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Visionär Shai Agassi: "Ich bin das Ende des Öls"

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Er hat eine kühne Vision und bringt sie mit Verve unters Volk: Binnen 15 Jahren will der Öko-Unternehmer Shai Agassi die Welt mit Elektroautos überrollen. Damit das klappt, müssten ihm die großen Hersteller geeignete Fahrzeuge bauen - doch die zieren sich.

Zurückhaltung ist keine Stärke von Shai Agassi. "Ich bin das Ende vom Öl", frohlockt der 40-jährige Manager in einem seiner Firmenvideos. Nach seinem Ausscheiden aus der Computerindustrie ist der in Israel geborene und lange als Kronprinz des deutschen Software-Riesen SAP gehandelte Dauerdynamiker angetreten, die - automobile - Welt zu revolutionieren.

Mit seinem optimistisch Better Place getauften Unternehmen will Agassi dem Elektroauto zum Durchbruch verhelfen. Konventionelle Tankstellen sind in seiner kühnen Vision überflüssig. "Spätestens in 15 Jahren fährt die Welt elektrisch", sagte Agassi SPIEGEL ONLINE. Das ist eine wagemutige Prognose. Die meisten fundierten Studien gehen davon aus, dass 2025 weltweit nur ein paar Prozent der Autos einen Elektroantrieb besitzen werden.

Agassi glaubt fest an die elektrische Revolution. Er glaubt allerdings auch, dass die alteingesessenen Autofirmen es ohne seine Hilfe nicht hinbekommen werden. Zwar goutiert der Elektroauto-Enthusiast Konzepte wie den Chevrolet Volt oder Mercedes Blue Zero. Doch letztlich seien die großen Hersteller allesamt auf dem Holzweg. "Selbst noch so fortschrittliche Elektrofahrzeuge werden die Kunden in absehbarer Zeit kaum zufriedenstellen", kritisiert Agassi. Reichweite, Fahrleistung und Ladezyklen seien noch nicht ausgereift.

"Der unschätzbare Vorteil des Autos in seiner jetzigen Form ist die Unabhängigkeit, die es gewährt. Ich kann fahren, wann und wohin ich will", argumentiert Agassi. Wer dagegen eine Reise erst aufwendig planen müsse, könne auch gleich den Bus nehmen. Ob mit oder ohne Extra-Verbrennungsmotor - irgendwann müssten alle Elektroautos länger an die Steckdose, als es dem Fahrer lieb sein könne. "Mit der gewohnten Freiheit hat das nichts zu tun." Die ende bei herkömmlichen Stromern nach 200 Kilometern.

Better Place setzt auf elektrische Mobilität. Der Ansatz aber ist anders als bei bisherigen Konzepten. "Wir machen Strom so leicht und schnell verfügbar, wie es heute auf Benzin zutrifft", behauptet Agassi. Statt weiter am idealen Elektroauto zu feilen und auf den perfekten Akku zu warten, plant Agassi den Aufbau einer komplett neuen Infrastruktur. Zu der zählt neben Ladebuchsen in der Garage und auf Parkplätzen ein Netz spezieller Servicestationen, an denen die Akkus automatisch gewechselt werden können.

Automatischer Batterietausch in drei Minuten

"Wer weiter fahren möchte, muss trotzdem nicht umdenken", sagt Agassi. Statt die stundenlangen Ladezyklen abzuwarten, rolle man wie bei einer Waschanlage in eine spezielle Box. Sobald das Auto stehe, lege sich eine Montagevorrichtung unter die Batterie im Wagenboden, löse den leeren Akku und verstaue ihn in einer Ladebox; dann werde automatisch eine volle Batterie aus dem unterirdischen Regal gezogen und in den Wagen eingesetzt.

"Das ganze dauert keine drei Minuten, schon sind sie wieder auf der Straße. Jeder normale Tankvorgang braucht mehr Zeit", schwärmt Agassi.

Nicht nur technisch geht Better Place einen eigenen Weg. Auch das Geschäftsmodell hat mit dem eines normalen Autoherstellers nichts zu tun. "Wir arbeiten ähnlich wie Mobilfunkbetreiber", sagt Agassi. So wie Vodafone oder T-Mobile keine Telefone verkauften, sondern Gesprächsminuten, so verkaufe er keine Autos, sondern Fortbewegung. "Wir kalkulieren mit vier Cent pro Kilometer."

Umweltfreundlich allerdings ist das Konzept nur dann, wenn die Batterien mit grünem Strom gespeist werden. Das weiß auch Agassi, der bei jedem Projekt lokale Energieversorger ins Boot holt und wiederholt verspricht: "Wir zapfen nur erneuerbare Energiequellen an."

Zur kühnen Idee gibt es noch kein passendes Auto

Bei der Wahl der Fahrzeuge lässt Agassi den Kunden im Prinzip freie Hand. "Jedes Auto kann mitmachen, solange es über ein Loch im Wagenboden und eine durch diese Öffnung austauschbare Batterie verfügt", sagt Agassi. Bislang erfüllt allerdings kein einziges Pkw-Modell diese Kriterien. Und obwohl der charismatische und äußerst redegewandte Agassi bereits bei sämtlichen wichtigen Vorständen vorstellig wurde, hat erst ein Konzern ein entsprechendes Auto in Aussicht gestellt.

Es war angeblich am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos, als es Agassi gelang, Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn zu überzeugen. Ab 2011 will der speziell für Better-Place-Kunden Autos bauen, die bei den ersten Projekten etwa in Israel, Dänemark oder der kanadischen Provinz Ontario zum Einsatz kommen sollen.

Autos gibt es zwar noch nicht, aber dafür reichlich Interessenten. Auch Hawaii oder Kalifornien und Australien haben mit dem smarten Israeli Vereinbarungen getroffen, beinahe monatlich kommen neue Regionen hinzu - nur das Autoland Deutschland fehlt bislang auf Agassis Liste. Aber das sei eher ein Problem der Deutschen als eines von Better Place, findet der Visionär. "Wie beim Hybridantrieb wird hier mal wieder ein Trend verschlafen."

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