Verkehrsvernetzung Sprechende Leitplanken

Um das Fahren sicherer zu machen, sollen Autos immer mehr vernetzt werden: mit anderen Fahrzeugen, mit dem PC zuhause, mit der Straße. Ein Forschungsprojekt will jetzt sogar Verkehrsschilder und Baustellenhütchen mit intelligenten Funksendern ausstatten.


Manch einer ist ja schon genervt, wenn auf dem Beifahrersitz zu viel geredet wird. Doch das ist noch gar nichts: Bald werden sich nicht nur die Passagiere untereinander etwas zu erzählen haben, sondern auch die Autos könnten in regen Austausch miteinander treten. Und auch das ist noch nicht das Ende: Die Straße selbst wird ihre Stimme erheben und zum Beispiel vor Nebel, Staus und Unfällen warnen. Im Rahmen des Forschungsprojekts "Network On Wheels" (NOW) werden derzeit Kommunikationssysteme entwickelt, mit deren Hilfe Daten zwischen Autos und der Straßen-Infrastruktur ausgetauscht werden können.

So könnten dann zum Beispiel die bereits in einem Stau stehenden Fahrzeuge den heranrollenden Verkehr warnen. Oder eine intelligente Pylone am Straßenrand wird so programmiert, dass sie vorbeifahrende Autos von der kommenden Baustelle in Kenntnis setzt. Ein groß angelegter Feldversuch soll noch dieses Jahr unter dem Projektnamen "SIM TD" ("Sichere Intelligente Mobilität Testfeld Deutschland") starten: Bis zu 500 Fahrzeugen sollen für vier Jahre - mit neuer Sensoren- und Übertragungstechnik ausgestattet - durch Frankfurt am Main fahren und zeigen, ob die Technik sich im Praxiseinsatz bewährt.

Ein neues Netzwerk, "größer als das Internet"?

Das neue Sicherheitsnetzwerk könnte "größer als das Internet" werden, sagt Bernd Bochow, NOW-Projektleiter beim Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus). Die Berliner Forschungseinrichtung ist ein Partner in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt, in dem sich die Konkurrenten Audi, BMW, Daimler-Chrysler und Volkswagen mit verschiedenen Forschungsinstituten zusammengetan haben. Denn Basis für den Erfolg des Netzwerks ist ein einheitliches Funksystem mit verbindlichen Standards für alle Hersteller. Damit alle Autos eine Sprache sprechen und ein Audi A4 versteht, was ihm die Mercedes C-Klasse oder der 3er BMW mitteilen möchte. Wenn alle Kraftfahrzeuge mit der neuen Sensoren- und Übertragungstechnik über die Straßen rollen würden, "hätten wir allein in Deutschland mehr als 60 Millionen Nutzer", rechnet NOW-Mitentwickler Bernd Bochow vor. "Und dazu kämen dann die stationären Systeme am Straßenrand."

Ziel von NOW ist es, alle Fahrzeuge, aber eben auch die Straße selbst in Form von Leitplanken, Pylonen und Verkehrszeichen als Sender von Informationen oder rollende Netzknoten einzusetzen. Die Übertragung der Daten soll auf Basis von Wireless-LAN-Technologie erfolgen, also über lokale, drahtlose Funknetze. Da die Reichweite solcher Systeme bei maximal 500 Metern liegt, sollen Fahrzeuge als mobile Datenträger fungieren und etwa Warnhinweise von Auto zu Auto weiterreichen, damit auch entfernte Verkehrsteilnehmer vor einer möglichen Gefahr gewarnt werden. Damit das funktioniert, sei eine "Marktdurchdringung von mindestens 20 Prozent" erforderlich, wie Fraunhofer-Forscher Bochow sagt. Daher ist NOW bislang eher eine mittelfristige Vision. "Die Technik allerdings ist im Prinzip einsatzbereit", sagt Bochow, der mit den NOW-Projektpartnern bereits seit 2004 die entsprechende Hard- und Software entwickelt. Entscheidend sei jetzt, wie die einzelnen Autohersteller das System in ihre jeweils individuelle Sicherheits- und Kommunikationstechnologie integrieren.

Über Nacht wird die Musiksammlung überspielt

Denkbar wäre die Funktechnologie auch für den Einsatz im Entertainment-Bereich. So könnte der Bordcomputer des Autos mit dem Heimcomputer vernetzt werden – beim Verlassen der heimatlichen Garage etwa würden automatisch die neuesten Musicdownloads oder eine vorab berechnete Fahrroute mit den Sightseeing-Highlights links und rechts der Straße ins Fahrzeug übertragen werden. Möglich wäre auch, dass zum Beispiel in Leitplanken Hotspots eingerichtet werden, die für vorbeifahrende Fahrzeuge vorübergehend einen Internetzugang bereitstellen und so die Gelegenheit böten, eine Verbindung zur heimatlichen Festplatte herzustellen. Hier aber entwickeln die NOW-Forscher noch Strategien, um den Datenaustausch sicher zu machen. "Wenn ein Auto tatsächlich online wäre, könnte man so seine Position bestimmen. Das ist wegen des Datenschutzes bedenklich", so Senior Scientist Bernd Bochow vom Fraunhofer Institut.

Prinzipiell ausgereift aber seien mögliche Sicherheitsanwendungen des Funksystems. Denkbar wäre etwa, die Informationen über einen Unfall oder eine Baustelle in das System der adaptiven Geschwindigkeitsregelung zu speisen und so zum Beispiel automatisch eine Temporeduzierung zu initiieren, sobald man sich dem Hindernis nähert. Oder Daten über das Steigungsprofil der Straße über die Leitplanken in die Motorsteuerung der Autos einzuspeisen, um so die für Verbrauch und Komfort ideale Geschwindigkeit zu erreichen.

Nie wieder Karambolagen in niedrigen Unterführungen

Auch einem Einsatz des neuen Funksystems an stationären Orten stehe nichts im Wege, heißt es im NOW-Projektteam. Wenn zum Beispiel die Durchfahrtshöhe einer Brücke wegen Baumaßnahmen vorübergehend niedriger als gewohnt sei, würde ein anrollender Lastwagen rechtzeitig gewarnt werden. Ein Empfänger in einer Pylone am Straßenrand würde dank eines gesendeten Signals vom Lkw die Höhe des Lastwagens feststellen, diese dann an das Verkehrszeichen an der Brücke weitergeben, worauf das intelligente Schild im Zweifelsfall eine Warnung an das näher kommende Fahrzeug schickt.

Weil aber die Umsetzung einer flächendeckenden Funktechnologie kostspielig ist, denkt man im Forschungskonsortium von NOW über entsprechende Geschäftsmodelle nach. Eine Möglichkeit wäre es, dass Tankstellenbetreiber ein paar Kilometer vor ihrem Standort Sender in den Leitplanken installieren und die vorbeifahrenden Autos mit den aktuellen Benzinpreisen versorgen. Doch ob das am Ende vom Fahrer wirklich gewünscht ist, "müssen die Marketing-Experten herausfinden", räumt Ingenieur Bochow ein. Denn schon jetzt konfrontiert der stete Fluss der Informationen aus Navigationssystem, CD-Wechsler, Bordcomputer und Beifahrermund manchen Autofahrer mit den Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit.

pwe



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