Verkehrskonzepte der Zukunft: Apokalypse Stau

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Verkehrskonzepte der Zukunft: Das globale Verkehrschaos Fotos
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Chaos auf den Straßen, endlose Staus: Vier Milliarden Fahrzeuge werden wohl im Jahr 2050 auf der Erde rollen. Jüngst hat selbst ein prominenter Automanager vor dem "globalen Verkehrsinfarkt" gewarnt. Der könnte sogar das Ende des kapitalistischen Systems bedeuten, sagt ein Experte.

Wir schreiben das Jahr 2050. Wer mit dem Auto zur Arbeit fährt, kann unterwegs eine Decke häkeln, weil er stundenlang im Stau steht. Bei der Suche nach einem Parkplatz geht anschließend eine ganze Tankfüllung drauf. Blechlawinen überall, vorwärtskommen kaum möglich. Was wie ein überdrehtes Schreckensszenario wirkt, könnte schnell zur Wirklichkeit werden - wenn die Zahl der Autos weltweit wächst wie vorhergesagt.

Neu ist die Furcht vor dem Stillstand auf den Straßen nicht. Neu ist, dass auch Bill Ford das düstere Szenario eines weltweiten Verkehrskollaps zeichnet. Ausgerechnet der Ur-Enkel von Henry Ford, dem Erfinder der Massenproduktion von Autos. "Wenn wir nichts unternehmen, droht uns eines Tages ein endloser Stau", verkündete er jüngst in einer Grundsatzrede auf der Telekommunikationsmesse Mobile World Congress in Barcelona.

Seine Horrorvision stützt sich auf eine Prognose, wonach im Jahr 2050 vier Milliarden Fahrzeuge über unseren Planeten rollen. Derzeit sind es laut Berechnungen des Beratungsunternehmens LMC Automotive 1,2 Milliarden Fahrzeuge, die auf den Straßen unterwegs sind - und die bereits täglich verstopfen.

Rettung durch "rollende Smartphones"

Ford wäre allerdings ein miserabler Automanager, hätte er nicht Lösungen parat. Darin spielen Autos natürlich weiterhin die Hauptrolle - schlaue Autos. Geht es nach Ford, ist jeder Wagen Teil eines riesigen Netzwerks. Sie kommunizieren miteinander und steuern automatisch freie Wege und Parkplätze an. Diese Fahrzeuge drängeln weder, noch missachten sie Sicherheitsabstände oder Reißverschlussverfahren. Kurz: Sie fahren so, dass der Verkehr fließt. Und meistern somit eine Herausforderung, der der Mensch nicht gewachsen zu sein scheint.

Andererseits machte Ford deutlich, dass, wer ins Auto steige, auch öfter mal umsteigen müsse. Denn die Fortbewegung von morgen bestehe aus einer Kombination aller Verkehrsmittel. "Kein Unternehmen und kein Industriezweig ist alleine in der Lage, die Antwort auf die Mobilitätsanforderungen der Zukunft zu liefern", räumte er ein.

Experten aus Deutschland bewerten die Sachlage im Prinzip ähnlich. Für sie liegt es weniger in der Hand der Autobauer, den Straßenverkehr im Fluss zu halten. Gefragt seien nicht allein intelligentere Fahrzeuge, sondern auch eine bessere Infrastruktur.

"Da heißt es schon jetzt: Nichts geht mehr"

"Der öffentliche Raum muss neu aufgeteilt werden", fordert zum Beispiel Andreas Knie. Für den Gründer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (INNOZ) in Berlin steht fest: Die Politik muss den Menschen die Möglichkeit der Fortbewegung durch öffentliche Verkehrsmittel bieten. Denn der Verkehrskollaps, vor dem Ford warnt, würde nach Ansicht von Andreas Knie ein ganzes Wirtschaftssystem mit sich reißen: "Die Menschheit steht in einer ökonomischen Abhängigkeit zu funktionierendem Verkehr. Ist er nicht mehr gewährleistet, bricht der dynamische Kapitalismus in sich zusammen."

Immerhin, so der Wissenschaftler, habe die Automobilindustrie eines kapiert: "Es kann nicht mehr jeder sein eigenes Auto haben." Carsharing-Konzepte und Leasing-Modelle seien Schritte in die richtige Richtung - Autohersteller als Mobilitätsdienstleister.

Auch Christoph Walther kennt den Wahnsinn auf den Straßen von Mega-Citys, er hat an einem Verkehrsprojekt in der indischen Sieben-Millionen-Metropole Hyderabad mitgearbeitet. Walther, Professor an der Bauhaus-Universität Weimar und Bereichsleiter beim Verkehrsberatungs- und Softwarehaus PTV in Karlsruhe, hat im ganzen chaotischen Wachstum aber durchaus positive Eindrücke gewonnen.

"Die Botschaft der Klimagefährdung ist angekommen", erzählt er, "die Menschen beschäftigen sich mit diesem Thema." In einem Stadtteil von Hyderabad habe sich zum Beispiel eine Bürgerinitiative gegründet, die nur ein Ziel verfolge: den Verkehr an einer ganz bestimmten großen Straßenkreuzung zu regeln. Mit Erfolg: "Die Initiatoren haben Helfer rekrutiert, die zusammen mit der Polizei die Einhaltung der Rot-Grün-Phasen an der Kreuzung überwachen. Seitdem fließt dort der Verkehr viel flüssiger und gleichzeitig kommen auch die Fußgänger sicher über die Straße."

Langfristig können die Metropolen aber nur durch eine sogenannte integrierte Verkehrsplanung vor einem Verkehrsinfarkt geschützt werden. Was dieser abstrakte Begriff in der Realität bedeutet, macht Walther am Beispiel Zürich deutlich: "Dort werden Ideengeber wie die Technische Hochschule miteinbezogen, Entwicklungsgebiete bestimmt und mit neuen Stadtbahnen angebunden, Rad- und Fußgängerwege ausgebaut und der Verkehrsfluss in der Stadt wird ständig über eine Leitzentrale beobachtet." Zudem setzten sich die Eidgenossen konkrete Ziele - so sollen mindestens 40 Prozent der Passagiere mit dem öffentlichen Nahverkehr zum Flughafen Zürich-Kloten kommen.

Um die Blechlawinen in Innenstädten in den Griff zu bekommen, sollten die Verwaltungen laut Walther auch vor einer stärkeren "Bepreisung von Automobilität" nicht zurückschrecken. Sprich: Generelle Mautpflichten für Stadtzentren oder Zufahrtsbeschränkungen für Autofahrer, die nicht zum Broterwerb in die City müssen. In London wird bereits seit 2003 eine "Stau-Gebühr" erhoben, in einigen Städten Norwegens muss für die Fahrt ins Zentrum sogar seit den frühen Neunzigern gezahlt werden.

Unterirdische Lösungen

Sowohl Andreas Knie als auch Christoph Walther sind eher skeptisch, was den Nutzen vernetzter Autos angeht. "Selbststeuernde Autos sind ein alter Traum", sagt Knie, "aber es gibt einfach zu viele Menschen und umbauten Raum, als dass diese Technik verlässlich funktionieren kann." Am Hauptproblem ändere das sowieso nichts: "Wir haben einfach zu viele Autos in der Stadt."

Auch Jürgen Berlitz und Wolfgang Kugele, Experten für Straßenverkehrsplanung beim ADAC, sind von den cleveren Fahrzeugen nicht überzeugt. "Hier steht man noch am Anfang der Entwicklung", meint Kugele. "Wenn das Auto das Denken übernimmt, wird es problematisch", findet Berlitz. Auf Vorschläge wie eine City-Maut reagiert man beim ADAC erwartungsgemäß gereizt: "Die Mobilität der Menschen sollte ermöglicht, nicht behindert werden", sagt Kugele. Stattdessen sei es sinnvoller, in "Park & Ride"- und "Parken & Mitfahren"-Parkplätze zu investieren oder Carsharing-Angebote zu fördern.

In Deutschland sei es aus Platzmangel in den Städten schwer geworden, die Infrastruktur weiter auszubauen, sagt Berlitz. "Eigentlich geht das nur noch unter der Erde, aber auch da sind die Möglichkeiten natürlich begrenzt." Einige Probleme lassen sich seiner Meinung nach aber auch durch Verbesserungen der vorhandenen Mittel beheben: "Durch eine optimierte Ampelschaltung kann auch ein besserer Verkehrsfluss erreicht werden."

Rettet uns K.I.T.T.?

Mit der grünen Welle gegen den globalen Verkehrsinfarkt? Das dürfte für Bill Ford zu kleinteilig klingen. In Barcelona trug er nämlich nicht nur die Schreckensvision eines globalen Verkehrsinfarkts vor, sondern auch Science-Fiction.

Als "langfristige Perspektive über das Jahr 2025 hinaus" schwebt dem Visionär nämlich auch eine Art seriengefertigter K.I.T.T. vor. Wie das smarte Auto aus der TV-Serie "Knight Rider" sollen Fahrzeuge in einem Auto-Pilot-Modus die Menschen ans Ziel bringen, sich auf einen Parkplatz zurückziehen und die Passagiere dann wieder einsammeln. Der Ur-Enkel von Henry Ford scheint seinen Glauben in das Automobil also doch noch nicht ganz verloren zu haben.

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insgesamt 107 Beiträge
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1. ...
jujo 13.03.2012
Zitat von sysopChaos auf den Straßen, endlose Staus: Vier Milliarden Fahrzeuge werden wohl im Jahr 2050 auf der Erde rollen. Jüngst hat selbst ein prominenter Automanager vor dem "globalen Verkehrsinfarkt" gewarnt. Der könnte sogar das Ende des kapitalistischen Systems bedeuten, sagt ein Experte. Verkehrskonzepte der Zukunft: Apokalypse Stau - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,820413,00.html)
Alle Einfallstrassen in die Cities mit Kameras bestücken, wer alleine im Auto sitzt zahlt 20€ , das würde das Problem bis 2050 lösen! Das könnte mau automatisieren, wer nicht zahlt, dem wird das Auto stillgelegt, ein eingebauter, anwählbarer Chip schaltet das Motor management aus.
2. Es gibt so einfache Lösungen.....
berndasbrot 13.03.2012
.....man müsste nur wollen. Es wäre schon sehr viel erreicht, wenn man es den Angestellten im Büro-Hamsterrad erlauben würde, wenigstens einen Tag in der Woche ihre Arbeit von zuhause aus zu erledigen. Excel und Powerpoint geht auch vom heimischen PC aus...und schon wäre in dieser Berufssparte der Pendlerverkehr um 20 % reduziert! Trotz Technologie des 21. Jahrhunderts arbeiten wir aber weitestgehend wie in der frühindustriellen Phase mit festen Bürozeiten und der Pflicht, sich täglich vor Ort zu präsentieren. Einfach nur dämlich!
3. ganz einfach!
wschwarz 13.03.2012
Wälder rasieren, Autobahnen bauen, Häuser zurücksetzen, Durchfahrtsstraßen verbreiten, Vorgärten rasieren und durch Parkplätze erstzen. Individualmobilität über alles!
4. Visionär
weizenbier warrior 13.03.2012
Visionäre Konzepte gegen den Stau heißen: S-Bahn, U-Bahn, Fahrrad. Autofahren ist wirtschaftlicher Wahnsinn, weil für den Transport zuviel Energie gebraucht wird. Aber...es tut einfach soooooo gut :-)
5. .
frubi 13.03.2012
Zitat von wschwarzWälder rasieren, Autobahnen bauen, Häuser zurücksetzen, Durchfahrtsstraßen verbreiten, Vorgärten rasieren und durch Parkplätze erstzen. Individualmobilität über alles!
Es liegt, jedenfalls in Deutschland, nicht immer an zu kleinen Straßen und zu wenigen Autobahnen. Waren Sie mal im Stau während des morgentlichen Berufsverkehrs? Haben Sie sich dann mal das Innere der Wagen angesehen? Wieviele Menschen sitzen in den meisten Autos? Eine Person und das obwohl oftmals 5 Plätze vorhanden sind. Vor allem werden Kombi´s immer beliebter und die nehmen mit am meisten Platz in Anspruch. Ich bin schon seit langem ein Freund der Mono-Cockpit-Variante. Es stimmt natürlich, dass viele Autofahrer auch mal die Familie mitnehmen müssen aber in vielen Fällen fährt die Frau dann ebenfalls ein Auto. Meistens dann einen Van, einen SUV oder ein Kleinfahrzeug a la Clio. Den meisten Berufspendlern dagegen würde eine Art Mono-Cockpit-Smart mit einem kleinen Kofferraum ausreichen. Dafür sind die Hersteller aber zu feige. Ich jedenfalls wäre sehr interessiert an einem Fahrzeug, dass maximal 3 -4 L auf 100 km verbraucht, einen Sitz und einen kleineren Kofferraum hat und das eine Höchstgeschwindigkeit von 130 - 140 km/h erreicht. Dadurch würde man alleine das Volumen an Fahrzeugen auf den deutschen Straßen verringern.
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