VW-Abgasaffäre Mann, sind wir blauäugig!

Größer, stärker, sparsamer? Diesen Widerspruch schien die Automobilindustrie zuletzt durch neue Technologien überbrückt zu haben. Wir haben ihr gern geglaubt. Jetzt entlarvt die VW-Affäre den faulen Zauber. Zeit für ein paar unbequeme Wahrheiten.

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Auslaufmodell SUV: Die Produktpalette der Hersteller ist nicht zeitgemäß
Corbis

Auslaufmodell SUV: Die Produktpalette der Hersteller ist nicht zeitgemäß


Ich bewege privat von Zeit zu Zeit einen Mercedes 300 SE von 1987, das Dickschiff der alten Bundesrepublik. Im Lichte der aktuellen Diskussion um frisierte Verbrauchs-, und Abgaswerte habe ich gestern mal in die Betriebsanleitung geschaut, Abschnitt Verbrauchswerte. 9,4 Liter auf der Landstraße, 11,8 bei 120 auf der Autobahn, 13,9 in der Stadt, kombiniert sind es 11,9 Liter auf 100 Kilometer. Das ist natürlich bitter. Aber es ist die Wahrheit.

5 Meter Länge, 1,8 Tonnen Gewicht, 180 PS aus drei Litern Hubraum verteilt auf sechs Zylinder - die Parameter der alten S-Klasse fordern ihren Tribut. Das ist keine Glaubensfrage, sondern Physik. Wenn man heute in die Betriebsanleitungen schaut, scheinen deren Gesetze ausgehebelt. Nur zwei von vielen Beispielen: Mercedes GL 350, 2,6 Tonnen Gewicht, 258 PS aus drei Litern Hubraum. Beim Blick auf den Verbrauchswert reibt man sich unwillkürlich die Augen: 7,4 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Oder der Audi A 6 Avant: zwei Tonnen Gewicht, 320 PS, 3-Liter Diesel V6. Verbrauch: 6,4 Liter. Das klingt toll. Aber es ist nicht die Wahrheit.

Irgendwann zwischen 1987 und heute müssen Kunden und Konzerne beschlossen haben, sich von den unangenehmen Fakten zu verabschieden, die mit dem Autofahren einhergehen: Dass große, starke Fahrzeuge viel verbrauchen. Und dass der Verbrauchsvorteil von Diesel eine Illusion ist. Dieseltreibstoff hat in Wahrheit einfach einen höheren Energiegehalt als Benzin.

Schöne Etiketten

Der Skandal um die Abgasmanipulationen von VW kam nicht völlig überraschend. Schon seit Jahren gibt es Studien und Berichte über immer weiter auseinanderklaffende Werte zwischen Werksangaben und Wirklichkeit bei Verbrauch und Abgasausstoß. Jeder Neuwagenkunde kann diese Kluft beim ersten Tankstopp bezeugen. Es hat anscheinend nur bislang niemanden interessiert.

Gezielte Verdrängung könnte man das nennen, sie scheint ein Phänomen unserer Zeit zu sein. "Designed in California. Made in China" steht auf den iPhones. Hängen bleibt aber nur "California". Dass die Geräte in Sweatshops in China unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammengebastelt werden, wissen alle und wollen es doch nicht wissen.

Genauso ist es bei den Autos. Wir fahren mit tonnenschweren Offroad-Vehikeln durch die Innenstädte und beruhigen unser Gewissen damit, dass auf der Hecklappe ein irgendwie gut klingendes Technologie-Label prangt. "BlueMotion", "Bluetec", "Skyactive", diese Beinamen geben die Hersteller ihren Motoren. Es klingt nach blauem, unverpestetem Himmel. Und wir wollen es glauben. Mann, sind wir blauäugig.

Und die Hersteller? Sie haben, vermutlich unter dem Druck zunehmend strengerer Abgasgrenzwerte, irgendwann damit begonnen, Verbrauchsversprechen zu geben, die nicht ganz der Wahrheit entsprechen. Ein fataler Fehler. Denn die Gesetze des Mobilmarktes sind nun mal so, dass neue Autos immer ein bisschen größer, stärker und sparsamer sein müssen als das Vorgängermodell. Aber dass größer, stärker und sparsamer Widersprüche sind - das erkennt man eigentlich auch ohne Physikstudium.

Eine Zeitlang konnte man dem Problem mit dem Verbrauch und damit dem Co2-Ausstoß durch neue Technologien begegnen - und schuf sich damit ein anderes: Stickoxidemissionen, vor allem ein Phänomen neuer, effizienterer Dieselmotoren, aber auch der Benzindirekteinspitzer. Gleichzeitig verlangten die Kunden nach immer größeren Autos, den SUV. Abgas- und CO2-Grenzwerte wurden trotz aller Lobbyintervention strenger.

Immer tiefer in Lügen verstrickt

Eine hoffnungslos vertrackte Situation, in der die Hersteller immer öfter zu einem zutiefst menschlichen Mittel griffen: dem Schwindel. Wie jemand, der mit einer Notlüge anfängt, aus der Nummer nicht mehr herauskommt und sich immer tiefer in Lügen verstrickt, haben sie sich in ein System aus Tarnen, Tricksen und Täuschen geflüchtet. Alles unter der schützenden Hand der deutschen Politik, die mit laschen Gesetzen dafür sorgte, dass dabei die Legalität gewahrt blieb.

Doch damit könnte jetzt, angesichts der VW-Affäre, Schluss sein. So wie es aussieht, werden noch weitere Ungereimtheiten ans Licht kommen. Schon geraten die ersten hochmodernen Benzinmotoren wegen hoher Abweichungen vom Normzyklus ins Visier von Prüfbehörden.

Es wäre ein guter Zeitpunkt, um mal innezuhalten und der Realität ins Auge zu sehen: Die aktuelle Produktpalette der Hersteller ist in weiten Teilen nicht mehr zeitgemäß. Sie ist zu dekadent, um den gestiegenen Anforderungen an Umweltverträglichkeit zu genügen. Die Realität ist, dass sich nur mit kleineren, leichteren Autos die geltenden Grenzwerte nicht nur auf dem Prüfstand durch Tricks, sondern auch auf der Straße einhalten lassen. Das ist die bittere Wahrheit. Jetzt müssen sich die Hersteller nur noch trauen, sie auszusprechen. So wie 1987.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Michail Hengstenberg ist Auto-Ressortleiter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Michail_Hengstenberg@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 257 Beiträge
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Seite 1
UhlmannX 25.09.2015
1. Zwei Quellen:
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/ifo-chef-sinn-zur-abgasaffaere-bei-vw-wird-mit-zweierlei-mass-gemessen/12370064.html http://www.handelsblatt.com/suche/ Dirk Müllers Cashkurs Ausmaß der VW-Krise ist lächerlich – und Winterkorns Rücktritt auch Ansonsten: wie bereitwillig die deutschen Medien amerikahörig über unsere Kernindustrie lästern ist schon unglaublich.
hatshepsut 25.09.2015
2. Also wen überrascht das?
Das wird ALLE Hersteller betreffen, nicht nur die Deutschen. Auf verschiedene Art, es hatte nur bisher nie jemanden interessiert. Die Herstellerverbrauchsangaben stimmen hinten und vorne nicht, das weiß jeder, seit Jahren. Es gibt Hersteller die schalten ab 150 effektiv den Kat ab, ist ja nicht Teil des Prüfverfahrens ... Toyotas hochgelobter Dieselpartikelfilter beim ersten Toyota Diesel im Avensis versagt nach einigen tausend Kilometern komplett die Funktion und bleibt funktionslos, das hat keinen interessiert, obwohl Toyota das sogar zugegeben hatte. Also mich überrascht das nicht.
spon_2783632 25.09.2015
3. Wer sollte sich wem anpassen?
Vielleicht sollte sich einfach mal der Grenzwert der Realität anpassen und nicht umgekehrt. Grenzwerte zu beschliessen, die an der Realität vorbei gehen, führen eben zu verfälschten Realitäten. Ich jedenfalls möchte und werde weder ein kleineres noch ein leichteres Auto fahren. Im übrigen kommt man auch auf der Straße zumindest in die Nähe der Verbrauchswerte, die der Hersteller angibt, wenn man entsprechend fährt. Wer das nicht tut oder will, muss damit leben, mehr zu verbrauchen.
janzen1 25.09.2015
4. Chapeau für diesen Artikel!
Auch ich habe den Versprechungen der Automobil-Industrie gern Glauben geschenkt, da ich immer naiv gedacht habe, es gebe so etwas wie deutsche Ingenieurs-Kunst. Aber jeder Diesel-Fahrer, der ich auch bin (OPEL CORSA), weiß, dass das, was hinten aus seinem Auspuff kommt, kein Kölnisch Wasser ist.
Anna Ampel 25.09.2015
5.
Positiv an diesem Abgas- und Verbrauchswerteskandal wäre, wenn die Elektro-Autos endlich die Unterstützung aus Politik und Autoindustrie bekämen, die sie schon längst verdient hätten.
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