Krise bei VW-Händlern "Das Modell hätte ich gern, aber 5000 Euro günstiger"

Der Abgasskandal bei VW trifft auch die Autohäuser. Aus Verkäufern werden Krisenmanager - ein Besuch bei zwei VW-Händlern.

Von Christian Frahm

imago/ Rust Autos

Ein bisschen seltsam komme ich mir schon vor an diesem Vormittag. Ich stehe bei sonnigem Septemberwetter vor einem VW-Autohaus im Osten Hamburgs und bin im Begriff, mich gleich als Interessent für einen Golf mit Dieselmotor auszugeben. Vor dem Eingang wirbt ein Plakat mit einer Wechselprämie von bis zu 5000 Euro, wenn man sein altes Auto verschrotten lässt und gegen einen Neuwagen eintauscht - "Aktion verlängert". Ich frage mich, ob diese Abwrackprämie auch für alte Golf TDI gilt?

Die Angestellten im Autohaus könnten darüber bestimmt nicht lachen. Während ich interessiert um die ausgestellten Modelle kreise, versuche ich, die Stimmung zu sondieren. Hektik ist nicht zu spüren, es scheint, als hätte das Personal alles im Griff. Nichts, was den Kunden irritieren oder auf den Gedanken bringen könnte, das hier etwas nicht stimmt - ein Tag wie jeder andere könnte man denken. Aber der Schein trügt.

Alles kein Problem?

Ich steuere auf einen Berater zu und erzähle von meinem Plan, einen Golf mit Selbstzünder zu kaufen. Beruflich sei ich viel unterwegs und der Dieseltreibstoff günstig. Doch die Sache mit dem Abgasskandal verunsichere mich jetzt schon ein wenig. Ob ich denn problemlos ein Diesel-Modell kaufen könne, frage ich den Verkäufer. "Da müssen Sie sich keine Sorgen machen", sagt mir Herr Jakobs*, ein Mittfünfziger im dunklen Anzug. Bei diesem Thema wirkt er sichtlich angespannt und erklärt: "Das betrifft nur ältere Autos, die bei der Zulassung andere Abgasnormen erfüllen mussten." Die Modelle, die hier im Autohaus stünden, entsprächen alle der Abgasnorm Euro 6 und seien damit nicht betroffen. Keine Manipulationssoftware in den Neuwagen, versichert mir Herr Jakobs.

Und der Wiederverkaufswert? Ob Jakobs denkt, dass sich die Selbstzünder in ein paar Jahren vielleicht zum Auslaufmodell entwickeln könnten, die dann keiner mehr haben will, frage ich. "Glaube ich nicht", antwortet er schulterzuckend. Überhaupt wisse er selbst nicht mehr als das, was er aus Wolfsburg höre. "Am 7. Oktober gibt es aber eine offizielle Entscheidung von VW. Dann wissen wir alle etwas mehr", sagt der Verkaufsberater noch. Bis dahin nämlich soll entschieden sein,

was mit den vom Abgasskandal betroffenen Autos passiert.

Beschwerden im Minutentakt

Auch im zweiten Autohaus, diesmal im Hamburger Westen, in dem ich mit meinen Verkaufsabsichten vorstellig werde, beruhigt man mich und versichert mir, dass die neuen Modelle nicht von den Manipulationen betroffen seien. Im Beratungsgespräch erfahre ich, wie es derzeit tatsächlich bei den VW-Händlern zugeht. Herr Fischer*, dem ich an seinem Schreibtisch gegenüber sitze, erzählt mir, dass der Konzern in den nächsten Wochen enorm viel Geld in die Hand nehmen werde, um den Schaden so gut wie möglich zu begrenzen. "Da wird eine Maschinerie in Gang gesetzt werden, die es so bei VW noch nicht gegeben hat", sagt Fischer. Ich könne sicher sein, dass derzeit alles Mögliche getan werde. Dann klingelt sein Telefon. "Darf ich da kurz rangehen, das ist wichtig", fragt er.

Ich nutze die kleine Pause und schaue mich um, es wird viel telefoniert. Nachdem Fischer den Hörer aufgelegt hat, frage ich, ob er selbst Auswirkungen des Betruges spüre. Er erzählt mir, er höre den ganzen Tag von nichts anderem mehr. "Es rufen ständig Kunden an, die sogar solche Kaufverträge stornieren wollen, die mit den aktuellen Geschehnissen gar nichts zu tun haben", sagt er. Firmenkunden beschwerten sich bei ihm und sprächen von einem massiven Imageschaden für ihr Unternehmen, weshalb man die Autos von VW nicht mehr fahren könne. Auch Anwaltsschreiben mit Entschädigungsforderungen seien schon angekommen.

"Ich wurde schon als Lügner beschimpft"

"Am Telefon wurde ich sogar schon als Lügner beschimpft", berichtet Fischer, der es dieser Tage wirklich nicht leicht zu haben scheint. Wieder klingelt das Telefon. Nach einer weiteren Pause erzählt er mir noch von Kunden, die jetzt als Trittbrettfahrer des Skandals auf ihr persönliches Schnäppchen hoffen. "Die kommen hier rein und holen zu einem Rundumschlag aus mit allem, was sie so aus den Medien aufgeschnappt haben", berichtet der VW-Mann frustriert. "Und dann sagen sie: Das Modell hätte ich gerne, aber bitte 5000 Euro günstiger, ist ja ein Diesel", stellt er die Szenerie nach. Das Telefon klingelt wieder, Fischer schaltet auf stumm.

Mit einem persönlichen Angebot - 5311 Euro "Aktionsrabatt für Selbstständige" inklusive - für einen VW Golf TDI verlasse ich mit gemischten Gefühlen das Autohaus. Mit Herrn Fischer oder Herrn Jakobs möchte ich dieser Tage nicht tauschen. Eigentlich wollen sie nur Autos verkaufen, jetzt aber sind sie Krisenmanager geworden.

Daran erkenne ich, ob mein Auto betroffen ist
Sicherheit darüber gibt die Motornummer. Diese besteht aus maximal drei Buchstaben und einer Zahl. Sie wird vom Hersteller an einer einsehbaren Stelle des Motorblocks angebracht. Manchmal findet sich die Identifikationsnummer auch im Kaufvertrag. Im VW-Skandal handelt es sich um den Diesel-Motortyp EA 189.
Eine andere Möglichkeit bietet die Überprüfung der Fahrgestellnummer in der Werkstatt.
VW weist jedoch darauf hin, dass für die Kunden "momentan gar kein Handlungsbedarf" bestehe. "Alle betroffenen Fahrzeuge sind absolut sicher und fahrbereit", so ein VW-Sprecher. Derzeit arbeitet der Konzern an einer Lösung der Abgasprobleme. Liegt diese vor, sollen alle betroffenen Autos in die Werkstatt gerufen werden.

* Name von der Redaktion geändert

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 160 Beiträge
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Seite 1
astsaft 01.10.2015
1. Autoverkäufer
Man mag ja von Autoverkäufern halten, was man will, aber in diesem Fall sind sie echt nicht verantwortlich. Es ist irgendwie verständlich, dass sie viel des Frusts abbekommen, aber eigentlich trifft es so die falschen...
berlinfelix 01.10.2015
2. Mitleid?
Wenn Mitarbeiter eines Konzerns derartig offen über Betriebsgeheimnisse schwadronieren dürfen sie sich über Imageschäden und deren Ausweitung nicht wundern. Sicher haben die Verkäufer Anrufe bekommen. In Relation zur Zahl ihrer Kunden wohl nicht so viele, dass sich diese Katastrophisierung rechtfertigt. "Der Konzern" ist auch nur die Menge seiner Mitarbeiter. Und "Der Vertrieb" wird sicher auch immer zurückgemeldet und Druck gemacht haben, wie wichtig niedrige Verbrauchswerte in jedem Fall sein müssen. Da hat dann der "Konzern" diesen Wunsch erfüllt. Und so ist jeder an seiner Stelle für den Skandal mitverantwortlich. Sicher auch die Verkäufer, die nicht ausbaden, sondern im Moment einer ihrer Aufgaben nachkommen: zur Marke VW beraten.
Anton Waldheimer 01.10.2015
3. ich frage mich
Ich frage mich das eine , der EA 189 leistet unter Einsatz der Betrugssoftware 140 PS , während der vergleichbare BMW 2 Liter Motor schon damals 170 PS leistete, ohne eine solche zu brauchen, da muss ja bei VW ein enormer technologischer Rückstand vorliegen? Sollte der damit teilüberbrückt werden? Oder wäre die Herstellung eines Motors für den Dauerbetrieb für einen Golf oder Passat zu teuer gewesen?
oldskool 01.10.2015
4. Haftung für Werteverlust
Wer haftet eigentlich dafür, wenn der Werteverlust tatsächlich viel höher ist, als das ohne diesen Skandal der Fall gewesen wäre?
Bin_der_Neue 01.10.2015
5. Bei aller Liebe zur Marke
Zitat von berlinfelixWenn Mitarbeiter eines Konzerns derartig offen über Betriebsgeheimnisse schwadronieren dürfen sie sich über Imageschäden und deren Ausweitung nicht wundern. Sicher haben die Verkäufer Anrufe bekommen. In Relation zur Zahl ihrer Kunden wohl nicht so viele, dass sich diese Katastrophisierung rechtfertigt. "Der Konzern" ist auch nur die Menge seiner Mitarbeiter. Und "Der Vertrieb" wird sicher auch immer zurückgemeldet und Druck gemacht haben, wie wichtig niedrige Verbrauchswerte in jedem Fall sein müssen. Da hat dann der "Konzern" diesen Wunsch erfüllt. Und so ist jeder an seiner Stelle für den Skandal mitverantwortlich. Sicher auch die Verkäufer, die nicht ausbaden, sondern im Moment einer ihrer Aufgaben nachkommen: zur Marke VW beraten.
Die Verkäufer sind aber nunmal nicht Mitarbeiter des Konzerns, sondern eines Autohauses. Von daher mehr als verständlich, dass sie den Konzern VW, der mit dem Abgasskandal noch vor den Kunden sie und vor allem ihren Arbeitsgeber (das Autohaus) gründlich beschissen haben, nicht über Gebühr decken oder gar verteidigen wollen. Schließlich geht es derzeit um deren aller Arbeitsplätze! Volkswagen mag ein angekratztes Image und temporäre Verkaufseinbrüche vielleicht verkraften, der eine oder ander Händler incl. dessen Abgestellten wird dabei aber auf der Strecke bleiben. Vielleicht sollte man Entschädigungszahlungen für durch den Skandal geschädigte Autohäuser fordern, anstatt für Kunden.
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