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Protokoll des VW-Rückrufs, Teil 14

Da waren es plötzlich 114 PS

VW hat im großen Stil bei den Abgaswerten betrogen. Einen der betroffenen Wagen fährt Michael Müller. Nach dem Software-Update lässt er nun die Motorleistung überprüfen.

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Müllers Touran auf dem Rollenprüfstand

Montag, 09.10.2017   07:46 Uhr

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Michael Müller* ist SPIEGEL-Mitarbeiter. Er fährt einen VW Touran 1.6 TDI mit 105 PS, Baujahr 2011. Sein Wagen war mit der betrügerischen Software des VW-Konzerns ausgestattet und musste nachgebessert werden. In loser Folge berichtet er, wie VW mit seinen Kunden umgeht. Was zuletzt geschah, lesen Sie hier.

"Kommen Sie wegen der Aktion?", fragt mich der freundliche Mitarbeiter einer Hamburger Werkstatt. "Meinen Sie die Überprüfung nach dem Software-Update von VW?", entgegne ich. "Genau", antwortet er.

"Aktion" klingt für das, was ich hier und heute vorhabe, für meinen Geschmack etwas zu positiv. In der Werkstatt gibt es keine Rabatt-Aktion, auch keine Irgendwie-Mitmach-Werbe-Veranstaltung. Im Gegenteil: Ich werde in Eigeninitiative 80 Euro ausgeben, um Sicherheit zu haben, dass mein Touran nach dem Software-Update und dem Einbau eines sogenannten Strömungstransformators nicht an Leistung verloren hat. Dazu bin ich in die Werkstatt mit Rollenprüfstand gekommen.

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Kurz nach Beginn des Abgasskandals vor zwei Jahren hatte ich meinen Wagen an selber Stelle vorgeführt. Mit dem Ergebnis, dass die Leistung mit 80,6 kW (110 PS) und auch das Drehmoment leicht über den Werksangaben lagen.

Zwar habe ich nach der Umrüstung durch VW im Alltagsbetrieb keine Leistungseinbußen gespürt, doch das Auto wies kleine Macken auf. Gleich mehrmals sprang der Kühlerventilator nach dem Abstellen an oder der Motor drehte im Leerlauf höher als gewöhnlich. Symptome, die für mich als Nicht-Techniker auf Probleme hindeuten könnten. Nach einigen längeren Autobahnfahrten tauchten die Beschwerden dann aber kaum noch auf. Die Unsicherheit blieb trotzdem: Ist mit dem Touran wirklich alles in Ordnung? Jetzt also der erneute Check.

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Ich gebe den Schlüssel an einen Techniker, der meinen Wagen auf einen Prüfstand fährt. Ich muss draußen bleiben. Nur wenige Minuten später steht er wieder vor mir - mit einem kurzen Messprotokoll. "Alles in Ordnung", sagt er. "Die Leistung ist sogar leicht gestiegen". Auf dem Ausdruck stehen 83,8 kW (114 PS).

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Messergebnisse meines Touran

Jippie, ich fahre einen Rennwagen! Tuning durch Software-Update - wer hätte das gedacht? Als Erklärung für den leichten Anstieg nennt mir der Fachmann beispielsweise eine veränderte Außentemperatur oder eine längere Tour, bei der der Motor "freigebrannt" wurde. Beides würde zutreffen, die erste Messung fand tatsächlich im deutlich kühleren Dezember statt.

Gutscheine zum Nachtanken von AdBlue

Die positiven Leistungsdaten meines Wagens seien keine Ausnahme, sagt der Mann im Werkstattkittel. Einige Kunden hätten ihre Autos vor und nach dem Software-Update zur Überprüfung vorgeführt. Bei keinem sei die Leistung gesunken.

"Gab es dafür andere Probleme?", frage ich. Er hätte von seinen Branchenkollegen gehört, dass Fahrer von AdBlue-Modellen über einen erhöhten Verbrauch des Harnstoffs zur Stickoxid-Reinigung klagten, erwidert der Mann. Andere hätten Probleme mit ihren Abgas-Rückführungs-Ventilen (AGR). Viele würden sich nach dem Software-Update so stark durch Rußablagerungen zusetzen, dass sie ausgetauscht werden müssten. Zur Verschmutzung der AGR-Ventile kann es kommen, wenn die Abgasreinigung auch bei niedrigen, nicht optimalen Temperaturen arbeitet. Dann steigt die Zahl der Rußpartikel an, ein schmieriger Film entsteht, der sich im Abgasreinigungssystem absetzt.

VW kennt beide Probleme und handhabt sie kulant. Auf Anfrage teilt der Konzern mit, dass betroffene Fahrer eines Autos mit AdBlue-Tank mit mehreren Gutscheinen für kostenlose Füllungen versorgt wurden. Auch wenn Volkswagen keinen Zusammenhang zwischen den defekten AGR-Ventilen und dem Software-Update sieht, werden die Fälle kulant gehandhabt, teilt der Konzern mit. Ich hoffe trotzdem, mein Touran bleibt davon verschont.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert, um sicherzugehen, dass VW den Kollegen nicht anders behandelt als andere betroffene Kunden.

Aufgezeichnet von Margret Hucko

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