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Mehr Verkehrsopfer in Deutschland: "Die Leute fahren immer aggressiver"

Ein Interview von

Frontalcrash auf einer Bundesstraße: "Im Verkehr kämpft jeder gegen jeden" Zur Großansicht
DPA

Frontalcrash auf einer Bundesstraße: "Im Verkehr kämpft jeder gegen jeden"

Schon wieder ist die Zahl der Verkehrstoten gestiegen. Für den Fahrlehrer Jörg Holtmann ist diese Entwicklung zwangsläufig: Die größte Gefahr auf der Straße ist schwer zu entschärfen.

SPIEGEL ONLINE: Jahrelang ist die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland fast ständig gesunken. Jetzt ist sie erneut gestiegen. Warum?

Holtmann: Die Verbesserungen lagen vor allem an der Fahrzeugtechnik, zum Beispiel an Airbags und Assistenzsystemen. Aber die wichtigste Ursache für Unfälle ist vernachlässigt worden.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Holtmann: Die Autofahrer sind verantwortungslos. Als Fahrlehrer erlebe ich, dass die Leute immer aggressiver fahren. Im Verkehr kämpft jeder gegen jeden.

SPIEGEL ONLINE: Warum verhalten sich Menschen im Auto so aggressiv?

Holtmann: Dort fühlen sie sich weniger angreifbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Holtmann: Das Auto verleiht Anonymität. An der Supermarktkasse würde man eher nicht drängeln, selbst wenn man unter Zeitdruck steht - aus Angst vor den unmittelbaren Reaktionen. Im Straßenverkehr wird dagegen dauernd gedrängelt. Man ist abgeschottet.

Zur Person
  • Michael Behns
    Jörg Holtmann, Jahrgang 1962, ist seit fast 30 Jahren Fahrlehrer und Inhaber einer Fahrschule in München. Seine Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag hat er in einem Buch verarbeitet: "Ein Fahrlehrer packt richtig aus!".
SPIEGEL ONLINE: Sie haben sogenannte Fahreignungsseminare geleitet. Dort wurden Verkehrssünder auf Anordnung der Behörden hingeschickt. Welcher Typ Autofahrer begegnete Ihnen am häufigsten?

Holtmann: Die beruflichen Vielfahrer, also Taxi- und Busfahrer oder Vertreter und Außendienstmitarbeiter. Klar: Wer viel fährt, kann auch häufiger auffällig werden. Aber diese Leute fuhren vor allem wegen des Termindrucks ständig zu schnell und zu riskant.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie mit ihnen in den Kursen gemacht?

Holtmann: Sie miteinander ins Gespräch gebracht. Im besten Fall kamen sie dann von selbst darauf, dass es sinnvoller ist, fünf Minuten früher loszufahren als unterwegs durch riskantes Überholen Zeit zu gewinnen. Beobachtungsfahrten halfen auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie liefen die Fahrten ab?

Holtmann: Ein Teilnehmer fuhr, ich saß daneben und zwei andere Teilnehmer begleiteten uns. Manche sagten dem Fahrer danach, dass sie bei ihm nicht wieder ins Auto steigen würden. Dieses Feedback bringt viel mehr als Kritik vom Fahrlehrer.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten mehr Autofahrer für die Risiken ihres Handelns sensibilisiert werden?

Holtmann: Im Schnitt sterben in Deutschland täglich zehn Menschen bei Verkehrsunfällen, die Ursachen sind häufig zu schnelles Fahren und Unaufmerksamkeit. Das muss von Politik und Medien häufiger thematisiert werden. Früher gab es die Sendung "Der 7. Sinn" - so eine Verkehrserziehung wäre wieder nötig. In moderner Form natürlich. Die alte Sendung war ja oft etwas frauenfeindlich.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Verkehrsminister Peter Ramsauer hatte die gleiche Idee, er wollte "Der 7. Sinn" wieder ins Programm bringen.

Holtmann: Ja, leider ist nichts daraus geworden. Ich habe mich mal mit dem Moderator einer bekannten Autoshow unterhalten und ihm vorgeschlagen, dieses Thema aufzugreifen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat er geantwortet?

Holtmann: Dass es die Zuschauer nicht interessiert. 'Die wollen sehen, wie man mit dem Bentley mit 320 Sachen auf der Autobahn fahren kann', sagte er. Dass das gefährlich ist, wollen die Leute nicht hören.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in Ihrem Buch "Ein Fahrlehrer packt richtig aus!" eine Szene aus einer TV-Sendung: Der Moderator Jörg Pilawa sagt, wer keine Punkte in Flensburg habe, "hat entweder viel Glück gehabt oder ist ein Verkehrshindernis".

Holtmann: Ja, das zeugt von völliger Unkenntnis. Die ARD hat mir auf Anfrage mitgeteilt, dass Herr Pilawa hier halt etwas flapsig gewesen sei. Aber für Leute, die sich im Verkehr regelkonform verhalten, sind solche Äußerungen eine Beleidigung.

SPIEGEL ONLINE: Sie klingen etwas verzweifelt.

Holtmann: Ja, ich hoffe, dass es künftig mehr Aufklärung gibt und das Risikobewusstsein der Autofahrer wächst.

SPIEGEL ONLINE: Werden Fahrlehrer gut genug ausgebildet?

Holtmann: Die Ausbildung ist nicht mehr zeitgemäß. Ein paar Monate Theorieübungen, dann ein Praktikum in einer Fahrschule, und schon hat man die Qualifikation zum Fahrlehrer. Das müsste zwei Jahr dauern, wie bei einem anerkannten Lehrberuf. Davon würden vor allem auch die Fahrschüler profitieren und es würde die Sicherheit im Straßenverkehr fördern.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Teil der Fahrlehrerausbildung sollten Ihrer Meinung nach ausgebaut werden?

Holtmann: Die Pädagogik. Die Fähigkeit, Menschen etwas beizubringen. Wie man über Einsicht eine Veränderung erreicht. Das wird momentan noch stark vernachlässigt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Fahrzeughersteller entwickeln derzeit selbstfahrende Autos. Werden Fahrlehrer damit überflüssig?

Holtmann: Ja. Aber so weit sind wir vielleicht in 20 oder 30 Jahren. Ich bin dann in Rente. Wenn die Technik den Autofahrern die Verantwortung abnimmt, gibt es garantiert weniger Unfälle.


Jörg Holtmann: "Ein Fahrlehrer packt richtig aus! Über die Gefahren im Straßenverkehr und wie wir alle besser werden können", Books on Demand, 116 Seiten, 9,95 Euro , www.keine-punkte.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 895 Beiträge
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1.
moritz1989 15.02.2016
Das Problem ist nicht derjenige der zu schnell fährt, es sind die Momente in denen schnell auf langsam trifft. Kurzes Beispiel: Der Fahrer auf der linken Spur, der mit 210 km/h über die Autobahn rast ist per se kein Sicherheitsrisiko. Es wird erst zur Gefahr, wenn der mit 120 km/h fahrende völlig unbedacht auf die linke Spur zieht. Am Ende heißt es der eine wäre gerast und aggressiv gefahren. Völliger Schwachsinn, weil gerade die Trödler oftmals nicht mehr merken, das sie nicht alleine auf der Straße sind!
2. Stimmt und auf diese Aggressivität ...
damp2012 15.02.2016
... habe ich überhaupt keine Lust obwohl ich gerne (!) autofahre. Ein guter Grund, so häufig wie möglich auf alternative Transportmittel zurückzugreifen. Noch eine Anmerkung zu der Statistik: Interessant und aufschlussreich wäre es gewesen, die Zahlen der zugelassenen KFZ 1991 zu 2015 auf Deutschlands Straßen gegenüber zu stellen. Dann wäre die Statistik ggf. aufschlussreich - aber so bleibt es eben "nur" eine Statistik... ;-)
3. Huch, noch keine Kommentare der Bleifuß-Fraktion?
scooby11568 15.02.2016
Der Mann hat völlig Recht. Ich verdiene mein Geld mit Autofahren. Die Zustände auf den Straßen werden immer schlimmer. Was mich am meisten ärgert sind Leute, die Mist bauen, aber nicht dazu stehen können, sondern erst einmal Andere bepöbeln, anstatt sich einfach zu entschuldigen. Erst letzte Woche hat mich einer bei! Spurwechsel geschnitten und ist dann, weil es zu knapp wurde, voll in die Eisen gestiegen. Ich habe nur kurz gehupt, schon ging die Schimpfkanonade los. Ich saß in einem LKW mit 28 to Gesamtgewicht. Irgendwann kommt der Tag, an dem ich es nicht mehr schaffe, zu bremsen. Was dann von so einem Punto übrigbleibt...
4. Fahrlehrer als Welterklärer...
P.T. 15.02.2016
Kein Hinweis darauf, dass evtl die Fahrschulausbildung auf neue Standards angepasst werden sollte. Nix außer "das haben wir schon immer so gemacht", dumpfe Pflichtstunden und Vermittlung von legalistischer Verhaltensweise. Ohne jeden innovativen Ansatz und ohne Anpassung an neue Herausforderungen. Schuld ist die Aggresivität der anderen... Der Führerschein ab 17 ist ein Segen, um das Unvermögen der Fahrlehrer zu kompensieren.
5.
muellerthomas 15.02.2016
Die Argumente mögen ja richtig sein, aber die Zahlen geben das für sich genommen nicht her. Ein Anstieg der Verkehrstoten von 3339 auf 3450 innerhalb von zwei Jahren kann auch schlicht Zufall sein. Oder die gefahrenen Kilometer sind um gut 3% gestiegen, so dass sich an der Unfallwahrscheinlichkeit gar nichts verändert hat. Oder es gab mehr junge und/oder mehr sehr alte Fahrer, was auch mehr Unfälle begünstigt. Es sind also viele Ursachen für diesen minimalen Anstieg denkbar, auch ohne dass man auf steigende Aggressivität zurückgreifen muss. Zumal die von ihm genannten Gründe wie Anonymität im Auto und Termindruck keine neuen Themen sind.
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