Verbotene Radarwarner: Die Trickkisten der Temposünder

Von Jürgen Pander

Tempofanatiker tricksen, was sie können, die Polizei ist oft machtlos: Mit viel Energie sammeln Raser Informationen über neue Radarfallen - per Radio, Internet und durch Software-Updates für Navigationssysteme.

Radarfallen: Keine Falle bleibt unentdeckt Fotos

Eifrige Facebook-Nutzung kann sich für Autofahrer lohnen. "Blitzer an der BAB-Auffahrt Horn vor der Bushaltestelle stadtauswärts", meldet zum Beispiel Tim Pakula auf der Facebook-Seite "Blitzer in Hamburg". Und Christian Henze postet auf "Blitzer Hannover": "Blitzer B65 Goltern Richtung Hannover - wie immer aus einem silbernen Skoda Roomster (50km/h)". Doch nicht nur die Mitglieder der Facebook-Gemeinde sind eifrig bemüht, "Freunde" vor der Temposünde zu bewahren. Internetseiten wie blitzer.de, radarfalle.de oder radarwarner.de haben sich darauf spezialisiert, Radarfallen aufzustöbern und deren exakte Position zu veröffentlichen.

Der Versuch, die Blitzer auszutricksen und andere Fahrer zu warnen, ist so alt wie die Messgeräte selbst: per Lichthupe. Oder mit einer am Rückspiegel aufgehängten CD, die den Radar durch Reflexionen irritieren sollte. Die nächste Weiterentwicklung waren Geräte, die Laut gaben, wenn sie Laser- oder Radarstrahlen der Messstationen registrierten. Der Zubehörhandel hält heute noch ein reichhaltiges Angebot an Radarwarnern bereit, die zum Teil mehrere hundert Euro teuer sind, und - zumindest nach den Versprechungen der Hersteller - bereits tausend Meter im Voraus eine mobile Blitzanlage oder eine Laserpistole erkennen können.

Inzwischen jedoch hat die Polizei mächtig aufgerüstet: Im Asphalt versenkte Induktionsschleifen sind für Radarwarner ebenso wenig aufzuspüren wie Lichtschranken. Die modernsten Messgeräte können sogar gleich mehrere Temposünder gleichzeitig erfassen und darüber hinaus den Abstand zwischen den Fahrzeugen messen.

Spirale der Aufrüstung

Doch auch die einschlägige Szene hat längst reagiert. Längst gibt es Apps, also Zusatzprogramme für Smartphones, die komplette Landkarten enthalten, auf denen die rund 3500 bundesweit fest installierten Anlagen als sogenannte POIs ("points of interest") eingetragen sind und die ständig aktualisiert werden.

Auch lassen sich viele der gängigen mobilen Navigationsgeräte mit Software bespielen, die nicht nur die stationären Blitzer umfasst, sondern auch die Plätze, die die Polizei mit mobilen Anlagen immer mal wieder aufsucht. Bei den fest im Auto eingebauten Navis ist der Aufwand größer, doch die Aufrüstung ist keineswegs unmöglich. Im Internet finden sich dafür jede Menge Anleitungen. Die Foren sind über Google problemlos zu finden, wenn man zum Beispiel die Stichworte Navi, Radar und die entsprechende Automarke eingibt.

Aus Sicht etlicher Autofahrer haben all diese Geräte nur einen Nachteil: Sie sind verboten. Der große Erfolg der Radarwarner hat wohl mit dem diffusen Gefühl vieler Autofahrer zu tun, es werde "Abzocke" betrieben durch vielerorts willkürlich aufgestellte Blitzanlagen. Gegen dieses "Unrecht", so der eigenwillige Umkehrschluss, dürfe man sich auch mit zweifelhaften Methoden zur Wehr setzen.

Nicht alle Tricks sind illegal

Nicht alle Versuche von Autofahrern, sich durch Hilfsmittel vor einem Blitzer zu schützen, sind illegal. Nach Auskunft von Juristen existiert eine Grauzone, die rechtlich nicht restlos geklärt ist. "Wenn auf Facebook unsortiert Blitzer aufgelistet werden, dann ist das nach derzeitiger Rechtsprechung nicht zu beanstanden", sagt ADAC-Jurist Jost Kärger. "Definitiv verboten sind Angaben wie etwa 'Blitzer in 500 Metern' durch das Navigationsgerät."

Verboten sind jedoch nicht die Programme an sich, sondern die Nutzung während der Fahrt. Kaufen kann man sie trotzdem, etwa über Internetanbieter wie radar-shop.com, eine Firma mit Sitz in Großbritannien. Doch: Wer ein solches Gerät bestellt und im Auto hat, muss bei einer Polizeikontrolle mit einem Bußgeld von 75 Euro, vier Punkten in der Verkehrssünderkartei in Flensburg und der Beschlagnahmung der Apparatur rechnen.

Kaum Urteile über Blitzerwarnungen durch den Beifahrer

"Bei uns ist nicht nur der Verkauf, sondern auch die Bewerbung solcher Geräte sittenwidrig", sagt Michael Kuhagen, Verkehrsanwalt aus Hamburg. Eine rechtliche Grauzone jedoch sei die Nutzung von Smartphones mit Blitzer-Apps durch den Beifahrer, denn in der Straßenverkehrsordnung sei dies explizit nur dem "Führer eines Kraftfahrzeugs" untersagt. Mit anderen Worten: Wenn der Beifahrer mit dem Smartphone herumspielt, ist der Fahrer fein raus.

Doch auch dieser Rückschluss ist keinesfalls sicher, denn bislang hatten die Gerichte offensichtlich noch kaum Fälle dieser Art auf dem Tisch liegen. "Urteile dazu sind derzeit noch kaum zu finden", sagt Kuhagen.

Das sicherste Mittel gegen mobile Radarfallen, Laserpistolen oder sogenannte Starenkästen ist es, die Geschwindigkeitsbeschränkungen zu respektieren. Im Übrigen gelten gewisse Regeln ja nicht nur für Autofahrer, sondern beispielsweise auch für Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs. Doch auch hier wird versucht, Kontrollen zu umgehen. Auf der Facebook-Seite "MVV" etwa gibt es exakte Angaben zu Fahrkartenkontrollen im Großraum München. Ein gewisser Hanselpeter1 meldete dort kürzlich: "2 s bahn Kontrollen in s3 holzkirchen frau mit blonden haaren und mann mit brille".

Mitarbeit: Christian Frahm

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insgesamt 320 Beiträge
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1. Tempofanatiker?
Transmitter 30.09.2011
Viele sind sicher KEINE unverantwortlichen "Tempofanatiker" sondern brave Bürger, die sich gegen diese Strassenräuberei schlicht und einfach wehren. Wir wissen doch, dass "Radarfallen" schon lange nicht mehr nach verkehrspädagogische Kriterien aufgestellt werden. Nein. Diese "Abzocker-Aktionen" sollen Geld hereinholen. Egal, ob damit Einsicht oder gar Gefahrenminderung erreicht wird oder nicht. Geld ist das Motiv. Nur Geld! Es ist halt so wie in Brüssel :-))
2. Erbärmliches Verhalten
Beduine 30.09.2011
Ich finde es erbärmlich, wenn sich gerade die Besserverdienenden, oft Geschäftsführer, damit brüsten, wie sie die "dämlichen Bullen" über den Tisch gezogen haben, nachdem sie wegen zu schnellen Fahrens erwischt wurden. Die erzählen dann voller Stolz in engeren Kreis von ihren Anwälten, die erst mal gegen alles Widerspruch einlegen, dann sich zeigen lassen, ob die Messgeräte geeicht sind, ob die Leute, die gemessen haben, tatsächlich auf dem Gerät eingewiesen wurden etc... Und das sind Geschäftsführer, die eine Vorbildfunktion haben und von ihren Mitarbeitern Loyalität und Ehrlichkeit erwarten.
3. Wegelagerei
egomeabsolvo 30.09.2011
Ich bin pro jahr etwa 30Tkm geschäftlich unterwegs, also beileibe kein Vielfahrer. Was ich jedoch an Wegelagerei mit Hilfe von Geschwindigkeitskontrollen wahrgenommen habe, schlägt alle Rekorde. Oft ist es wirklich pure Abzocke, Gefahrenstellen sind es kaum, an denen geblitzt wird. Der Verdacht der Abzocke ist längst zur Gewißheit geworden. Meine Forderung: Ankündigung jeder Geschwindigkeitsmessung deutlich vorher, knallbunte Bemalung aller (ich meine auch die mobilen!!!) Geschwindigkeitsmessgeräte. Nur so kann der Verdacht ausgeräumt werden, abzuzocken. In GB geht das. Hinzu kommt die völlig undurchsichtige Definition einer "Gefahrenstelle". Hier ist bundeseinheitlich eine Grundlagenklärung erforderlich. Bislang macht doch jede pekuniär rachitische Kommune was sie will...Nicht mit mir!
4. .
markus_wienken 30.09.2011
Zitat von TransmitterViele sind sicher KEINE unverantwortlichen "Tempofanatiker" sondern brave Bürger, die sich gegen diese Strassenräuberei schlicht und einfach wehren.
Brave Bürger halten sich an die Gesetze, auch an die STVO. Das Motiv, bzw. Ihre Interpretation der Radarfallen ist irrelevant, wichtig ist dass eine Gesetzesübertretung erkannt und dann auch geahndet wird.
5. Die Lösung ist sehr simpel...
Pfeiffer mit drei F 30.09.2011
Wenn alle Fahrer einfach das Tempolimit mehr als genau nehmen würde, würde niemand mehr geblitzt und die ganzen Radarfallen lohnen sich nicht mehr. Da sich dadurch die Durchschnittsgeschwindigkeit für den Fahrer kaum senkt - 100 statt 80 bei einer 5km-Baustelle "kostet" nur 45 Sekunden, und bei normalen Verkehr ist es schwer, überhaupt die Durchschnittsgeschwindigkeit erheblich zu steigern.
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