Verkehrsplanung Euphorie für den Kreisel

Autofahrer lieben sie - oder hassen sie. Bundesweit lassen Verkehrsplaner mit deutscher Gründlichkeit immer mehr Kreuzungen zu Kreiseln umbauen. Die bringen die Unfallzahlen runter und sind auf Dauer billiger. Während in Frankreich ein Rückbauprogramm gestartet wird, legen viele Bundesländer neue Kreiselprogramme auf.

Von Sebastian Knauer


Die Kreuzung der Bundesstraße 271 mit der Landesstraße 408 beim rheinland-pfälzischen Alzey ist der Polizei bestens bekannt - als so genannter Unfallschwerpunkt: Wo sich die beiden Rennstrecken durchs Weinland schneiden, fuhren in gut einem Jahrzehnt 68 Menschen in den Tod oder hinterließen Blechtrümmer.

Um die Todeskreuzung zu entschärfen, ließen die Planer des Landes vor zwei Jahren die Ampeln abreißen und einen Kreisel bauen. Seither gab es genau einen Unfall, bei dem Menschen verletzt wurden.

Verkehrskreisel gelten deutschen Planern inzwischen als eine Wunderwaffe gegen Unfälle, gegen Staus - und gegen leere Kassen. Denn die runden Bauwerke sind über viele Jahre gerechnet billiger als Kreuzungen mit Ampeln, die gewartet werden müssen, außerdem müssen die Autofahrer meist nicht so lange warten.

Gekreiselt wird deshalb inzwischen allerorten, an Bundesstraßen, Kreisstraßen, Gemeindestraßen. Gab es vor einem Jahrzehnt noch kaum einen Kreisel im deutschen Verkehrsnetz, so sind es derzeit nach Schätzung des Bundesverkehrsministeriums 4000 Stück, die beschlossen, schon betoniert oder immerhin geplant sind.

Welle aus Frankreich

Vorbilder der deutschen Verkehrsbeamten sind Großbritannien oder Frankreich. Die Franzosen haben ihr Land schon mit 25.000 Kreiseln überzogen, so dass Regionalpolitiker mancherorts bereits diskutieren, ob die "rondpoints" die Landschaft nicht allzu sehr verschandeln und ein "Rückbauprogramm" notwendig ist.

Verkehrskreisel in Idar-Oberstein: Große Weltkugel aus Stahl mit edlen Steinen verziert

Verkehrskreisel in Idar-Oberstein: Große Weltkugel aus Stahl mit edlen Steinen verziert

"Wir haben eine Euphorie für den Kreisel, das ist eine richtige Welle", sagt Kreiselpionier Helmut Nikolaus vom Landesbetrieb Straßenbau im nordrhein-westfälischen Euskirchen. Er hatte die Kreisel-Idee nach Bretagne-Urlauben in den achtziger Jahren vehement verfochten. Damals wurden seine Vorschläge von Vorgesetzten, so sagt er, "als Marotte" abgetan - "heute haben wir in NRW die höchste Kreiseldichte der Republik".

Und die Planer drehen jetzt erst richtig auf, in deutscher Perfektion. Das "Merkblatt für die Anlage von kleinen Kreisverkehrsplätzen" aus dem Bundesverkehrsministerium hat 32 Seiten in fünf Kapiteln und zwei Anhängen. Darin wird haargenau beschrieben, wie "plangleiche Knotenpunkte ohne Lichtsignalanlage mit Verbindung der einstreifigen Knotenpunktzu- und -ausfahrten" - so heißen Kreisel im Behörden-Deutsch - zu realisieren sind.

Dabei ist das Prinzip keineswegs neu - "wir verzeichnen eine Renaissance des Kreisels", sagt denn auch Michael Rohloff, Kreiselfachmann des Bundesverkehrsministeriums, präzise. Schon in der Kaiserzeit entwarfen Planer Kreisel für den reibungslosen Verkehr mit Pferdekutschen. Im Jahre 1907 eröffnete die Grande Nation auf dem Pariser Place de l'Etoile den ersten großen Kreisverkehr Europas. Großbritannien entwickelte sich früh mit gut 20.000 "roundabouts" zur europäischen Kreisel-Hochburg, wesentliche Forschungsarbeiten stammen aus dem britischen Linkskreisverkehr.

Ein Durchschnittskreisels kostet rund 200.000 Euro

"Da ist nicht alles übertragbar", sagt Fachmann Rohloff, "denn die Engländer können sich auch sonst anstellen und warten" - eine gute Voraussetzung für flüssigen Kreiselverkehr. Noch in den fünfziger Jahren galt bei deutschen Kreiseln die Vorfahrtsregel rechts vor links. Das erwies sich als höchst unfallfördernd. Die Straßenbauverwaltungen bauten in den folgenden Jahrzehnten deshalb überall Kreuzungen mit Ampeln.

Außerortskreisverkehr in der Nähe von Euskirchen: "Plangleiche Knotenpunkte ohne Lichtsignalanlage mit Verbindung der einstreifigen Knotenpunktzu- und -ausfahrten"

Außerortskreisverkehr in der Nähe von Euskirchen: "Plangleiche Knotenpunkte ohne Lichtsignalanlage mit Verbindung der einstreifigen Knotenpunktzu- und -ausfahrten"

Inzwischen hat immer der Kreisverkehr Vorfahrt - und schon funktioniert das Prinzip. Deshalb hat die Landesregierung von Brandenburg zusammen mit dem Bund etwa ein Programm für den Bau von gut 150 neuen Kreiseln aufgelegt, nahezu die Hälfte ist schon fertig gestellt.

Der Bau eines Durchschnittskreisels kostet rund 200.000 Euro - so viel wie Anschaffung und Unterhalt einer Ampelanlage in zehn Jahren. Alleine für Brandenburg summieren sich die Kreiselinvestitionen seit 1992 auf gut 30 Millionen Euro, bundesweit sind somit rund eine Milliarde in die Rundlinge verbaut. Denn die Straßenbaufirmen dürfen oft klotzen. "Manche Verwaltung leistet sich da richtig Luxus", klagt Bernd Frischgesell, Präsident des brandenburgischen Landesverkehrsamts. In Idar-Oberstein etwa wurde eine große Weltkugel aus Stahl mit edlen Steinen verziert und von Wasserspeiern umgeben auf den ersten Stadtkreisel gesetzt.

Erstaunlicherweise lässt das Regelwerk der Bundesregierung Gemeinden und Kreisverwaltungen freie Hand bei der künstlerischen Gestaltung. "Geschwindigkeitsdämpfende Gestaltung", so das Merkblatt nur, sei empfehlenswert, Ziel sollte deshalb die "Verhinderung der Durchsicht durch eine raumwirksam gestaltete Kreisinsel" sein. Trotzdem gelten die häufig aufgestellten steinernen Findlinge als Kunstfehler: "Da sollen keine Hindernisse stehen, an denen man sich tot fahren kann", sagt Werner Brilon, Kreiselpapst und Inhaber des Lehrstuhls für Verkehrswesen an der Ruhr-Universität.

Verstopfte Rundlinge

Die bremsende Wirkung eines Kreisels erklärt auch die günstigere Unfallbilanz gegenüber Ampelkreuzungen. Tatsächlich können Kreisel die Zahl der Unfälle an mittelstark befahrenen Kreuzungen deutlich reduzieren, wie Untersuchungen der Kölner Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen zeigen. Die Zahl der tödlichen Unfälle geht mancherorts gar um 90 Prozent zurück.

Kreisverkehr in Brühl: Einer der ersten Kreisel, gebaut Beginn der neunziger Jahre

Kreisverkehr in Brühl: Einer der ersten Kreisel, gebaut Beginn der neunziger Jahre

Allerdings kracht es im Kreisverkehr gegenüber "lichtsignalgesteuerten Kreuzungen" (Fachjargon) nur dann seltener, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. So sollen die Einmündungsstraßen "senkrecht" auf den Kreisel treffen, um Verwirrung zu vermeiden. Auch sind Kreisel nicht überall geeignet. Bei rund "der Hälfte" der Anfragen aus Kommunen oder von den Ländern muss Kreiselgutachter Brilon von der runden Form abraten. Trotzdem bestehen kreiselsüchtige Kommunen wie Baden-Baden auf dem Bau von prestigefördernden Kreiselwerken. "In Italien langen manchmal ein paar bunte Absperrelemente", weiß Verkehrsplaner Frischgesell aus Brandenburg. Schon interessieren sich auch die Landesrechungshöfe für die wachsenden Kreisel-Kosten, der Bundesrechnungshof erhält die Planungsvorgaben aus dem Ministerium bereits "nachrichtlich".

Denn ab einer von Verkehrsforschern ermittelten Belastung von 25.000 Fahrzeugen pro Tag verlieren die teuren Bauwerke wieder ihre Vorteile. Die Rundlinge mit einem definierten Durchmesser von 26 bis 45 Metern verstopfen dann schlicht.

Doch die Kreisel-Bürokraten suchen schon nach Auswegen. In dem Arbeitspapier "Ap 51 neu" für das Bundesverkehrsministerium wird derzeit der Doppel-Kreisel propagiert: "Zweistreifig befahrbare Kreisverkehre" seien auch "eine sichere Knotenpunktgrundform".



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