Verkehrssicherheit in Deutschland Fußgänger sind bei Unfällen fast immer unschuldig

Deutschlands Straßen sind sicherer geworden - nur nicht für Fußgänger. Der große Städte-Check.

Menschen an einem Zebrastreifen: Vielerorts "keine Fußgängerstrategie"
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Menschen an einem Zebrastreifen: Vielerorts "keine Fußgängerstrategie"


Wer in deutschen Städten als Fußgänger unterwegs ist, lebt gefährlich. Mehr als ein Drittel aller Verkehrstoten innerhalb von Ortschaften waren in den vergangenen fünf Jahren Fußgänger, so eine Untersuchung des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Die Tendenz steigt.

Während die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer zuletzt zugenommen hat, verschlechterte sich laut VCD die Situation für Fußgänger leicht. Im Jahr 2013 waren 40 Prozent der tödlich Verunglückten innerhalb von Ortschaften Fußgänger. Gleichzeitig stieg der Anteil der verunglückten Fußgänger an allen im Straßenverkehr verunglückten Personen seit 2009 kontinuierlich.

Dabei müssten gerade die Bürgermeister der Städte ein Interesse daran haben, mehr Menschen für das Zufußgehen zu begeistern. Denn wer per pedes unterwegs ist, trägt zur Verbesserung der Umweltbilanz bei. Viele Städte - auch in Deutschland - leiden unter der hohen Abgasbelastung durch den motorisierten Straßenverkehr. Mehr als jeder vierte Weg in deutschen Städten wird mittlerweile zu Fuß zurückgelegt. Doch es gebe vielerorts überhaupt "keine Fußgängerstrategie", kritisiert der ökologische Verkehrsclub.

Schuld haben die Fußgänger an den Unfällen fast nie

Besonders gefährdet sind laut der Studie Senioren und Kinder - auch, weil die Alten und Jungen der Gesellschaft häufiger als andere zu Fuß gehen. 2013 starben im Straßenverkehr in ganz Deutschland 3339 Menschen im Straßenverkehr, davon waren 557 Fußgänger. Mehr als jeder zweite von ihnen war älter als 65 Jahre.

Schuld an den Unfällen haben die Fußgänger dagegen so gut wie nie: "Sie verunglücken zu über 80 Prozent beim Queren der Straße und das nicht, weil sie sich fehl verhalten, sondern oft aufgrund falscher Abbiegemanöver oder überhöhter Geschwindigkeit von Autofahrern", sagt Anja Hänel, Referentin für Verkehrssicherheit beim VCD. Nur in drei Prozent aller Unfälle waren Fußgänger Hauptverursacher des Unglücks, so eine Auswertung des Statistischen Bundesamts. Hänel fordert die Autofahrer auf, die Geschwindigkeit zu senken. Außerdem soll die Sichtbarkeit von Fußgängern erhöht werden.

So will der VCD die Fußgängersicherheit weiter steigern:

  • Mehr und bessere Hilfen beim Überqueren der Straße wie deutlich sichtbarere Zebrastreifen - beispielsweise in Überbreite - oder farblich hervorgehobene Fußgängerüberwege. An Knotenpunkten darf sowohl die Sicht der Autofahrer als auch der Fußgänger nicht durch Hindernisse eingeschränkt werden. An Haltestellen und Bahnhöfen sollen verkehrsabhängige Ampeln eingerichtet werden, die mit den Busfahrplänen koordiniert werden. So müssen Fußgänger, die noch schnell den haltenden Bus erreichen wollen, die Straße ohne Risiko überqueren können.
  • Eingriffe in die Infrastruktur, beispielsweise durch eine verengte Fahrspur, um die Geschwindigkeit der Autofahrer zu drosseln. Auch falschparkende Autos behindern vor allem die freie Sicht von Kindern auf die Straße. Raue Bordsteinkanten oder deutlichere Markierungen von Parkflächen sollen potenzielle Parksünder abschrecken.

  • Tempo 30 und häufigere Kontrollen von Falschparkern auf Gehwegen und an Kreuzungen. Eine niedrigere Geschwindigkeit verkürzt den Bremsweg und senkt somit die Gefahr von Unfällen. Der VCD fordert, auch auf Hauptwegeverkehrsstraßen Tempo 30 einzuführen.
  • Weniger Straße, mehr Lebensraum: Der VCD begrüßt es, wenn Städte Straßen temporär in Spielstraßen umwandeln. So soll das Verständnis wachsen, dass Straßen nicht nur den Autos, sondern auch den Menschen gehören. Dazu können - so der VCD - auch ganz simpel Blumenkästen am Straßenrand aufgestellt oder Luftballons am Gartenzaun befestigt werden.

Als Positiv-Beispiel für die Verkehrssicherheit von Fußgängern nennt der VCD die Stadt Krefeld. Dort hat die Zahl der verunglückten Fußgänger - mit Ausnahme der Jahre 2011 und 2012 - kontinuierlich abgenommen. Da in Krefeld lange Zeit viele Kinder verunglückten, bildete sich in der Stadt in Nordrhein-Westfalen die Initiative "Krefelder Fairkehr".

VCD

Um die Autofahrer zu sensibilisieren wird auf der Seite krefelder-fairkehr.de über Unfälle mit verunglückten Kindern berichtet. Unbeliebte Maßnahmen wie Geschwindigkeitskontrollen oder Parküberwachung würden so von der Bevölkerung eher akzeptiert. Gehwege in der Stadt wurden verbreitert, etwa die Hälfte aller Straßenkilometer in Krefeld sind heute Tempo-30-Zonen.

Für den "VCD Städtecheck" - so der Name der Studie - hat der Verkehrsclub alle Fußgängerunfälle in deutschen Großstädten mit über 100.000 Einwohnern analysiert. Der Untersuchungszeitraum beschränkt sich auf die Jahre zwischen 2009 und 2013. Zudem führten die Verantwortlichen Telefoninterviews mit den zuständigen Verwaltungen der Städte und der Polizeidienststellen. Die detaillierten Ergebnisse für die 80 untersuchten Großstädte in Deutschland finden Sie hier.

mhu

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
Checkker 09.09.2014
1. So
ein Unsinn. Freie Fahrt für freie Bürger. Man sollte alle Fussgänger den Ausgang verbieten und in Städten endlich Tempo 100 einführen.
thsherlok 09.09.2014
2. Und trotzdem
halten die meisten Fußgänger die Radfahrer für gefährlicher. Mal wieder ein schönes Beispiel wie Realität und Vorstellung auseinanderklaffen. P.S. Ich vermisse die Empfehlung des Helmtragens wie er bei ähnlichen Berichten zu Radfahrern gang und gäbe ist.
ccpruin 09.09.2014
3. Andere Wahrnehmung
Auf meiner täglichen Radstrecke (ca. 5km je Richtung) treffe ich jeden Tag auf mindestens 5 Menschen - quer durch alle erwachsenen Altersklassen - die, auf ihr Mobiltelefon starrend, unkoordiniert und zum Teil abrupt auf den Radweg taumeln. Hier hätte ich gegenwärtig die meisten Unfälle vermutet.
UM Pieper 09.09.2014
4. Fahrunterricht
Es gibt so viel Aggression im Straßenverkehr, natürlich sind, als die Schwächsten, vor allem Fußgänger die Opfer. Es gilt vielen ja als Provokation, wenn man als Fußgänger noch bei Fußgänger-Rot unterwegs ist (selbst wenn man bei Grün los ist und die andere Straßenseite fast erreicht hat). Ich wurde mal übel beschimpft, weil ich vor einem Radfahrer den Radweg überquert hatte, Bremsen oder auch nur langsamer fahren mußte der nicht mal. Er fand aber wohl ungehörig, daß er sich nähert und ich nicht auf ihn warte - wie gesagt, so viel Aggression. Bremsen wird als Zumutung gesehen, lieber werden Leute, auch auf Wegen mit "Vorrang für Fußgänger" aus dem Weg geklingelt. Zeichen mangelnden Respekts. In den Fahrschulen sollte es diesbezüglich Nachhilfe geben. Es sollte vermittelt, eingeschärft werden, daß im Straßenverkehr nicht mehr Recht hat, wer (mehr) PS hat, daß die stark variierende Verletzbarkeit der Verkehrsteilnehmer dazu führt, daß die einen mehr Vorsicht walten lassen müssen. Ich schreibe nicht "mehr vermittelt", weil dieser Aspekt - ich beurteile gemäß eigener Erfahrung - nicht vermittelt wird. Im Grunde ist ja auch eine Selbstverständlichkeit, die aber von zu vielen nicht beachtet wird. Und um den immer noch zu vielen Verkehrsopfern und der sich der im Straßenverkehr mit üblen Folgen Bahn brechenden Aggression entgegenzuwirken, muß man ja irgendwo ansetzen und kann es recht einfach schon mal bei den Fahrschulen tun.
beegee 09.09.2014
5. Wenn die Jennifääär...
... die Schakeline über die rote Ampel zerrt, um noch dä näxte Buss für zu kriejen - ist die sicher nicht schuld??!! Das ganze ist vielleicht jetzt überspitzt dargestellt, aber wenn ich mir tagtäglich das Verhalten von anderen Fußgänger - erledige viel zu Fuß, viel mit dem Bus, wenig mit dem Auto - anschaue, sträuben sich mir die Haare. Die sträuben sich mir aber auch bei Radfahren oder Autofahrern. Es würde helfen, wenn sich alle versuchen würden an die Regeln zu halten, sich konzentrieren würden und etwas weiter denken als zur nächsten Bordsteinkante. In der ADAC-Motorwelt war jetzt ein Bericht, in dem sinngemäß gesagt wurde, junge Leute empfinden das Autofahren als lästige Unterbrechung beim Bedienen des Smartphones und würden daher auch im Auto mit dem Smartphone rum hampeln. Das passiert aber - selbst gesehen - auf dem Rad oder auch bei Fußgängern.
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