: In Bayern vermietet ein Fahrlehrer einen alten US-Truck. Wer mit dem Langhauber cruisen möchte, braucht nicht mal einen Führerschein.

Von

Tom Grünweg

Christian Fragner erinnert sich noch gut an die 90-jährige Dame, die sich bei ihm meldete. Fragner ist Lkw-Fahrlehrer in Erding bei München, die Seniorin kam aus Ostfriesland. Ihr Wunsch war es, einmal in ihrem Leben einen Lastwagen zu fahren. Und zwar keinen gewöhnlichen - sondern den Lastwagen von Christian Fragner: einen mehr als 30 Jahre alten US-Truck.

Der Bayer hat den Laster mit dem riesigen Chrom-Kühlergrill, der langen Haube und den haushohen Auspuffrohren vor vielen Jahren aus den USA importiert. Er und sein Bruder sahen in dem Freightliner FLC 120 das ideale Werbemobil für ihre Fahrschule. Die beiden lagen richtig; mittlerweile haben hunderte ihrer Schüler in dem rot-schwarzen Riesen das Lkw-Fahren gelernt.

Der Freightliner ist aber nicht nur ein Schulungsfahrzeug, sondern auch ein Mietwagen. Ein sehr spezieller Mietwagen, muss man wohl sagen - der auch sehr spezielle Kunden anzieht.

Ohne Lappen ans Lenkrad

Um sich ans Steuer dieses US-Trucks zu setzen, braucht man keinen Lkw-Führerschein. Als Beifahrer sitzt ja Fahrlehrer Fragner mit im Führerhaus. Außerdem wurde das ursprüngliche Gewicht der Zugmaschine so verringert, dass nun eine normale Fahrerlaubnis reicht. Unter Fragners wachsamen Augen kann somit jeder durchs Erdinger Umland cruisen. Selbst wer überhaupt keinen Führerschein hat, darf sich vorübergehend zum King of the Road krönen lassen: Am Ortsende liegt ein ehemaliges Militärgelände brach, und auf dem Privatgrundstück können Fahrversuche jeder Art gestartet werden.

Für die Jungfernfahrt bietet sich das abgeschiedene Gelände sowieso an - denn es ist gar nicht so einfach, den Truck auf Trab zu bringen. Zwar findet man in dem aus Holz geschnitzten Armaturenbrett schnell den richtigen Schalter, um den Dieselmotor anzulassen. Doch wenn der 16-Liter-Sechszylinder mit einem kleinen Beben anspringt, fangen die Probleme erst an. Schließlich wollen 440 PS und ein ziemlich nervöser Hinterradantrieb im Zaum gehalten werden.

Unfallfrei seit drei Millionen Meilen

Schalten, Einkuppeln, Gasgeben und Losfahren - was manche Fahrschüler anfangs verzweifeln lässt, ist im Freightliner auch für erfahrene Autobesitzer eine Herausforderung. Das Anfahren gelingt eigentlich nur dann ohne peinliches Gehoppel, wenn man gleich den dritten von vier Gängen wählt. Den Rest erledigt eine sogenannte Vorschaltgruppe, die allerdings reichlich träge reagiert und dem Fahrer entsprechend viel Geduld abfordert.

Ist die Fuhre dann in Bewegung, gleicht das Lenken einem Fitnessprogramm für die Arme. Um den Riesen zu wenden, muss man eine gefühlte Ewigkeit kurbeln, sechs komplette Umdrehungen Anschlag zu Anschlag sind nötig. Und über das Bremsen sollte man sich ebenfalls rechtzeitig Gedanken machen. Es braucht nämlich Zeit, Weitblick und Feingefühl, bis das Gebirge aus Stahl dann tatsächlich still steht.

Laut Fragner hat es bislang aber weder eine Panne noch einen Unfall mit dem Truck gegeben. Der Freightliner wummert seit mittlerweile drei Millionen Meilen klaglos vor sich hin. Fragner beobachtet die Laien am Lenker dann auch mit der Gelassenheit eines Profis, der in einem langen Berufsleben als Fahrlehrer schon so ziemlich jeden Dilettantismus erlebt hat. Die Straßen auf dem Übungsgelände sind breit, Bäume und Büsche frisch gestutzt und auf Tempo kommt es ohnehin nicht an.

Rollentausch zwischen Fernfahrer und Hausfrau

Hochzeitsanträge, Junggesellenabschiede, posttraumatische Unfallnachsorge unter psychologischer Anleitung, runde Geburtstage, Dienstjubiläen und der Rollentausch zwischen Fernfahrer und Hausfrau - seit Fragner den US-Laster vermietet, war das imposante Fahrzeug schon zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten unterwegs.

Auch die 90-jährige Ostfriesin bekam ihren Wunsch erfüllt: "Am schwierigsten war es, die Dame wohlbehalten nach oben auf den Fahrersitz zu bringen", erinnert sich Fragner. "Aber als sie dann hinterm Lenkrad saß, wollte sie gar nicht mehr aussteigen."



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Faktenanalyse 25.10.2014
1. Toll
... würde ich auch gerne mal fahren. Mit Auflieger wäre der Truck natürlich noch besser und authentischer, aber die Zugmaschine alleine ist schon eine Attraktion. So machen Fahrstunden sicher Spass. Einzig das Armaturenbrett hätte ich größer und massiver erwartet, passt nicht so recht zum Äusseren.
metastabil 25.10.2014
2.
Hallo Redaktion, die Angaben über die benötigten Fahrerlaubnisse sind falsch: laut der Seite fragners.de, auf der Fahrten gebucht werden können, wird für Fahrt auf dem abgeschlossenen Gelände Klasse B benötigt. Für die Fahrt im öffentlichen Straßenverkehr ist die Klasse C1E oder die alte Klasse 3 notwendig. Davon entbindet auch das Mitfahren eines Fahrlehrers nicht, da dazu der Fahrer und der mitfahrende Fahrlehrer in keinem Fahrausbildungsverhältnis zueinander befinden.
Romiman 25.10.2014
3. Fahrschulwagen?
Interessant wäre ja noch das Detail, ob der Freightliner auch eine Fahrschulpedalerie für den Beifahrersitz besitzt, denn nur dann könnte er (nach meinem Kenntnisstand) als Fahrschulwagen von Personen ohne Führerschein im öffentlichen Straßenraum gefahren werden.
lee-achim 26.10.2014
4. im Miet-Trucker ?
Leute, wenn ihr schon mit englischen Worten um Euch werfen muesst, dann macht es doch bitte richtig ! Ein TRUCKER ist ein LKW-Fahrer, der LKW selbst ist nur ein truck. Ansonsten ist das aber schon ein Heidenspass und nach dieser Gratiswerbung werden die Fragners noch mehr Zulauf haben - sei´s ihnen gegoennt.
kdshp 26.10.2014
5.
Wie hoch ist der co2 ausstoß bei dem spass?
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