Verzapft Das Wunder von Frankfurt

Millionen Autofahrer müssen demnächst das extra-teure Super Plus tanken, wenn sie keinen Motorschaden riskieren wollen - warnte der ADAC kürzlich. Denn ab Mitte 2008 wird Superbenzin mit Biosprit verschnitten. Jetzt haben die Autohersteller das Problem auf wundersame Weise gelöst.

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Shell hat unlängst den guten alten Tankwart wiederbelebt. Kaum öffnet man die Autotür, feudelt ein freundlicher Herr einem bereits über die Scheibe und fragt, ob er vollmachen darf. Stets bietet der Shellist dabei zunächst "V-Power" an, jenen extrateuren Kraftstoff, der zu Recht wie Sauerbier in den Tanks des Mineralölkonzerns schwappt.

Demnächst dürfte sich jenes auch als Super Plus bezeichnete Wässerchen, das Aral, Shell und Konsorten seit Jahren erfolglos unters Volk zu bringen versuchen, richtig gut verkaufen. Dafür hat der "Runde Tisch Biokraftstoffe" gesorgt. In diesem Gremium sitzen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sowie seine Genossen von der Mineralöl- und Autoindustrie. Die Rundtischler beschlossen, dass es für alle Verkehrsteilnehmer das Beste wäre, wenn ab Mitte 2008 sämtlicher in Deutschland verkaufte Sprit zu zehn Prozent aus Ethanol besteht (E10). Wegen der Bäume, der Blumen und des Klimas, das allen Beteiligten bekanntermaßen am Herzen liegt.

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DDP

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Kleiner Haken an der Sache: Ältere Autos kriegen von Biosprit die Krätze. Ihre Leitungen und Dichtungen vertragen das aggressive Ethanol nicht. Folglich muss ein Ausweichsprit ohne Biozusatz her. Praktischerweise waren noch etliche Hektoliter des sich schlecht verkaufenden und gänzlich unverschnittenen Super Plus übrig. Die Rundtischler einigten sich deshalb darauf, fortan nur noch diesen Kraftstoff ohne Ethanol-Beimengung zu verkaufen. Dass es sich dabei ausgerechnet um den teuersten Kraftstoff handelte, fiel niemandem auf - weil alle Beteiligten Dienstlimousinen besitzen.

Deutsche Ingenieurskunst vom Feinsten

Müssen Millionen Deutsche also demnächst gegen ihren Willen zehn Cent mehr pro Liter berappen? Bis vor kurzem sah es so aus. Der ADAC hatte im November 2007 die Zahl der möglicherweise ethanoluntauglichen deutschen Pkw auf mehrere Millionen taxiert. Das ZDF-Magazin "Frontal21" kam unter Hinweis auf Recherchen bei Mercedes, VW und anderen Herstellern gar auf insgesamt zehn Millionen Autos.

Glücklicherweise kann jetzt Entwarnung gegeben werden. Nach mehreren ungnädigen Presseberichten haben alle namhaften deutschen Hersteller nochmals nachgerechnet, geprüft und getestet. Das Ergebnis: All jene Autos, die im November noch an einer Ethanol-Intoleranz litten, dürfen nun soviel Biosprit saufen, wie sie möchten.

So hat etwa Daimler am Mittwoch das Gros seiner Fahrzeuge freigegeben. Andere Hersteller folgten. Nach Angaben des in Frankfurt ansässigen Verbands der Automobilindustrie (VDA) müssen somit demnächst nicht zehn und auch nicht fünf Millionen Pkw zwangsweise Super Plus tanken, sondern "nach intensiver Prüfung" nur 375.000. Das ist deutsche Ingenieurskunst par excellence. Selten wurde ein technisches Problem so schnell aus der Welt geschafft. Branchenkenner sprechen bereits ehrfürchtig vom "Wunder von Frankfurt". Autofahrer können jetzt wieder vollauf beruhigt vollmachen.

Nur an besonders hasenfüßigen Zeitgenossen mögen Zweifel nagen. Was wäre, wenn die Hersteller sich irren? Auto-Ingenieure und -Marketingexperten sind zwar fast unfehlbar. Aber schließlich hatten sie nur sehr wenig Zeit für ihre Tests - von den Presseberichten bis zur VDA-Klarstellung vergingen nur wenige Tage. Was wäre, wenn ein Auto nach einigen tausend Kilometern Biosprit-Kur doch seinen Geist aufgibt?

Auch dann muss man sich keine Sorgen machen, die Rechtslage ist eindeutig: Der Halter muss vor Gericht lediglich nachweisen, dass sein zehn Jahre altes Auto den Defekt mit hundertprozentiger Sicherheit wegen des Biosprits erlitten hat - und nicht aufgrund von Alterserscheinungen. Wenn er dies - sowie sein Tankverhalten der vergangenen fünf Jahre - lückenlos dokumentieren kann, gibt es überhaupt kein Problem. Dann kommt der Hersteller selbstverständlich für den entstandenen Schaden auf.

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