Verkehrschaos in NRW Ein Land steht still

Nordrhein-Westfalen hält einen unrühmlichen Rekord: 135.000 Kilometer Stau erdulden die Menschen zwischen Aachen und Minden-Lübbecke jedes Jahr. Verkehrsminister Voigtsberger will das Problem jetzt angehen, doch die Strategien sind altbekannt - und bringen allenfalls Linderung.

DPA

Von , Köln


Den besten Blick auf den Stillstand hat man am Ende eines nüchternen Behördenflurs: blitzblanke Linoleumböden, grelles Neonlicht und eine weiße Tür, auf der geschrieben steht: H347, Dezernat 25, Regionales Verkehrsleitzentrum.

Zwei Männer sitzen hinter der Tür, in bequemen Rollsesseln und vor einer Wand von Bildschirmen, die den schummrigen Raum aufhellen. Kai Edeler und Jörg Rodenberg sind "Operatoren", sie sollen in den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf den Verkehr auf den Autobahnen kontrollieren und nach Möglichkeit den Verkehrsfluss aufrechterhalten. Über Anzeigetafeln auf der Strecke, die sie je nach Lage anknipsen, mit Warnsignalen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverboten. Das ist die Theorie.

Und die Praxis? Rodenberg schaut zu Edeler. "Tja, manchmal können wir einfach nur auf 'Stau' schalten." Auf der A3 zum Beispiel gehe ja oft gar nichts mehr. 180.000 Autos jeden Tag. "Das ist einfach viel zu viel."

Nordrhein-Westfalen ist das Rekord-Stauland der Republik. 57.000 Staus ergeben hier jedes Jahr insgesamt etwa 135.000 Kilometer Stillstand. Das kostet Zeit, Termine platzen, und es bedeutet für die Autofahrer Stress pur: Wut, Verzweiflung oder sogar Herzrasen sind die Folge.

Jeder dritte Stau Deutschlands bildet sich zwischen Aachen und Herford. Und die Fachleute wissen auch, warum: In den vergangenen Jahren häufte sich auf nordrhein-westfälischen Autobahnen die Zahl der Unfälle. Und: Dort behindern derzeit etwa 150 Baustellen dauerhaft die freie Fahrt. Außerdem ist die Verkehrsdichte in dem Bundesland mit seinen knapp 18 Millionen Einwohnern einzigartig in Europa.

Das Problem zu lösen kommt der Aufgabe gleich, den berühmten Augiasstall auszumisten - eine Heldentat, die einst das ganze Format des sagenhaften Heroen Herakles erforderte. Doch die Landesregierung will es trotzdem versuchen. Allerdings sind die Strategien, die NRW-Verkehrsminister Harry Voigtsberger dazu vorgeschlagen hat, umstritten.

  • Der Sozialdemokrat will an neuralgischen Punkten die Standstreifen befahren lassen und auf diese Weise die Fahrbahn verbreitern - was keine neue Idee ist. Das Problem jedoch: Gerade dort, wo es sich ständig staut, fehlt diese Möglichkeit zumeist. Außerdem verlagert sich der Stillstand dadurch bloß, an der nächsten Engstelle tritt er dann doch wieder auf, manchmal sogar massiver.
  • Außerdem versprach Voigtsberger, das Baustellenmanagement zu verbessern, woran schon seine Amtsvorgänger gescheitert sind.
  • Er will auch das Schienennetz ausbauen lassen, wofür allerdings der Bund zuständig ist.
  • Und zuletzt war auch die Rede davon, die beiden Verkehrsleitzentralen des Landes zusammenzulegen, die bislang in Arnsberg und eben in Köln ansässig sind. Der Nutzen dessen ist ebenfalls nicht ersichtlich.

Doch was tun? Die Opposition setzt auf Bagger und Planierraupen und will dem Stillstand mit noch mehr Asphalt beikommen. Dabei ist unter Fachleuten unumstritten, dass eine Zunahme der Verkehrsbelastung mit dem Ausbau von Autobahnen einhergeht. "Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten", verballhornt der Kölner Beamte Edeler ein altes Sprichwort. Ein "bedarfsgerechter" Straßenbau, wie ihn etwa die FDP fordert, wäre wohl zudem kaum bezahlbar.

Mit dem Stau leben lernen

Und es kommt noch schlimmer. Das Bundesverkehrsministerium jedenfalls geht davon aus, dass der Lkw-Verkehr in Deutschland deutlich zunehmen wird. Gleichzeitig sollen die Bundesmittel, die NRW für den Ausbau seines Autobahnnetzes bekommt, zurückgehen. Die nordrhein-westfälischen Industrie- und Handelskammern warnen daher bereits vor einer logistischen Benachteiligung der örtlichen Wirtschaft und befürchten "ein massives Standortproblem".

Selbst Voigtsberger traut sich einen echten Triumph über den Stillstand auf den Straßen nicht zu. Das Versprechen, die Anzahl der Staus zu halbieren, hält er für "unseriös" und "vermessen". Man müsse eben lernen, damit zu leben, empfiehlt er. Wissenschaftler stimmen dem Politiker zu und raten den Autofahrern zu Schulungen, die dabei helfen, "sich mit dem Ohnmachtserlebnis Stau zu arrangieren", wie ein Psychologe der "Welt am Sonntag" sagte.

Ende Juli bietet sich diesen tiefenentspannten Lenkern die erste Gelegenheit, ihre frisch erlernte Gelassenheit auf den Prüfstand zu stellen: Weil Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gleichzeitig in die Sommerferien starten, droht der Verkehrskollaps. Mit 2000 Kilometern Stau auf bundesdeutschen Straßen rechnet der ADAC, das wären 25 Prozent mehr als im Vorjahr.

Und auch die Experten in der Kölner Verkehrsleitzentrale stellen sich auf diesen Ernstfall ein. Es würden vermutlich Doppelschichten gefahren, sagen die Operatoren Edeler und Rodenberg, und dass sie ihr Bestes geben wollten, um das Schlimmste zu verhindern. Mehr geht wohl nicht.



insgesamt 163 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
franklinber, 20.06.2011
1. Wieso wurden dann alle
Verkehrsprojekte von der Rot-Grünen Regierung gestoppt! Und das nur wegen dem Legislatur bedingten Umbau der Schulen, und sozial-grüner Träumereien?
gunman, 20.06.2011
2. Alles Ideologie
Zitat von sysopNordrhein-Westfalen hält einen unrühmlichen Rekord: 135.000 Kilometer Stau erdulden die Menschen zwischen Aachen und Minden-Lübbecke jedes Jahr.*Verkehrsminister Voigtsberger will das Problem jetzt angehen, doch die Strategien*sind altbekannt - und bringen allenfalls Linderung. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,768992,00.html
He he, als überwiegend Rot-Grünem Bundesland eine logische Konsquenz aus dem vorsätzlich unterlassnen Ausbau in der Vergangenheit. Der Verkehr soll an sich selbst ersticken wurde ja mal von den Grünen als Losung ausgegeben. Landschaftverbrauch usw. als Argumente aufgeführt. Wenn man bedenkt, dass es nun an den deutschen Küsten bald Landschaften mehr geben wird vor lauter Windmühlen eben alles nur Ideologie ohne Lösungsansatz.
thana 20.06.2011
3. ...
Wenn es nach dem deutschen Mobiitätsdrang gehen würde, müsste man die gesamte Fläche zubetonieren und es würde immer noch nicht reichen. Wir sind ein winziges Land mit mehr Straßen als manch Riesenstaat. Wie wäre es, mal von diesem Wahn runterzukommen, immer unterwegs sein zu müssen. Berufspendelei und Bezug von Dingen über 100erte Kilometer, die man auch vor der Haustür kaufen könnte verschwenden Unmengen von Energie, Zeit und Lebensqualität. Bleibt zu Hause, arbeitet vor Ort, kauft lokal. Aber da spielen die Wirtchaft und ihr Anhängsel Politik natürlich mal wieder nicht mit. Lieber immer mehr Verkehr, immer mehr Dreck, immer mehr Zeitverschwendung, immer mehr Unmut, immer mehr Straßen, immer mehr Stress, immer mehr Druck. Zeit für Veränderungen.
keksguru 20.06.2011
4. wenn Autofahren zur Manie wird
dann werden Staus zum Dauerzustand. Ein Teil wär zwar vermeidbar wenn beispieslweise Arbeitszeiten flexibler gehandhabt werden, ein Teil ist vermeidbar wenn man halt vermeidbare Fahrten auf der Straße mit anderen Verkehrsmitteln zurücklegt und speziell der Ferienreiseverkehr wäre auch vermeidbar wenn es für große Familien bezahlbare Alternativen geben würde. Ich bin ja schon froh wenn ich mal nen Schnitt von 30 schaff wenn ich morgens von Bonn nach Köln MUSS - hin und wieder läßt es sich ja nicht vermeiden, aber speziell Berufspendler tragen doch erheblcih zu den normalen Morgen- und Feierabendstaus bei. Ich erleb das meist nur 2-3x im Monat, und kann meist so planen daß ich nachts oder ab 11 Uhr fahre, aber wenn es denn nun unumgänglich ist, tja, dann frag ich mich, warum tun die ganzen Idioten sich das tagtäglich an? Soll nicht durch die Schwarmintelligenz die des Individuums auf Ameisenniveau sinken? Meine Leidensgrenze war nach 1 Jahr mit ca. 150 Staus erreicht, danach hatte ich die nächsten 5 Jahre ne Monatskarte.
Jan B. 20.06.2011
5. ....
Zitat von franklinberVerkehrsprojekte von der Rot-Grünen Regierung gestoppt! Und das nur wegen dem Legislatur bedingten Umbau der Schulen, und sozial-grüner Träumereien?
Manchmal glaube ich, dass einige Kommentatoren die Artikel gar nicht lesen, sondern nur ihr Feindbild loslassen wollen. Wenn selbst Wissenschaftler der Ansicht sind, dass man dem Stau mit noch mehr Straßen wahrscheinlich nicht Herr werden kann, dann ist es egal wer gerade an der Macht ist. Vielleicht sollte man sich doch Gedanken machen, das Schinennetz weiter auszubauen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.