Abgasaffäre bei VW Was wir bisher wissen - und was nicht

Die VW-Affäre um manipulierte Abgastests ist kaum zwei Tage alt und schon von einem solchen Ausmaß, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Hier gibt es die wichtigsten Fakten.

VW mit schmutzigen Tricks: In den USA manipulierte der Konzern Abgaswerte
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VW mit schmutzigen Tricks: In den USA manipulierte der Konzern Abgaswerte

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Was wir wissen:

  • Volkswagen hat bei den Abgasmessungen getrickst

Volkswagen hat in den USA im großen Stil Abgasmessungen bei seinen Fahrzeugen manipuliert. Aufgefallen war das durch Nachtests der US-Umweltbehörde (Epa). Diese hatte einen Tipp vom renommierten Forschungsinstitut ICCT (International Council on Clean Transportation) aus Deutschland bekommen. Während die mit dem Dieseltriebwerk vom Typ EA-189 ausgestatteten Fahrzeuge beim regulären Abgastest unter Laborbedingungen keine Auffälligkeiten zeigten, lag der Schadstoffausstoß bei den Nachtests unter realen Bedingungen deutlich höher, teils um das 35-fache höher als erlaubt.

  • Volkswagen hat die Manipulation zugegeben
Erklären lässt sich dieses Abgasverhalten durch den Einsatz spezieller Software. Diese erkennt, wenn sich das Fahrzeug auf einem Prüfstand befindet und optimiert die Parameter von Motor und Getriebe auf die Testsituation. VW hat den Einsatz dieser Software zugegeben, elf Millionen Motoren mit dieser Steuerung sind bei Volkswagen verbaut worden.

  • So funktioniert die Trickserei auf dem Prüfstand

Eine automatische Erkennung von Prüfstandsituationen ist bei aktuellen Fahrzeugen problemlos möglich, da eine Vielzahl von Sensoren in den Autos verbaut ist. Der Gierratensensor, der zum Beispiel für das ESP wichtig ist und Bewegungen des Fahrzeughecks mit Lenkeingaben verknüpft und meldet, wenn das Auto ins Schleudern gerät, merkt, wenn sich das Lenkrad nicht bewegt, obwohl die Räder auf den Rollen des Prüfstands beschleunigen.

  • Das waren die Folgen im Alltagsbetrieb
Die schlechten Abgasergebnisse kamen laut Recherchen des ICCT, zumindest bei den Modellen Passat und Jetta, dadurch zustande, dass die Abgasnachbehandlung im Realbetrieb durch die Steuerungssoftware drastisch heruntergefahren wurde. Beim Passat wird das Abgas durch das Einspritzen von Harnstoff (AdBlue) gereinigt, durch den die Stickoxide zu Wasser und Stickstoff umgewandelt werden. Bei den US-Fahrzeugen von Volkswagen aber wurde diese Harnstoffeinspritzung offensichtlich gezielt unterdrückt. Der Jetta verfügt über eine andere Technik. Beim sogenannten NOx-Speicherkatalysator lagern sich die Stickoxide auf einer Oberfläche ab. Ist diese voll, wird der Katalysator während der Fahrt durch eine zusätzliche Kraftstoffeinspritzung regeneriert. Diese Regeneration fand im realen Betrieb nur teilweise oder gar nicht statt.

  • Die unmittelbaren Auswirkungen für den Konzern

Der Skandal wird für VW teuer. Die VW-Aktie war am Montag um 18,6 Prozent eingebrochen und gab auch am Dienstag weiter nach. Darüber hinaus drohen allein in den USA Strafzahlungen in Höhe von bis zu 18 Milliarden Dollar, Rückrufkosten und Regressansprüche enttäuschter Kunden und Aktionäre. VW stellte daraufhin im dritten Quartal 6,5 Milliarden zurück und gab eine Gewinnwarnung raus.

Was wir nicht wissen:

  • Was sind die tatsächlichen Kosten für den Konzern?

Da VW bereits angekündigt hat, mit den Behörden zu kooperieren, halten Fachleute den von der Epa genannten Betrag in Höhe von 18 Milliarden Dollar für theoretisch. Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach rechnet damit, dass eher ein Betrag von mehreren Hundert Millionen Dollar oder ein Betrag im knappen Milliardenbereich fällig wird.

  • Wie viele Fahrzeuge sind tatsächlich betroffen?

VW hat zugegeben, in den USA 482.000 Autos der Marken Audi und VW manipuliert zu haben. Der Konzern beziffert die Zahl der möglicherweise betroffenen Fahrzeuge jedoch weltweit auf bis zu elf Millionen. Interne Prüfungen hätten ergeben, dass die Software zur Manipulation der Abgaswerte in deutlich mehr Fahrzeugen eingebaut ist als bisher bekannt, teilte VW mit. Bei der Mehrheit dieser Motoren habe die Software allerdings keinerlei Auswirkungen.

  • Setzen andere Hersteller vergleichbare Technologien ein?

Es gibt immer wieder Gerüchte über die sogenannten Prüfstandmodi, doch selbst Einrichtungen, die regelmäßig Tests durchführen, wie beispielsweise der ADAC, haben bislang keine stichhaltigen Beweise dafür finden können. Testfahrten des ICCT im Alltagsbetrieb, bei denen auch bei anderen Herstellern große Abweichungen festgestellt wurden, legen den Einsatz derlei Werkzeuge zumindest nahe.

  • Warum hat VW überhaupt manipuliert?
Dafür gibt es zwei Theorien. Beide haben mit Kundenfrust zu tun:

Höherer Spritverbrauch - Abgasreinigung geht immer zulasten des Verbrauchs. Weil sämtliche Reinigungssysteme im Auspufftrakt sitzen, den Abfluss der Abgase behindern, mindern sie außerdem die Leistung.

Komfort - Der zur Abgasreinigung nötige Harnstoff wird in der Regel bei der Inspektion durch die Werkstatt aufgefüllt. Andernfalls müssen die Kunden ihn selber tanken. Die USA sind in dieser Hinsicht doppelt benachteiligt: Zum einen sind die Entfernungen lang, die Nachfüllintervalle entsprechend kürzer. Gleichzeitig ist das Netz an Harnstoff anbietenden Tankstellen dort extrem löchrig. Hinzu kommt, dass erst bei der jüngsten Diesel-Fahrzeuggeneration der Einfüllstutzen leicht zugänglich direkt neben dem Einfüllstutzen für den normalen Treibstoff positioniert ist. Außerdem ist Harnstoff stark korrosiv - verschüttete Flüssigkeit greift den Lack im Nu an.

  • Wird Winterkorn den Skandal als Konzernchef überstehen?

Am Dienstagabend hatte Winterkorn sich in einer Videoansprache entschuldigt und bekräftigt, sein Amt fortführen zu wollen. Am Mittwoch kommt das mächtige Präsidium des Aufsichtsrats zu einer Krisensitzung zusammen. Erst Anfang September hatte Volkswagen bekannt gegeben, den Vertrag mit Winterkorn bis 2018 verlängern zu wollen. Der Aufsichtsrat sollte ursprünglich am 25. September darüber abstimmen. Als Vorstandschef ist er für den Manipulationsskandal zumindest mitverantwortlich.

Video: Winterkorn will bleiben und entschuldigt sich



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
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Seite 1
g.hagel 22.09.2015
1. das Ende einer Epoche
das ist das Fukushima der Dieseltechnik. Das Ende der Verbrennungsmotoren wurde hiermit eingeläutet. Die E-Mobile kommen jetzt schneller als wir alle dachten. Ob VW dann noch dabei sein wird?
slartibartfas42 22.09.2015
2. werbekosten
vw hat werbrclips für schadstoff arme Diesel im deutschen TV gezeigt , und dann die werbekosten von der Steuer abgesetzt, das muss VW auch zurück zahlen, das gehört auch zu diesem betrug
Belle 22.09.2015
3. Herr Winterkorn,
treten Sie vor die Presse und sagen Sie ob und seit wann Sie von der Manipulation wussten ! Diesen Schneid sollten Sie haben.
monzaman 22.09.2015
4.
ich schlage vor: UNBEDINGT einen Live Ticker online stellen für dieses "Diesel-Gate". Yeah!
col.habbablapp 22.09.2015
5. Übertrieben
Ich finde die Aufregung übertrieben. Wenn ich im Baumarkt einen Eimer Wandfarbe kaufe, glaube ich auch nicht an die versprochenen 90-100 qm bei einmaligem Anstrich. Jeder weiß doch, dass alle diese Produkttests, auch bei Automobilen geschönt sind. Wenn es so weltbewegend wichtig sein soll, dass die Testergebnisse korrekt sind, dann teste ich sofort bei Markteinführung. Wieso fällt das erst jetzt auf, nachdem VW schon zig Millionen der betroffenen Modelle dort verkauft hat?
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