Protokoll des VW-Rückrufs, Teil 8 "Tschuldigung, aber das ist doch Realsatire"

Volkswagen hat mit der Reparatur der Skandalautos begonnen. Auch Michael Müller fährt einen Wagen mit erhöhten Abgaswerten. Er stellt fest: Bei der Kundenbetreuung macht man sich die Sache verdammt leicht.

Leistungsmessung beim VW Touran - VW will die Kosten nicht übernehmen
Spiegel Online

Leistungsmessung beim VW Touran - VW will die Kosten nicht übernehmen


Michael Müller* ist SPIEGEL-Mitarbeiter. Er fährt einen VW Touran 1,6 TDI mit 105 PS, Baujahr 2011. Sein Wagen ist mit der betrügerischen Software des VW-Konzerns ausgestattet und muss nachgebessert werden. In loser Folge berichtet er für SPIEGEL ONLINE, wie VW jetzt mit seinen Kunden umgeht.

In dieser Woche habe ich Post von VW bekommen - endlich. Seit Beginn des Abgasskandals sind nun mehr als fünf Monate vergangen, gehört hatte ich bis dato nichts: weder von meiner Werkstatt noch von Volkswagen selber.

Nun liegt der Brief, auf den 2,5 Millionen VW-Fahrer in Deutschland gewartet haben, vor mir. Als Absender steht im Briefkopf: Volkswagen Verbraucherschutz. Tschuldigung, aber das ist doch Realsatire. VW muss mich nicht schützen. Eher brauche ich jemanden, der meine Rechte gegenüber VW geltend macht.

Die wesentlichen Informationen folgen erst im letzten Absatz. Der Rückruf für meinen Touran beginnt in der Kalenderwoche 36, also ab dem 5. September. Ich hoffe, dass VW bis dahin tatsächlich die Nachbesserungen im Griff hat. In zwei Meldungen aus der vergangenen Woche war nämlich von Problemen bei den derzeit anstehenden Software-Updates für den Pick-up Amarok und den VW Passat die Rede.

Anruf bei der VW Kundenbetreuung

Die Fachzeitschrift "Auto Motor und Sport" hatte zwei Amarok vor und nach dem Software-Update testen lassen. Mit dem Ergebnis: Für die Kunden brachte der Werkstattaufenthalt offenbar nur Nachteile.

Der Verbrauch der Amarok-Modelle stieg an, während die Stickoxid-Emissionen gleich blieben. Sollte das wirklich stimmen, hätte VW damit einen klassischen Fehlstart beim Rückruf hingelegt. Nun sollen ab der kommenden Woche die Passat-Modelle nachgebessert werden. Doch Verkehrsministerium und Kraftfahrt-Bundesamt, die im Verdacht stehen, manchmal ein Auge zuzudrücken, sehen nun offenbar noch Diskussionsbedarf. Womöglich droht dem Update eine Verzögerung.

Als Kunde bleibt einem leider keine andere Wahl, als auf den Hersteller zu vertrauen. Denn nach der Reparatur besteht kaum eine Chance, das Ergebnis zu überprüfen. Zwar hatte ich ja meinen Touran einer Messung in einer Bosch-Werkstatt unterzogen, aber dort wurden nur die Leistung und das Drehmoment ermittelt, nicht aber der Verbrauch. Aber immerhin!

Im Schreiben zum Rückruf steht eine Telefonnummer für die Kundenbetreuung, die habe ich angerufen. "Mich beunruhigen die Messergebnisse von "Auto Motor Sport" beim Amarok", sage ich der Dame am anderen Ende der Leitung zur Begründung meines Anliegens. "Glauben Sie nicht, was die Presse schreibt", antwortet mir die Dame. Die Nachmessungen der Fachzeitschrift seien völlig irrelevant.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert, um sicherzugehen, dass VW den Kollegen nicht anders behandelt als andere betroffene Kunden.

Aufgezeichnet von Margret Hucko

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insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
gerhard.heinzmann 27.02.2016
1. Abgaswerte bei VW Diesel Motoren
Ich fahre selbst einen Skoda TDI und habe den im Artikel erwähnten Brief diese Woche auch erhalten. Warum die ganze Aufregung? Es interessiert mich nicht welche Abgaswerte mein Auto hat da ich dies ohnehin nicht selbst kontrollieren kann. VW hat mit modernen Methoden (Software und Hardware) Abgaswerte erreicht die unter definierten Bedingungen (Prüfstand) getestet werden. Genauso wird auch ein durchschnittlicher Kraftstoffverbrauch ermittelt und jeder halbwegs intelligente Autofahrer sollte wissen dass er diesen Wert im Alltag nicht erreichen wird. Genauso wenig wie die Abgaswerte wenn er z. B. immer nur Kurzstrecken fährt wo der Motor nicht richtig warm wird (erst dann erreicht er optimale Verbrennungsbedingungen). "So what" wie der Amerikaner sagt; wenn nicht unbedingt notwendig werde ich an meinem Fahrzeug keine Veränderungen vornehmen lassen deren Resultat ich nicht überprüfen kann. Ich bin mit meinem Skoda vollkommen zufrieden so wie er ist. Ich GLAUBE einfach nicht daran dass er zuviel Abgase ausstösst und mache mir das Leben damit einfach.
crewmitglied27 27.02.2016
2. Die Berichterstattung...
...zum Thema ist ein Trauerspiel. 1. Kein Fahrzeug, egal von welchem Hersteller, erreicht die angegebenen Verbrauchswerte, deshalb sind auch bei jedem anderen Hersteller als VW die Abgaswerte falsch. 2. Die Kunden (auch die Leser sind Kunden) werden überhaupt nicht gefragt, was sie wollen. Statt dessen wird hier eine Sau durch´s Dorf getrieben und ein Hersteller verteufelt und den Amerikanern zum Fraß vorgeworfen. 3. Ich möchte meinen VW, so wie er ist, behalten. Das Ding läuft astrein, verbraucht wenig und ich hatte bis heute (Kilometerstan 110Tsd) noch nichts dran.
spon-facebook-10000239462 27.02.2016
3. Die Physik lässt sich nicht betrügen.
Wenn ich höhere Leistung bei gleichbleibendem Verbrauch wünsche, muss die Abgastemperatur steigen, woduch gleichzeitig der Stickoxidanteil steigt. Weniger Verbrauch bei gleicher Leistung heisst ebenfalls höhere Verbrennungstemperatur bei Anstieg der Stickoxide. Weniger Stickoxide heisst geringere Verbrennungstemperatur im Motor bei weniger Leistung und höherem Verbrauch. Ein Verbrennungsmotor arbeitet nach dem Carnot Prozess (siehe Wikipedia). Solange unsere Politik Gesetzesvorschriften völlig frei von Fachwissen erläßt und unsere Firmenbosse willfährig folgen, müssen es die Kunden halt ausbaden. Der Rückruf wird zeigen, dass niedrigere Stickoxidwerde entweder mit Leistungseinbußen oder höherem Verbrauch erkauft werden müssen. Die Lösung mittels Softwareupdate halte ich für reine Augenwischerei - man hat ja was gemacht. Gibt es denn schon Fahrzeuge, bei denen vorher/nachher gemessen wurde und alles wie versprochen funktioniert hat? Mir ist keins bekannt.
dirk1962 27.02.2016
4. Natùrlich tut sich VW schwer
....ein zweifelhaftes technisches Konzept seiner Motorentechnik im nach hinein auf den Stand der Technik zu bringen. Das ist jedem Ingenieur klar. Es wird doch niemand ernsthaft glauben, dass der Konzern seine Existenz riskiert hätte, wenn es eine andere technische Möglichkeit gegeben hätte.
was..soll..das?? 27.02.2016
5. was kriegen...
wir deutsche und unsere mit Milliarden aufgepäppelte Industrie im internationalen Vergleich auf die Reihe und wie sieht die Innovationsfähigkeit und damit mit dem Standort Deutschland aus und dessen Zukunft? Ich habe das Gefühl dass unser Land nicht weiterentwickeln will und einfach immer nur Angst hat. Dies würde passen, wenn es einem zu gut geht. Das wäre auch mal ein interessanter Bericht.
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