VW-Manipulation in den USA Der schmutzige Trick mit den Abgaswerten

Volkswagen hat die amerikanische Umweltbehörde mit geschönten Abgaswerten getäuscht. Doch wie funktioniert das eigentlich?

Vernebelungstaktik: VW hat in den USA bei den Abgaswerten manipuliert
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Vernebelungstaktik: VW hat in den USA bei den Abgaswerten manipuliert

Von und Jürgen Pander


Wie hat VW die Autos in den USA manipuliert?

Aufgedeckt haben den VW-Skandal Forscher vom International Council on Clean Transportation (ICCT). Die Wissenschaftler hatten einen VW Passat und einen VW Jetta untersucht. Dabei stellten sie fest, dass die Autos über eine Software verfügten, die erkannt hat, ob Autos behördlichen Tests unterzogen werden oder im Normalbetrieb unterwegs sind. So wurde die Abgasbehandlung beim normalen Fahren ausgeschaltet und nur bei Abgastests aktiviert. Der Stickoxid-Grenzwert ist in den USA deutlich schärfer als in Europa. Dürfen Dieselfahrzeuge hierzulande 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer rauspusten, sind in den USA nur 40 Milligramm pro Meile (1,6 Kilometer) erlaubt. Stickoxide reizen und schädigen die Atemwege von Menschen.

Warum wollte VW die Abgasbegrenzung ausschalten?

Beim Passat sorgt normalerweise ein Katalysator mit Harnstoffeinspritzung dafür, die gefährlichen Stickoxide zu reduzieren. VW hatte die Funktion allerdings durch die Software im Alltag lahmgelegt, sodass entweder wenig oder gar kein Harnstoff im realen Betrieb injiziert wurde. Durch den synthetischen Harnstoff wird das gefährliche NOx in harmlosen Stickstoff und Wasser umgewandelt. Auch beim VW Jetta wurde die Funktion des NOx-Speicherkatalysators gestört. Stickoxide lagern bei diesem System auf einer Speicheroberfläche. Ist diese ausgeschöpft, wird der Katalysator regeneriert. Wer auf die Abgasreinigung verzichtet, spart nebenbei ein wenig Sprit und hat auch mehr Leistung zur Verfügung.

Wie funktioniert der Abgastest in den USA?

In den USA gibt es gleich fünf Tests, um die Abgaswerte von Fahrzeugen zu ermitteln. Einer davon ist das sogenannte FTP 75 (Federal Test Procedure), das dem europäischen Fahrzyklus unter Laborbedingungen noch am nächsten kommt. Es simuliert eine zügige Fahrt aus einem Vorort in die Stadt. Der große Unterschied zwischen den USA und Europa ist jedoch, dass in den USA Nachtests stattfinden. Statt sich nur auf Laborwerte zu verlassen, untersucht die US-Umweltschutzbehörde Epa die Abgaswerte im alltäglichen Straßenbetrieb. Nur so konnte der VW-Betrug überhaupt auffliegen.

Werden in Europa auch die Abgaswerte geschönt?

Das Forschungsinstitut ICCT hat im vergangenen Jahr auch Diesel-Pkw in Europa untersucht. Mit dem Ergebnis: Diese Fahrzeuge hatten bis zu siebenmal so viele Stickoxide ausgestoßen wie nach der gültigen Abgasnorm Euro 6 erlaubt war. Nach eigenen Angaben hatten die Forscher 15 moderne Dieselfahrzeuge von unterschiedlichen Herstellern untersucht. Der große Unterschied zu dem VW-Skandal in den USA? Die Grenzwertüberschreitung kam nicht durch eine verbotene "Abschalteinrichtung" zustande, sondern durch legale Tricks der Autobauer. Schuld daran habe laut ICCT der europäische Testzyklus NEFZ, der realitätsfern sei.

Wie wird in Europa getestet?

In Europa werden die Abgaswerte durch den sogenannten NEFZ-Testzyklus ermittelt. Dieser findet unter Laborbedingungen satt, die Umweltschützer als realitätsfern kritisieren. So dürfen die Hersteller ihre Fahrzeuge in der spärlichsten Ausstattung auf den Prüfstand fahren oder mit schmalen Reifen ausstatten, die besonders gut rollen. Auch beim NEFZ erkennt eine Software, dass das Fahrzeug gerade auf einem Prüfstand unterwegs ist und nicht auf der Straße, sagt Axel Friedrich, Gründungsmitglied von ICCT. Das Auto verfällt in den Spritsparmodus. Deshalb weichen die vom Hersteller angegebenen Verbräuche von denen in der Praxis um durchschnittlich 25 Prozent ab. Schon seit Jahren setzen sich Umweltverbände für realitätsnähere Tests ein. Derzeit bereitet die Europäische Kommission die Einführung von Straßentests für Pkw-Neuzulassungen vor.

Welche Automodelle sind von dem Skandal betroffen?

Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA sind in den USA 482.000 Fahrzeuge aus dem VW-Konzern mit 2-Liter-Dieselmotor von der Manipulation betroffen. Im Einzelnen sind das VW Jetta (ab Baujahr 2009), VW Golf (ab Baujahr 2010), Audi A3 (ab Baujahr 2010), VW Beetle (ab Baujahr 2012), VW Passat (ab Baujahr 2013).

Sind auch in Europa Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigung wie in den USA im Einsatz?

Bisher haben Volkswagen und Audi nur zugegeben, bei 482.000 Diesel-Pkw in den USA getrickst zu haben. Umweltverbände wie die Deutsche Umwelthilfe vermuten aber, dass VW und andere Autohersteller auch in Europa Abschalteinrichtungen bei der Abgasreinigung einsetzen. Beweise dafür gibt es jedoch nicht.



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Seite 1
klausstenzel 22.09.2015
1. Dieselautos in USA
Vollkommen idiotisch in den USA ueberhaupt Diesel PKW anzubieten. V.a. weil Diesel dort teurer ist als Benzin, das spottbillig ist. Der Verbrauchsvorteil ist aufgrund der Tempo Limits auch nur marginal. Lohnt sich fuer einen Kaeufer rein gar nicht und wird daher auch nicht gekauft. Die einzigen Diesel, die in den USA gut gehen, sind die dicken Dodge RAM V8 Super Heavy Duty. Aber das sind per se LKW's und da gelten andere Normen. Und dann auch noch bescheissen, um ein paar Tausend TDI's zu verkloppen... Man koennte fast glauben, dass man als Manager einen gewissen IQ nicht ueberschreiten darf. Unfassbar.
jufo 22.09.2015
2. Diesel PKW Auslaufmodelle?
Die Abgasnachbehandlung ist bei kleinen Dieselmotoren vermutlich zu aufwendig. Volkswagen hätte den Amis TSI verkaufen sollen. Im Teillastbereich auf den Highways sollten die recht sparsam sein. Rußen eventuell ein bisschen aber das tut der Kamin im Wohnzimmer auch - Feinstaub halt. Ich denke in Deutschland machen Diesel keinen Sinn mehr, Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen wirkt auch spritsparend. Gruß aus der (überteuerten weil Tarifgrenze und mäßig zuverlässigen) S-Bahn
dont_think 22.09.2015
3.
Wie naiv muss man eigentlich sein, zu glauben, diese Werte seien nicht geschönt? So dumm sind selbst diese westlichen Primaten nicht. Im Gegensatz zu ihren eigenen Fahrzeugen ist es immerhin möglich, diese Software überhaupt zu installieren, ohne dass die Kiste abkackt. Amerikanische Behörden sind sich für nichts zu schade, Hauptsache, es nützt der Innenwirtschaft. Wie war das noch gleich mit dem geplanten TTIP-Abkommen?
kalliamsee 22.09.2015
4. Getäuscht?
...ich finde das ist vorsätzlicher Betrug und zudem noch an tausende Kunden. Aber das wird mit Sicherheit nur die Spitze des Eisbergs sein und nicht nur in den USA . Hier in D. gibt es wieder nur ein böses Du du du..., keiner der Verantwortlichen nimmt seinen Hut und Schwam drüber. Dafür ist VW einfach zu Mächtig und sponsert ja auch Politiker. ;-)
JerryKraut 22.09.2015
5. Die dunkle Seite des
Shareholder Value - eine amerikanische Erfindung. Eine amerikanische Erfindung ist auch hart durchzugreifen - siehe anderen Spiegel-Artikel über Chef einer Erdnuss-Firma, der 28 Jahre in den Knast muß - wenn Schweinereien passieren. Das lob ich mir. In Deutschland ist Verbraucherschutz in Wirklichkeit Herstellerschutz. Ich hoffe der größenwahnsinnige VW-Konzern, der sich als Premium-Hersteller geriert anstatt bezahlbare Autos für Otto-Normalverdiener herzustellen, wie früher, wird jetzt ordentlich zurechtgestutzt. Was? Das kostet Arbeitsplätze? Ja bitte - in den Chef-Etagen.
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