Protokoll des VW-Rückrufs, Teil 15 Die wundersame Ölvermehrung

VW hat im großen Stil bei den Abgaswerten betrogen. Einen der betroffenen Wagen fährt Michael Müller. Nach dem Software-Update macht sein Touran Ärger.

Dieselmotor vom Typ EA189 in einem VW Touran (Symbolbild)
DPA

Dieselmotor vom Typ EA189 in einem VW Touran (Symbolbild)


Michael Müller* ist SPIEGEL-Mitarbeiter. Er fährt einen VW Touran 1,6 TDI mit 105 PS, Baujahr 2011. Sein Wagen ist mit der betrügerischen Software des VW-Konzerns ausgestattet und musste nachgebessert werden. In loser Folge berichtet er für SPIEGEL ONLINE, wie VW jetzt mit seinen Kunden umgeht. Was zuletzt geschah, lesen Sie hier.

Für meinen Touran und mich sollte der Abgasskandal eigentlich seit mehr als einem Jahr erledigt sein. Im Februar 2017 suchte ich die Vertragswerkstatt meines Vertrauens auf und ließ die Betrugssoftware überspielen. Doch die "Dieselthematik", wie VW die Täuschung der Kunden öffentlich verniedlicht, holt mich immer wieder ein.

Nach Pfingsten plant meine Heimatstadt Hamburg Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge, von denen mein Touran trotz Softwareupdate betroffen wäre. Aber nicht nur das: Auch die Technik bereitet mir zusehends Kopfzerbrechen.

Immer mal wieder checke ich meinen Wagen durch, überprüfe, ob noch genügend Scheibenwaschwasser vorhanden und der Motorölstand in Ordnung ist. Meine letzte Prophylaxe ergab einen Befund, der mich stutzen ließ: Das Motoröl schien nicht weniger, sondern mehr geworden zu sein. Der Peilstab zeigte einen Stand leicht über Maximum. Wie kam es zu dieser wundersamen Ölvermehrung? Vor dem Softwareupdate, bei dem auch die Einspritzung des Kraftstoffes neu programmiert wurde, besaß ich dieses Problem nicht.

Gut klang das alles wirklich nicht

Mein laienhafter Erklärungsversuch verhieß nichts Gutes:

Ist die Zylinderkopfdichtung kaputt? Läuft nun Kühlwasser ins Öl? Droht am Ende vielleicht sogar ein Motor- und damit ein Totalschaden meines Touran?

Ich überprüfte den Öleinfülldeckel. Doch es klebte kein weißgelber Schaum daran, der für gewöhnlich auf eine defekte Zylinderkopfdichtung hindeutet. Hilfe erhoffte ich mir von einer Suche via Google. Die Begriffe "Softwareupdate", "Motorölstand", "Probleme" brachten mich zu einem Forum, in dem mehrere Teilnehmer über einen erhöhten Motorölstand nach dem Softwareupdate diskutierten. Ich war offenbar nicht alleine mit meinen Sorgen.

Auf der Mitgliederseite des ADAC fand ich dann eine plausible Erklärung für einen gestiegenen Ölstand bei Dieselfahrzeugen mit Partikelfiltern. Mein Touran litt offenbar an Ölverdünnung, die besonders häufig im Kurzstreckenbetrieb auftritt. Ursache für das Phänomen, das gefährliche Folgen für den Motor haben kann, ist laut ADAC die Regeneration des Rußfilters. Ist dieser fast voll, reinigt er sich selbst. Im Wesentlichen verbrennen die Partikel zu CO2.

Doch die Selbstreinigung des Filters bei Dieselmotoren, die nur bei niedriger Geschwindigkeit oder auf kurzen Strecken gefahren werden, ist schwierig. Sie erreichen nicht die nötige Temperatur, um den Prozess aus eigener Kraft in Gang zu setzen und benötigen Hilfe.

Eine zusätzliche Einspritzung an Kraftstoff soll die Abgastemperatur vorübergehend erhöhen, um den Filter freizubrennen.

Weil die zusätzliche Kraftstoffeinspritzung nach dem oberen Totpunkt erfolgt, also dann, wenn der Kolben sich bereits auf dem Weg nach unten befindet, landet eine nicht unerhebliche Menge Diesel unverbrannt an der Zylinderwand statt die Kolbenmulde zu treffen - und gelangt dabei ins Motoröl.

Zugegeben: Mein Touran wird eigentlich nie richtig warm, meine Frau nutzt ihn hauptsächlich für den kurzen Arbeitsweg. Gut klang das Ergebnis meiner Recherche nicht. Deshalb rief ich sicherheitshalber in meiner Fachwerkstatt an. Dort gab der Kundenbetreuer erst mal Entwarnung: Wenn das Motoröl das Maximum nicht deutlich überschreite, bestünde keine Gefahr für den Motor, sagte er mir. Eine Ölverdünnung von zehn Prozent gilt als unbedenklich.

Ich schaue genauer hin

Er schlug vor, entweder den Ölwechsel vorzuziehen oder eine längere Strecke zu fahren, um den Partikelfilter ordentlich freizubrennen. Da allein das Öl für den Wechsel 80 bis 90 Euro kostet, versuchte ich es mit einer ohnehin geplanten 400-Kilometer-Autobahntour. Als ich anschließend das Motoröl kontrollierte, hatte der Stand zumindest nicht zugenommen, eher hatte er minimal abgenommen.

Bei meinen älteren Autos war ich früher froh, wenn der Ölstand nicht zu niedrig war, heute bin ich erleichtert, wenn er nicht zu hoch ist. Meine Sensibilität für die Autotechnik scheint nach dem Update gestiegen. Ich schaue genauer hin.

Eine Anfrage bei VW, ob auch andere Kunden über einen erhöhten Motorölstand nach dem Softwareupdate klagten, wurde verneint. "Beschwerden dieser Art liegen nicht vor", sagte ein Pressesprecher.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert, um sicherzugehen, dass VW den Kollegen nicht anders behandelt als andere betroffene Kunden.

Aufgezeichnet von Margret Hucko

Mehr zum Thema


insgesamt 85 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
exHotelmanager 21.05.2018
1. Wie wichtig doch
die richtige Wahl des Fahrzeuges für den geplanten Einsatz ist. Wer einen Diesel nur für gelegentliche Kurzstrecke beschafft, sollte sich nicht beim Hersteller beschweren.
ratx 21.05.2018
2. Kurzstrecken !
"der Motor wird eigentlich nie richtig warm". Für die überwiegende Nutzung auf Kurzstrecken hat der Autor schlichtweg die falsche Motorisierung. Da leiden nicht nur Mtor, Partikelfilter und Umwelt. Ganz unabhängig vom Betrug bei den Abgaswerten durch VW.
jasper366 21.05.2018
3.
Ich hatte gehofft das unsägliche 'Serie' inzwischen eingestellt wäre. Diese 'Ölvermehrung' hat mit dem Softwareupdate nur am Rande zu tun, wenn überhaupt. Wie der Werkstattleiter schon sagte, Das passiert bei Dieselfahrzeugen mit DPF die nicht 'Artgerecht' bewegt werden, sprich nicht warm werden und dadurch nur schwer regenerieren können. Das betrifft alle Hersteller. Nissan hat aus diesem Grund bei meinem alten Fahrzeug z.B. den Ölwechselintervall von 30.000 km / alle 2 Jahre für Fahrzeuge ohne DPF auf 15.000 km / 1 Jahr für Fahrzeuge mit DPF herabgesetzt.
bostonshaker 21.05.2018
4. Kurzstrecke mit dem Diesel...
Sehr fein! Da hat der Autor doch vor dem Autokauf mal richtig überlegt. Und nun wundert er sich ob der technischen Probleme... Gab es die wundersame Ölvermehrung vielleicht auch schon vor dem update? Nur war es da vielleicht weniger offensichtlich, weil gleichgültig?
RalfBukowski 21.05.2018
5. Das Problem wird ja auch gleich erklärt
"Zugegeben: Mein Touran wird eigentlich nie richtig warm, meine Frau nutzt ihn hauptsächlich für den kurzen Arbeitsweg." Das ist ja nun für keinen Motor gut, für einen relativ modernen Diesel um so schlimmer (weil die eh immer Probleme haben, auf Temperatur zu kommen). Bei dem Fahrprofil wäre ein Diesel eher die letzte Wahl. Ich will jetzt gar nicht mit dem Fahrrad kommen, denke aber mal, dass zumindest ein Benziner richtiger (oder: Weniger falsch) wäre. Diesel-Update hin oder her.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.