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22. September 2015, 18:46 Uhr

VW-Affäre

Teurer Sparzwang

Von mmo-Redakteur

Wie konnte es zum Abgasskandal von Volkswagen in den USA kommen? Wohl auch durch hohen Kostendruck: So hätte ein nur minimal teureres Teil zumindest beim betroffenen Modell Jetta den Schadstoffausstoß entscheidend gemindert.

Volkswagen hat es mit der Sparsamkeit offenbar etwas zu weit getrieben - und ist auch deshalb in das Diesel-Desaster geschlittert: Schon geringe Investitionen in bessere Stickoxid-Filtertechnik hätten dem Autokonzern Experten zufolge den Abgasskandal in den USA zumindest in diesem Ausmaß erspart. Doch lieber manipulierte Volkswagen die Testergebnisse, wie das Unternehmen selbst zugegeben hat.

"Ein größerer Filter beim Jetta hätte kaum Zusatzkosten verursacht", sagte Abgas-Experte Peter Mock vom International Council on Clean Transportation (ICCT) gegenüber manager-magazin.de. Mock rechnet mit Mehrkosten ab 100 Euro pro Fahrzeug, das mit besserer Abgastechnik ausgerüstet ist. Mock und der ICCT hatten den Abgasskandal mit eigenen Messungen mit ins Rollen gebracht. "Technisch ist es kein Problem, die Emissionsstandards einzuhalten", sagt ICCT-Mann Mock. Volkswagen war für eine Stellungnahme dazu zunächst nicht zu erreichen.

Die Niederländische Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung (TNO) geht sogar nur von Mehrkosten in Höhe von 77 Euro für ein Mittelklassefahrzeug aus, das die höchsten europäischen Abgasstandards auf der Straße tatsächlich einhalten soll. Das hat sie in einem Bericht für die Europäische Kommission geschrieben, der manager-magazin.de vorliegt.

Die zuständigen Manager wähnten sich sicher

Stattdessen statteten bisher ungenannte VW-Mitarbeiter die Fahrzeuge mit einer Manipulationssoftware aus. Sie sorgt dafür, dass der Wagen seine Abgassysteme auf dem Prüfstand einschaltet - nicht aber, wenn Autofahrer auf der Straße unterwegs sind.

Der Grund: Im Fall des US-Jetta brauchen die von VW installierten Abgassysteme offenbar selbst enorm viel Sprit, um bei normalem Straßenverkehr immer wieder den vergleichsweise kleinen Schadstoff-Filter zu reinigen. Der dadurch erhöhte Spritverbrauch, so offenbar die Furcht der VW-Manager, hätte wiederum den Absatz ihrer Modelle in den USA einbrechen lassen. Die Zusammensetzung der Abgase dagegen ist für den normalen Autofahrer üblicherweise nicht nachvollziehbar.

Wer auch immer bei Volkswagen den Betrug angeordnet hat - er wähnte sich sicher. Erst außerplanmäßige Nachtests der US-Behörden hatten den Verdacht des ICCT bestätigt, dass es bei zahlreichen Volkswagen-Modellen nicht mit rechten Dingen zugeht.

Das Problem mit dem Harnstoff

Geld bei der Technik zu sparen war aber offenbar nicht die einzige Motivation für den Autohersteller, bei den Abgastests zu betrügen. Während beim Jetta ein größerer Filter wohl genügt hätte, ist die Lage beim Passat vertrackter: Dessen Filtersystem ist auf den Zufluss von Harnstoff ("Ad Blue") angewiesen. Diesen führt der Wagen in einem separaten Tank mit.

Sobald das Abgassystem ordnungsgemäß arbeitet, steigt der Harnstoff-Verbrauch stark an. Deshalb müssten Fahrer die Substanz regelmäßig nachfüllen - was Volkswagen den Kunden offenbar nicht zumuten wollte, genausowenig wie zusätzliche Fahrten in die Werkstatt.

Auch ein größerer Harnstoff-Tank bringt Nachteile mit sich. Allein der zusätzliche Platzbedarf könnte den Komfort einschränken. Das alles war für die zuständigen Volkswagen-Kräfte scheinbar nicht hinnehmbar. Stattdessen rutschte der Konzern in die wohl größte Glaubwürdigkeitskrise seiner Geschichte - und muss sich auf einen Schaden in Milliardenhöhe gefasst machen.

Anm. d. Red: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Harnstofflösung Ad Blue sei eine "stinkende Substanz". Das ist nicht ganz korrekt, Ad Blue ist grundsätzlich geruchlos, kann aber bei Kontakt mit anderen Materialien einen unangenehmen Geruch entwickeln. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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