VW-Affäre Teurer Sparzwang

Wie konnte es zum Abgasskandal von Volkswagen in den USA kommen? Wohl auch durch hohen Kostendruck: So hätte ein nur minimal teureres Teil zumindest beim betroffenen Modell Jetta den Schadstoffausstoß entscheidend gemindert.

Von mmo-Redakteur Nils-Viktor Sorge

Werbung für Rußpartikelfilter (2004): Ein größerer Filter hätte den Volkswagen Jetta nur um 100 Euro verteuert
AP

Werbung für Rußpartikelfilter (2004): Ein größerer Filter hätte den Volkswagen Jetta nur um 100 Euro verteuert


Volkswagen hat es mit der Sparsamkeit offenbar etwas zu weit getrieben - und ist auch deshalb in das Diesel-Desaster geschlittert: Schon geringe Investitionen in bessere Stickoxid-Filtertechnik hätten dem Autokonzern Experten zufolge den Abgasskandal in den USA zumindest in diesem Ausmaß erspart. Doch lieber manipulierte Volkswagen die Testergebnisse, wie das Unternehmen selbst zugegeben hat.

"Ein größerer Filter beim Jetta hätte kaum Zusatzkosten verursacht", sagte Abgas-Experte Peter Mock vom International Council on Clean Transportation (ICCT) gegenüber manager-magazin.de. Mock rechnet mit Mehrkosten ab 100 Euro pro Fahrzeug, das mit besserer Abgastechnik ausgerüstet ist. Mock und der ICCT hatten den Abgasskandal mit eigenen Messungen mit ins Rollen gebracht. "Technisch ist es kein Problem, die Emissionsstandards einzuhalten", sagt ICCT-Mann Mock. Volkswagen war für eine Stellungnahme dazu zunächst nicht zu erreichen.

Supergau für Volkswagen-Chef Martin Winterkorn: Sein Unternehmen hat jahrelang falsche Angaben zum Abgasausstoß seiner Fahrzeuge in den USA gemacht. Etwa 500.000 Autos müssen zurückgerufen werden, es droht eine Strafzahlung von bis zu 18 Milliarden Dollar. Doch damit ist es nicht getan. manager-magazin.de nennt acht Gründe, warum für VW noch viel mehr auf dem Spiel steht.

Grund Nr. 1: Volkswagen hat seine Kunden und die US-Behörden vorsätzlich hinters Licht geführt.

Das hat der Konzern inzwischen eingestanden. Wer intern verantwortlich ist und welche Schuld Konzernchef Martin Winterkorn trifft, wird nun geklärt. Doch es scheint ausgeschlossen, dass die US-Kunden einen derartigen Vertrauensbruch schnell verzeihen. Vielmehr werden sie die Frage stellen: Welchen Angaben von Volkswagen kann ich künftig überhaupt noch glauben?

Grund Nr. 2: In den USA läuft es ohnehin miserabel für Volkswagen.

Anstatt eines Skandals brauchen die Wolfsburger in den Vereinigten Staaten dringend steigenden Absatz. Im Gesamtjahr liegt VW dort mit 238.000 verkauften Autos bisher 2,8 Prozent unter dem Vorjahreswert, obwohl der Markt wächst.

Grund Nr. 3: Volkswagens wichtigstes Verkaufsargument in den USA ist zerstört.

Als Gegenstück zu Toyotas erfolgreichen Hybridautos hatte Volkswagen den "Clean Diesel" erfunden. Saubere und sparsame Dieselautos waren das große Alleinstellungsmerkmal von Volkswagen in den USA. Doch nun muss man wohl von "Dirty Diesel" reden.

Grund Nr. 4: Volkswagen liegt nicht nur mit der Washingtoner Bundesbehörde im Clinch, sondern auch mit der extrem strengen kalifornischen Luftreinhalte-Behörde (im Bild: Chefin Mary Nichols).

Im von Smog geplanten Los Angeles und anderen Teilen des Bundesstaats hat der Kampf gegen tödliche Luftverschmutzung eine lange Tradition. Wer gegen Auflagen verstößt, hat dort das Image eines Brunnenvergifters.

Grund Nr. 5: Die gerade erzeugte Aufbruchstimmung bei Volkswagen ist dahin.

Der Konzern wollte gerade mit neuen Autos und neuen Topmanagern durchstarten. Auf der IAA präsentierte das Unternehmen seine Idee von umweltfreundlichen Autos der Zukunft (im Bild der Audi E-Tron Quattro Concept mit Audi-Chef Rupert Stadler). Zudem hat das Unternehmen gerade wichtige Personalien geregelt. So führt Hans Dieter Pötsch den Aufsichtsrat und Herbert Diess die Marke Volkswagen. Sie müssen sich jetzt als Krisenmanager bewähren.

Grund Nr. 6: Der Skandal wird sich nicht auf die USA beschränken.

Volkswagen hat nun ein generelles Glaubwürdigkeitsproblem. Schon wollen Experten wissen, ob der Konzern auch in Europa oder China getrickst hat, wo Luftverschmutzung tausende Tote im Jahr fordert. Die deutsche Umwelthilfe fordert bereits ein Fahrverbot für Diesel-Autos in Deutschland.

Grund Nr. 7: Außer Strafzahlungen drohen Volkswagen in den USA Klagen in milliardenhohem Streitwert.

Autokäufer, Händler, Aktionäre - bereits einen Tag, nachdem Volkswagen die Manipulationen eingeräumt hat, melden sich vermeintlich Geschädigte zu Wort.

Grund Nr. 8: Volkswagen droht eine Vertrauens-Abwärtsspirale.

Investoren wissen nicht mehr, wie sie die VW-Aktie bewerten sollen. Sie wird faktisch zum Zockerpapier. Das belastet auch die Bonität des Unternehmens.

Die Unsicherheit liegt wie ein dunkler Schatten über Aktie und Unternehmen: Da derzeit niemand beziffern kann, auf welche Summe sich mögliche Strafzahlungen und Folgeschäden - nicht nur in den USA - beziffern, werden viele institutionelle Anleger sehr vorsichtig mit der VW-Aktie sein. Offen ist derzeit auch, welche personellen Konsequenzen der Skandal haben wird und wie er sich auf die Führungsstruktur von Europas größtem Autobauer auswirken wird - zumal das US-Recht auch Gefängnisstrafen für Verstöße gegen die Umweltgesetze vorsehen.

Die Niederländische Organisation für Angewandte Naturwissenschaftliche Forschung (TNO) geht sogar nur von Mehrkosten in Höhe von 77 Euro für ein Mittelklassefahrzeug aus, das die höchsten europäischen Abgasstandards auf der Straße tatsächlich einhalten soll. Das hat sie in einem Bericht für die Europäische Kommission geschrieben, der manager-magazin.de vorliegt.

Die zuständigen Manager wähnten sich sicher

Stattdessen statteten bisher ungenannte VW-Mitarbeiter die Fahrzeuge mit einer Manipulationssoftware aus. Sie sorgt dafür, dass der Wagen seine Abgassysteme auf dem Prüfstand einschaltet - nicht aber, wenn Autofahrer auf der Straße unterwegs sind.

Der Grund: Im Fall des US-Jetta brauchen die von VW installierten Abgassysteme offenbar selbst enorm viel Sprit, um bei normalem Straßenverkehr immer wieder den vergleichsweise kleinen Schadstoff-Filter zu reinigen. Der dadurch erhöhte Spritverbrauch, so offenbar die Furcht der VW-Manager, hätte wiederum den Absatz ihrer Modelle in den USA einbrechen lassen. Die Zusammensetzung der Abgase dagegen ist für den normalen Autofahrer üblicherweise nicht nachvollziehbar.

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"Milli Vanilli der Autoindustrie": Wie die US-Presse über VW urteilt
Wer auch immer bei Volkswagen den Betrug angeordnet hat - er wähnte sich sicher. Erst außerplanmäßige Nachtests der US-Behörden hatten den Verdacht des ICCT bestätigt, dass es bei zahlreichen Volkswagen-Modellen nicht mit rechten Dingen zugeht.

Das Problem mit dem Harnstoff

Geld bei der Technik zu sparen war aber offenbar nicht die einzige Motivation für den Autohersteller, bei den Abgastests zu betrügen. Während beim Jetta ein größerer Filter wohl genügt hätte, ist die Lage beim Passat vertrackter: Dessen Filtersystem ist auf den Zufluss von Harnstoff ("Ad Blue") angewiesen. Diesen führt der Wagen in einem separaten Tank mit.

Sobald das Abgassystem ordnungsgemäß arbeitet, steigt der Harnstoff-Verbrauch stark an. Deshalb müssten Fahrer die Substanz regelmäßig nachfüllen - was Volkswagen den Kunden offenbar nicht zumuten wollte, genausowenig wie zusätzliche Fahrten in die Werkstatt.

Auch ein größerer Harnstoff-Tank bringt Nachteile mit sich. Allein der zusätzliche Platzbedarf könnte den Komfort einschränken. Das alles war für die zuständigen Volkswagen-Kräfte scheinbar nicht hinnehmbar. Stattdessen rutschte der Konzern in die wohl größte Glaubwürdigkeitskrise seiner Geschichte - und muss sich auf einen Schaden in Milliardenhöhe gefasst machen.

Anm. d. Red: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Harnstofflösung Ad Blue sei eine "stinkende Substanz". Das ist nicht ganz korrekt, Ad Blue ist grundsätzlich geruchlos, kann aber bei Kontakt mit anderen Materialien einen unangenehmen Geruch entwickeln. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



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