VDA-Präsident Wissmann "Müsliautos interessieren keinen"

Und er bewegt sich doch! Nach Jahren des Stillstands herrscht Aufbruchstimmung beim Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA). SPIEGEL ONLINE sprach vor Beginn der IAA mit dem neuen VDA-Chef Matthias Wissmann über saubere Autos, anrüchige Plagiate und sparsames Kartfahren.


SPIEGEL ONLINE: Herr Wissmann, 'Sehen, was morgen bewegt' lautet das Motto der Internationalen Automobilausstellung IAA, die an diesem Donnerstag offiziell beginnt. Was soll das heißen?

Wissmann: Es wird in Zukunft darauf ankommen, dass man ökologische Vernunft und automobile Emotion miteinander verbindet. Das wollen wir den Besuchern auf der IAA zeigen, damit wollen wir sie faszinieren. Die IAA ist die weltweite Leitmesse für Mobilität, und wir Deutschen sind beim Thema Innovation ungeheuer stark. Ich glaube, wir können mit dieser Messe eine Führungsrolle übernehmen in Sachen Kraftstoffeffizienz und Schadstoffreduktion.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Verkehrsminister schon einige Automessen in Frankfurt erlebt, wie ändert sich die Perspektive als VDA-Präsident?

VDA-Präsident Matthias Wissmann: "Wir haben fast überall einen Vorsprung"
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VDA-Präsident Matthias Wissmann: "Wir haben fast überall einen Vorsprung"

Wissmann: Zum einen trage ich die Verantwortung für den wirtschaftlichen Erfolg dieser Messe, und zum anderen natürlich auch für die Botschaft, die von dieser IAA ausgeht. Wir haben diesmal, wie nie zuvor, auf nachhaltige Mobilität gesetzt, und ich hoffe, dass wir damit Maßstäbe setzen für andere Messen auf der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Wo hat die deutsche Autoindustrie in Sachen Nachhaltigkeit den größten Nachholbedarf?

Wissmann: Ich glaube im Gegenteil, dass wir fast überhall einen Vorsprung haben. Das geht vom sauberen Diesel über extrem kraftstoffeffiziente Benzinmotoren beispielsweise durch Direkteinspritzung…

SPIEGEL ONLINE: …der Vorsprung endet aber abrupt beim Hybridantrieb.

Wissmann: Langsam, bei dieser Messe wird die deutsche Autoindustrie zeigen, dass sie sich auch beim Thema Hybrid nicht überholen lässt. Stattdessen sind die Hersteller dabei, etwa bei Teilhybrid-Lösungen ebenfalls an die Weltspitze zu gelangen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden auch die beiden Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Fritz Kuhn über die IAA führen. Was zeigen sie denen?

Wissmann: Die möchte ich auf den Öko-Pfad führen. Das ist ein spezieller Weg über die Messe, der zu all jenen Automobilen und Zuliefererteilen führt, die beispielhaft sind für mehr Kraftstoffeffizienz und Schadstoffreduktion. Da kann ich dann glaubhaft zeigen, dass deutsche Autos sich mit japanischen Fabrikaten nicht nur messen können, sondern bei niedrigen CO2-Werten Weltspitze sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich den Öko-Pfad vorstellen, als grüne Linie auf dem Boden?

Wissmann: Nein. Jeder Besucher kann sich am Eingang einen Plan besorgen, mit dem er ohne Schwierigkeiten zu all den ökologisch relevanten Ausstellungspunkten gelangt.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte das viele Grün ja auch für Schminke halten, für eine geschickte Tarnung, hinter der weitergemacht wird wie bisher…

Wissmann: …genau das wäre grundfalsch. Wir haben gerade eine Entscheidung getroffen, mit der sich die deutsche Autoindustrie in einem weiteren ökologisch bedeutsamen Feld an die Weltspitze schieben wird. Deutsche Hersteller und Zulieferer haben nämlich vereinbart, in Zukunft bei Klimaanlage nur noch natürliche Kältemittel einzusetzen, die für die Umwelt die geringste Belastung bedeuten und alle künftigen europäischen Grenzwerte deutlich unterbieten. Wir sind die erste Autonation der Welt, die diesen Weg geht – und erhalten dafür sogar Lob von Greenpeace und der Deutschen Umwelthilfe.

SPIEGEL ONLINE: Ab wann können Autokäufer sicher sein, das in ihrem deutschen Neuwagen eine solche Klimaanlage eingebaut ist?

Wissmann: Ich gehe davon aus, dass zu Beginn des nächsten Jahrzehnts diese Klimaanlagen in der Großserie zum Einsatz kommen.

SPIEGEL ONLINE: Es fällt auf, dass zahlreiche der angekündigten umweltfreundlichen Technologien erst in drei, vier oder noch mehr Jahren auf den Markt kommen sollen. Warum diese Verzögerung?

Wissmann: Nach den neuesten Daten stieg der Verkauf von Neuwagen in Deutschland mit einem CO2-Ausstoß von weniger als 130 Gramm pro Kilometer bis Ende August im Vergleich zum Vorjahr um 27 Prozent. Es gibt diese Autos, und damit diese Technologien längst – und sie werden gekauft. Ich habe immer gesagt: Müsliautos interessieren keinen. Aber Autos die sexy sind und zugleich einen niedrigen Verbrauch haben, interessieren selbst denjenigen, der mit CO2 nicht viel anfangen kann.

SPIEGEL ONLINE: Nun kümmert sich ja die EU um den CO2-Ausstoß. Bis 2012 soll der auf 130 Gramm je Kilometer bei Neuwagen gesenkt werden. Ist das zu schaffen von der deutschen Autoindustrie?

Wissmann: Das hängt entscheidend ab vom Gesetzgebungsprozess. Je später dieser endet, desto schwerer wird es, dieses Ziel zu erreichen, weil man ja gar nicht die genauen Parameter kennt. Deswegen können wir heute noch nicht exakt sagen, zu welchem Zeitpunkt wir welchen Wert schaffen können.

SPIEGEL ONLINE: Aber 130 Gramm CO2 pro Kilometer sind doch eine glasklare Vorgabe, da braucht es doch keine weiteren Parameter.

Wissmann: Doch, denn wir wissen im Moment ja noch gar nicht, ob es zum Beispiel von Segment zu Segment unterschiedliche Grenzwerte geben wird. Und wie genau diese Werte dann ermittelt werden. Deshalb können wir heute nur sagen, dass wir die größten Anstrengungen unternehmen, um den CO2-Ausstoß zu senken, aber keine Details nennen.

SPIEGEL ONLINE: Außer über Schadstoffe wurde im Vorfeld der Messe auch heftig über angebliche Auto-Plagiate aus chinesischer Produktion diskutiert. Wie ist da der letzte Stand? Werden diese Fahrzeuge auf der Messe stehen?

Wissmann: Nun, die Wahrung der Design- oder Patentrechte erfolgt nicht durch den VDA, sondern durch die Hersteller oder Zulieferer. Erst wenn diese die Verletzung solcher Rechte reklamieren, könnten wir als Aussteller eingreifen. Wir hören gegenwärtig, dass es bereits erste Klagen des einen oder anderen Aussteller gegen einen Aussteller chinesischer Fahrzeuge gibt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt im Klartext, die unter Plagiatsvorwurf stehenden Modelle werden nicht auf der IAA stehen?

Wissmann: Wahrscheinlich müssen wir mit solchen Produkten nicht rechnen. Aber ich sage das im Konjunktiv, definitiv wissen wir das erst, wenn die Messe beginnt. Wir jedenfalls wollen Originalität auf der IAA.

SPIEGEL ONLINE: Der VDA veranstaltet auf der Messe unter anderem auch Kartrennen, wo es unter dem Titel CO2-Cup darum geht, nicht nur schnell, sondern auch möglichst spritsparend zu fahren. Werden Sie daran teilnehmen?

Wissmann: Das möchte ich unbedingt. Ich finde das ist ein tolles Beispiel dafür, um jungen Leuten klarzumachen, dass es nicht auf das Rasen ankommt, sondern auf einen vernünftigen Umgang mit dem Auto.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn schon einmal an einem Spritspartraining teilgenommen.

Wissmann: Nein, noch nicht. Mir sind zwar die wesentlichen Elemente des spritsparenden Fahrens klar, aber ich könnte das eigentlich mal versuchen.

Das Gespräch führte Jürgen Pander



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