Protokoll des VW-Rückrufs, Teil 13 Ein 476-Euro-Trostpflaster

VW hat im großen Stil bei den Abgaswerten betrogen. Einen der betroffenen Wagen fährt Michael Müller. Nun will er ihn vielleicht gegen einen Neuwagen mit Benzinmotor eintauschen. Gar nicht so leicht.

Symbolbild VW-Händler
DPA

Symbolbild VW-Händler


Michael Müller* ist SPIEGEL-Mitarbeiter. Er fährt einen VW Touran 1.6 TDI mit 105 PS, Baujahr 2011. Sein Wagen war mit der betrügerischen Software des VW-Konzerns ausgestattet und musste nachgebessert werden. In loser Folge berichtet er, wie VW mit seinen Kunden umgeht. Was zuletzt geschah, lesen Sie hier.

Mittlerweile ist es fast ein halbes Jahr her, dass ich mit meinem Touran in der Werkstatt war. Seitdem läuft er tipptopp, keines der alten Probleme nach dem Software-Update trat wieder auf: Weder sprang der Kühlerventilator nach dem Abstellen plötzlich an, noch drehte der Motor im Leerlauf auffällig hoch. Ein Leistungscheck auf dem Prüfstand nach dem Eingriff steht noch aus. So weit so gut, könnte man meinen.

Doch die Diskussion um Dieselfahrverbote in deutschen Städten beschäftigt mittlerweile auch meine Familie und nicht nur Justiz, Politik und Industrie. In unserer Heimatstadt Hamburg sieht der Luftreinhalteplan vor, dass auf zwei Hauptverkehrsadern zeitweise keine älteren Lkw und Dieselautos mit der Abgasnorm Euro 5 und schlechter fahren dürfen. Damit wäre auch unser Touran künftig von punktuellen Fahrverboten betroffen.

"Da gibt es doch diese Umstiegsprämien", sagte kürzlich meine Frau und gab den ersten Anstoß, sich vielleicht bald schon vom Touran zu trennen. An seine Stelle könne doch ein gleiches Modell mit Benzinmotor treten, vielleicht auch ein anderes Fabrikat, schlug sie vor.

Was ist mein Touran noch als Gebrauchter wert?

Normalerweise hätte ich mit dem Kauf eines neuen Autos noch ein paar Jahre gewartet. Doch die Vorstellung, demnächst als Stinker bestimmte Straßen meiden zu müssen, missfällt auch mir. Ebenso wie der Gedanke, dass mein Touran womöglich stärker an Wert verliert. Immer wieder lese ich, dass die Gebrauchtwagenpreise für Dieselautos fallen. Verhängt die erste Stadt ein Fahrverbot, dürfte das meine Verkaufschancen weiter verschlechtern.

Der VW Touran 1.6 TDI von SPIEGEL-Mitarbeiter Müller
SPIEGEL ONLINE

Der VW Touran 1.6 TDI von SPIEGEL-Mitarbeiter Müller

An einem Montag im August beschließe ich, mir Angebote für einen neuen Benzin-Touran einzuholen und gleichzeitig abzuklopfen, was meiner als Gebrauchtwagen noch für einen Preis erzielen würde.

Mein erster Weg führt zu einem VW-Vertragshändler im Norden der Stadt. Der Verkäufer, Herr L., bittet mich freundlich, Platz zu nehmen und den Fahrzeugschein herüberzureichen. Mit dem Kaffee serviert er mir die erste schlechte Nachricht des Tages. Die von VW bis zum Jahresende offerierte Umstiegsprämie gelte nur für Euro-4-Fahrzeuge und älter. Mein Touran komme als Euro-5-Fahrzeug nicht in den Genuss des 6000-Euro-Rabatts, den VW für den Kauf eines neuen Vans anbietet.

Aber mein Touran sei ja auch noch mehr wert, versucht er mich zu trösten. Er tippt meine Fahrgestellnummer in seinen Rechner, anschließend spuckt der Computer ihm die Ausstattung aus und schlägt als Händlereinkaufspreis 7000 bis 8000 Euro vor. Das ist weniger, als ich erhofft hatte. Meine Enttäuschung kann ich kaum verbergen, schließlich habe ich für meinen Touran, Baujahr 2011, vor fünf Jahren rund 20.000 Euro hingelegt. Nun ist er nicht mal mehr die Hälfte wert. Dank Dieselskandal?

Nein, mit einem solchen Wertverfall müsse man rechnen, der sei völlig normal, erklärt Herr L. Die Gebrauchtwagenpreise für Fahrzeuge wie meines seien noch relativ stabil. Bei anderen Modellen sähe das anders aus. "Beim Tiguan Diesel konnten sie früher jedes Preisschild drankleben, der ging auf jeden Fall weg. Das ist vorbei." Ob VW nicht auch Kunden mit einem Euro-5-Fahrzeug einen Sonderrabatt anbietet, frage ich. L. schüttelt den Kopf, murmelt etwas von "nicht viel" und guckt in einer Liste nach. "476 Euro", antwortet er.

476 Euro empfinde ich als viel zu wenig. Bisher zahlte mir die Zentrale in Wolfsburg nur das Software-Update (das Mindeste!), eine weitere Entschädigung gab es nicht. Dabei weiß bisher keiner so genau, was es wirklich bringt. Reicht die Reinigung der Stickoxide jetzt aus, um auch künftig bei Fahrverboten in die Stadt zu dürfen? Was passiert, wenn mein Touran aufgrund der Nachrüstung Schäden am Motor bekommt? Als Fahrer eines Euro-5-VW empfinde ich mich ein wenig als Verlierer.

So ein Touran mit Benzinmotor - einfach "Weltklasse"

Herr L. empfiehlt mir als Neuwagen das Sondermodell "Sound". Der kostet mit dem 150 PS Benziner 34.311 Euro, hätte aber Ausstattung an Bord wie ein konfigurierter Touran im Wert von 38.990 Euro - macht insgesamt einen Nachlass von 4203 Euro.

Als nächstes suche ich meinen Stammhändler auf. Womöglich erhalte ich dort zumindest eine Art Treuerabatt. Direkt hinter der Eingangstür empfängt mich Herr K., ein junger, dynamischer Verkäufer. Als ich ihm meine Sorgen um Dieselfahrverbote mitteile, sagt er wissend: "Die kommen bestimmt nicht wie geplant". Doch die Angst davor führe zu längeren Standzeiten bei gebrauchten Euro-5-Dieseln. Leasing-Rückläufer seien ein großes Problem, vor allem Passat und Tiguan-Modelle, gibt er offen zu.

Deshalb sei der Touran mit Benziner eine gute Wahl, bestärkt er mich in meinen Kaufabsichten. Er sei "Weltklasse". Vieles bei Herrn K. ist "Weltklasse", so auch das Sondermodell "Sound", das er mir auch anbietet. Diesmal für 33.444 Euro - etwa 1000 Euro günstiger, weil der Wagen im Lager steht. Eine Pi-mal-Daumen-Bewertung für den gebrauchten Touran lehnt er ab. Das ginge erst seriös, nachdem sich ein Prüfdienst den Wagen angesehen hätte. Die 476 Euro Rabatt aber gibt es auch hier. "Die kann man ja so mitnehmen."

Herr K. kommt langsam in Fahrt. Aber was solle das überhaupt mit der Umstiegsprämie?, überrascht er plötzlich mit einer Gegenfrage. Wenn der Staat einen Effekt für die Umwelt erhoffe, dürften Hersteller doch keinen Preisnachlass auf Dieselautos gewähren.

Soviel Ehrlichkeit an der Basis stößt in den Konzernzentralen sicher auf wenig Gegenliebe. Die aus Wolfsburg, so Herr K., hätten sich zu Beginn des Dieselskandals beinahe mit Anweisungen an die Händler überschlagen. Jede Woche habe es neue Verhaltensregeln gegeben, wie mit entzürnten Kunden umzugehen sei. Ich verlasse auch dieses Autohaus mit dem Gefühl, jetzt nicht übereilt ein neues Fahrzeug kaufen zu müssen. Dafür waren die Angebote zu unattraktiv.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert, um sicherzugehen, dass VW den Kollegen nicht anders behandelt als andere betroffene Kunden.

Aufgezeichnet von Margret Hucko



insgesamt 117 Beiträge
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mazzmazz 02.10.2017
1. Unbelehrbares Nordlicht
Nochmal zu VW? Echt jetzt? Der vorhandene Touran ist 6 Jahre alt. Mondpreis geschätzt neu: 30.000 Eur. Also müsste das Ding heute ca. 10.000 Eur bringen. VW bietet 7-8.000 Eur. Ist also wie immer: VW zockt die Kunden bei EInkaufs- und Verkaufspreisen ab. Einen besonderen Verfall wegen des verbauten Euro5-Diesels kann auch ich nicht erkennen. Mein Tip: den Schummeldiesel bei einer anderen marke in Zahlung geben, wo man von einer Wechselprämie und realistischen Preisen profitieren kann. Z.B. bei Opel oder Ford. Dort gibt es die Modelle S-Max und Zafira. Beide sehen besser aus als der VW, sind praktischer und man kann sie mit besseren Benzinmotoren kaufen als den VW Touran. Günstiger lt. Liste sind sie ohnehin. Die Nachbarn in Osteuropa lachen sich gerade schief über die doofen Deutschen, die in heller Panik ihre top gepflegten Diesel günstig verscheuern. Denn in Warschau, St. Peterburg, Sibiu oder Stettin wird es keine Dieselfahrvebote geben. Wenn ich persönlich zur Zeit einen VW mit Schummeldiesel hätte, würde ich vom VW Händler verlangen, ein richtig gutes Angebot zu machen. Im Beispielfall würde ich für den neuen Euro 6 Benziner Touran 15.000 Eur Cash und den alten Touran anbieten. Macht er nicht mit, würde ich diesen Deal eben mit Ford oder Opel machen. Irgendwer macht mit. 35.000 Eur Liste für einen einfachen Minivan in VW-Normalausstattung ist lächerlich. Mehr als 25.000 Eur bezahlt man für so etwas heute nicht mehr.
iwes69 02.10.2017
2. Wahnsinn!
Also wenn er 8000 für den Alten bekommt, müsste er ja noch mindestens 25000 für den Neuen drauflegen. Ich finde es imm er wieder irre wieviel Durchschnittsverdiener für ein stinknormales Alltagsauto offenbar zu zahlen bereit sind. Und dann läuft er noch als erstes zum Händler der Marke, die ganz kräftig betrogen hat. Ja, die Deutschen und ihre eherne Treue zum Volkswagen - schon bemerkenswert...
JerryKraut 02.10.2017
3. Der Wagen
wird 6 Jahre alt. Man sagt nach 4 Jahren, Pi mal Daumen, sind die Fahrzeugen noch ungefähr die Hälfte wert. Dann wären 8000 Euro wohl in etwa richtig. Vielleicht sollte der Eigentümer des Touran versuchen ihn privat zu verkaufen und sich dann einen Benziner eines anständigen koreanischen Herstellers zu kaufen. Unser Nachbar fährt einen schicken Kia Minivan mit 7 Jahren Garantie (statt Rabatt!) und ist sehr zufrieden. Er wäre nie auf die Idee gekommen sich einen VW zu kaufen, sagte er. Sehen totlangweilig aus und sind bei weitem nicht so gut wie viele meinen.
johndo89 02.10.2017
4. Fahrverbot für Dieselautos in Städte
Wenn es soweit kommt, dürften dann auch all die LKW's und Kleintransporter nicht mehr rein fahren. Und dann hätten die Städte wohl Probleme.
arnedererste 02.10.2017
5. VW Benziner
Ja...super! Kauft jetzt alle VW Benziner, dann haben wir nicht mehr ein Stickoxid-, sondern ein Rußproblem.
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