Verkehrsleitsystem in Toulouse Der Parkplatz, der sich selbst findet

Davon träumen Autofahrer: Per Smartphone werden sie zum freien Parkplatz gelotst. Die Stadt Toulouse macht es möglich - sie experimentiert mit einem innovativen Verkehrsleitsystem, das die Nerven schont und den Spritverbrauch senkt. 

Patrick Givanovitch, Chef der Firma Lyberta
Stefan Simons

Patrick Givanovitch, Chef der Firma Lyberta

Aus Toulouse berichtet


10 Uhr morgens am Boulevard Lascrosses unweit der romantischen Altstadt: Während hinter der Metro-Station Menschen Richtung Fußgängerzone spazieren, drängelt sich auf der vierspurigen Straße der Vormittagsverkehr. Schuld an dem Stau sind vor allem jene Autofahrer, die im Schritttempo nach freien Parkplätzen suchen. Doch die sind rar, selbst der Bürgersteig ist an manchen Ecken zugestellt. Entnervte Fahrer hupen, Abgasschwaden verschleiern die Luft.

"Die alltägliche Anarchie", knurrt Alexandre Marciel und stemmt die Fäuste in die Jackentasche, "weil die vorhandenen Stellplätze wieder mal durch Dauerparker belegt sind und die von draußen kommenden Autofahrer auf der Jagd nach Stellplätzen sind."

Das soll bald anders werden. Denn der 37-jährige Vizebürgermeister von Toulouse, seit zwei Jahren zuständig für Verkehr und Stadtreinigung, will mit einem pfiffigen Leitsystem die Autofahrer zu den verfügbaren freien Plätzen dirigieren.

Wie das funktioniert, zeigt ein Feldversuch am Boulevard Lascrosses Nr. 82. Hier sind unter einem halben Dutzend Parkplätzen Sensoren in der Oberfläche versenkt. Die High-Tech-Sonden, angebracht in 25 Zentimeter-Abstand auf einem Koaxialkabel eine Handbreit unter dem Bitumen, erkennen Veränderungen im Magnetfeld und wissen damit, ob die Stelle frei oder belegt ist; sie erkennen zudem das Profil von Lastwagen und Pkw - und registrieren sogar, ob ein Müllcontainer die Parkbucht belegt.

Technik aus der Raumfahrt

"Die Technik stammt aus der Raumfahrt", erklärt Patrick Givanovitch vom Toulouser Unternehmen Lyberta, das die Sensoren zusammen mit dem Nationalen Zentrum für Raumfahrtstudien (CNES) weiterentwickelte und zur Serienreife brachte. "Auf der Venus sollten damit Landeplätze gefunden werden." Für die irdische Odyssee der Parkplatzsucher wurden Hard- und Software umgestaltet - und patentiert. "Wir wissen 'real-time', wo städtischer Parkraum zu Verfügung steht", so der Chef des Start-up-Unternehmens.

Die Informationen werden an einen Server gesendet, der rund 2500 bis 3000 Sensoren erfasst. Die im Sekundentakt aufbereiteten Angaben werden dann an den Benutzer weitergeleitet. Einzige Voraussetzung: ein modernes Smartphone, das die Parkplätze als grüne oder rote Piktogramme auf einer elektronischen Karte dargestellen kann.

In Zukunft sollen die Angaben auch über GPS-Geräte zur Verfügung stehen, so wie jetzt schon Hinweise auf Tankstellen, Krankenhäuser oder Kirchen. "In der Praxis wird das bedeuten, dass der Autofahrer vor Fahrtantritt sein Ziel angibt und sofort sieht, ob dort Parkplätze vorhanden sind: Werden die Stellplätze von anderen Verkehrsteilnehmern besetzt, wird der Autofahrer auf andere, leere Plätze in einem Umkreis von rund 300 Metern hingewiesen", sagt Givanovitch.



insgesamt 6 Beiträge
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hgm1 10.10.2010
1. kann das funktionieren?
So schön es ist, wenn sich irgendwo mal jemand Gedanken über alltägliche Probleme und deren Lösung macht (worauf wir in Deutschland ja lange warten können), habe ich in dieser Hinsicht doch meine Zweifel. Wenn ich nun per Smartphone meinen freien Wunschplatz belegen und blockieren könnte, bis ich dort ankomme, dann wäre das in Ordnung, leider aber ohne noch größeren technischen Aufwand machbar. Mit dem hier vorgeschlagenen Konzept wird der freie Platz aber allen Interessenten gezeigt, und dann gibt es doch wieder Streit, Zank und Frust, wenn ein anderer mir zuvorkommt. Dann hetze ich zum nächsten Platz, wo sich die Szene wiederholt, beliebig oft. Ich sehe also das gleiche Chaos wie schon heute, alldieweil mit Fahrern mit ihrem Smartphone in der Hand (ist zwar schon heute verboten, aber wie wenige halten sich daran). Meiner Meinung nach ein halbgare Lösung mit hohem technischen Aufwand.
arrow64 10.10.2010
2. -
Einführung in Deutschland? Undenkbar! Die ÖPNV-Lobby wird's schon zu verhindern wissen. Genauso wie schon in den letzten Jahren mit subversiven Massnahmen der mobile Personenverkehr aktiv ausgebremst wird. Es kann ja nicht sein, dass man schnell und bequem "mal eben" in die Stadt fährt. Nein, dieses Terrain ist dem ÖPNV vorbehalten. Und das wird mit allen Mitteln verteigt und unterstützt. Beispiele? Gerne: - Ampelphasen, die mitnichten auf den Verkehrsfluss abgestimmt sind, sondern diesen aktiv bremsen, damit die Mär vom "schnellen" ÖPNV aufrechterhalten werden kann. - Das Einführen von "Bus-Caps" (Bushaltestellen sind nicht mehr in Buchten, sondern die Busse halten direkt auf der Strasse und bremsen so den nachfolgenden Verkehr aus) mit der fadenscheinigen Begründung "Dient dem Komfort der Gäste: Man wird beim Anfahren nicht mehr durchgeschüttelt") - etc. pp. Frankreich ist auch hier (mal wieder) ein gutes Stück voraus.
Flussball08 10.10.2010
3. neu?
gibt es bereits seit einem Jahr in der Schweiz. "Parkingme" (iPhone App) ist angeschlossen an die Parkplatz-Computer der Parkhäuser und zeigt wieviele freie Parkplätze und wo diese sind an. Per GPS wird man ohne Umschweife dorthin geführt. Die größeren Städte in der Schweiz sind an diesem System angeschlossen. sehr effizient und effektiv.
cucco 10.10.2010
4. Begrenzte Amtsperiode
Telefone sind zum Telefonieren da. Das können Telefone noch am besten wenn denn bei Handys ihre Batterie gepflegt ist. Ein Mobilphone kann dann noch die umständlichen sms versenden, damit hat sich's mit den benutzerfreundlichen Anwendungen. Internet im Mobilphone ist weder günstig noch zuverlässig. Meine Freunde mit iphone senden mir manchmal Fotos direkt in eine email, grottenschlechte Qualität der Fotos schlechter als vor 150 Jahren und begrenzte Textmenge. Mp3 hören zeichnet sich dadurch aus, dass man keinen Unterschied mehr hört zwischen chinesichen Billig -Geigen und einer Stradivari. Organisatorische Fähigkeiten auf Parkplätzen? Na ja, jener Bürgermeister hat seine begrenzte Amtsperiode.
Silberstern, 10.10.2010
5. Finanzen...
...Die Investitionskosten für das innovative Konzept sind überschaubar: Marciel rechnet mit rund hundert Euro pro Parkplatz. In Toulouse dürfte sich der Aufwand innerhalb weniger Jahre rechnen... Darum und nur darum geht es hier. Wie hgm1 bereits erläutert hat kann das System in der Praxis nur begranzt eine Hilfe sein, insbesondere und gerade dort wo Parkplätze knapp sind und den Plätzen eine (zu) hohe Zahl an Nachfragenden gegenüber steht. Es wird lediglich der mit der passenden Smartphone-App dem ohne bevorzugt. Was das System kann und was der Autor nur am Rande erwähnt: Die Politessen müssen unberechtigt parkende Autos nicht mehr suchen, sondern können sie gezielt mit Knöllchen versehen und / oder abschleppen lassen. Das bringt nicht nur mehr Kohle sondern gleichzeitig mehr Effizienz - so dass man die Zahl der Politessen verringern kann. Die Kommune spart teure Stellen und nimmt dabei gleich oder gar mehr ein. Und nur unter dieser Annahme, dass der Bürger effizienter gemolken werden kann, lassen sich solche Wahnsinnsprojekte finanzieren...
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