Vollsperrung einer Autobahn: Das A40-Experiment

Von , Düsseldorf

Vollsperrung A40: Verkehrschaos in Nordrhein-Westfalen Fotos
dapd

Was ist die bessere Variante, eine Autobahn zu reparieren: komplett sperren, durch eine Stadt umleiten, schnell fertig sein? Oder teilweise sperren, das jedoch zwei Jahre lang? Auf der wichtigsten Strecke in Nordrhein-Westfalen hat man sich entschieden.

Um zu verstehen, was für eine gewagte Operation das Land Nordrhein-Westfalen gerade an einer seiner Hauptschlagadern vornimmt, muss man sich eine Zahl bewusst machen. Auf 135.000 Kilometer summiert sich der Stillstand im Rekordstauland der Republik pro Jahr, jeder dritte Verkehrsinfarkt Deutschlands bildet sich mittlerweile zwischen Aachen und Herford.

Die meisten Pkw-Piloten in Nordrhein-Westfalen haben ihre Schmerzgrenze daher längst erreicht. Insofern ist der Versuch, den der Landesbetrieb Straßen.NRW auf der A40 durchführt, in seiner politischen Brisanz nicht zu unterschätzen.

Der sogenannte Ruhrschnellweg, der mitten durchs Revier führt und den an der fraglichen Stelle täglich bis zu 100.000 Autofahrer passieren, ist nun für drei Monate zwischen dem Autobahndreieck Essen-Ost und der Anschlussstelle Essen-Zentrum wegen Wartungsarbeiten vollständig gesperrt.

"Das ist besser als eine ewige Baustelle", glaubt NRW-Verkehrsminister Michael Groschek. Groschek ist erst seit wenigen Wochen im Kabinett von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) für die Fortbewegung zuständig. Vorher hielt er viele Jahre lang als Generalsekretär die NRW-SPD auf Kurs, weshalb sich der Oberhausener mit Krisenszenarien bestens auskennt.

Klotzen, nicht kleckern!

Von dieser Erfahrung könnte er in seinem neuen Amt profitieren. Denn für den Minister dürfte das 18 Millionen Euro teure Großprojekt zu einer ersten Bewährungsprobe geraten. Groschek sagt selbst, dass der Bund bereits großes Interesse an dem Projekt signalisiert habe. "Hier schaut die verkehrspolitische Welt auf NRW", so Groschek.

Schließlich wagt man sich mit der Vollsperrung im Westen auf infrastrukturelles Neuland. Getreu dem Motto: nicht kleckern, sondern klotzen. "So ein Projekt hat es bundesweit noch nicht gegeben", sagt Bernhard Löchter vom Landesbetrieb Straßenbau in Nordrhein, Westfalen, der sich jetzt, ganz modern, Straßen.NRW nennt.

In der Tat: Bisher wurden bei Bauarbeiten viel befahrene Abschnitte sonst immer nur teilgesperrt, um wenigstens ein Nadelöhr offen zu lassen. In Essen aber traut man sich die Vollsperrung der Hauptverkehrsader. Das Kalkül: Die notwendigen Arbeiten sollen dadurch keine zwei Jahre, sondern nur drei Monate dauern. "Es geht darum, Bauzeiten kurz zu halten", so Löchter.

Am Wochenende konnte man bereits beobachten, wie Bagger und Presslufthämmer binnen weniger Stunden ein Stück A40 in ein Trümmerfeld aus Schutt und Staub verwandelten. Und als am Montag, dem ersten Arbeitstag nach der Autobahn-Schließung, das zunächst befürchtete Verkehrschaos ausblieb, triumphierte die Leiterin des Modellprojekts, Annegret Schaber: "Alles ist so gelaufen, wie wir uns das gedacht haben." Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" witzelte sogar: "Stell dir vor, es ist Stau und keiner fährt hin!"

Zu früh gefreut?

Doch die spontane Begeisterung könnte sich als voreilig erweisen, wenn die Urlaubszeit zu Ende geht. Bislang spielen den Straßenbauern noch die Sommerferien in die Hände. Der ADAC schätzt, dass momentan in den Stoßzeiten bis zu 30 Prozent weniger Pendler auf den Straßen des Landes unterwegs sind. Mitte August könnte es also wieder deutlich enger werden in Essen und Umgebung. "Es wird bestimmt der eine oder andere Stau da sein", so Projektleiterin Schaber.

Der Verkehr soll zum einen weiträumig über die Autobahnen 3, 42, 43 und 52, zum anderen im Nahbereich über eine Strecke durch das Essener Stadtgebiet um die Sperrung herumgeführt werden. Damit die Autofahrer den neuen Weg auch finden, wurden 260 zusätzliche Schilder in der Ruhrgebiet-Metropole aufgestellt. Auch die Ampeln auf der städtischen Durchfahrtsstrecke wurden so geschaltet, dass sie die Karawane nur möglichst selten aufhalten.

Der Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, Ferdinand Dudenhöffer, befürchtet trotzdem, dass es zu massiven Verkehrsbehinderungen auf den Umleitungsstrecken durch das Essener Stadtgebiet kommen könnte. Im Gespräch kritisiert Dudenhöffer zudem, dass keine Alternativangebote für Pendler wie zusätzliche Busse und Bahnen gemacht worden seien.

"Die Planung von Straßen.NRW ist stümperhaft und verantwortungslos", so Dudenhöffer. "Ich gehe davon aus, dass es deshalb zahlreiche Verstopfungen geben wird." Auch der Duisburger Stauforscher Michael Schreckenberg erwartet die "schwierigste Phase" des Projekts nach dem Ende der Sommerferien.

Lob und Tadel für die Planung

Die Anwohner schimpfen bislang vor allem über den Lärm der Bauarbeiten: "Wir kriegen hier absolut keinen Schlaf", klagt eine Frau, die an der zertrümmerten Stadtwaldbrücke wohnt. "Das ist hundertmal schlimmer als die Autobahn", sagt ein Passant. Andere nehmen den Krach gelassener. "Dass die in zwei Tagen die Brücke runtergelegt haben, das ist eine Leistung", lobt ein Bewohner. "Lieber zügig durch, drei Tage mal nicht schlafen, aber dafür anschließend durchgehend", sagt ein anderer.

Straßen.NRW-Geschäftsführer Harald-Friedrich Austmeyer hat für sein Projekt eine Kalkulation aufgemacht, mit der er sämtliche Kritiker überzeugen will. Demnach könnte die Vollsperrungslösung insgesamt 5,5 Millionen Euro billiger ausfallen, als es eine herkömmliche Teilschließung der Autobahn gewesen wäre. Im chronisch klammen NRW ist das immer ein starkes Argument.

Rund zwei Millionen Euro entfallen laut Austmeyer auf Einsparungen am Bau, weitere 3,5 Millionen Euro behält man an volkswirtschaftlichen Kosten durch vermiedene Staus ein. Dabei sei man davon ausgegangen, dass insgesamt 210.000 Autofahrern jeweils eine Stunde Stillstand erspart werde, rechnet Straßen-NRW-Chef Austmeyer vor.

Sollte die Rechnung aufgehen, das Modell Schule machen, könnte demnächst auch auf anderen Autobahnen Vollsperrung statt Teilsperrung zur Regel werden. Insofern wird es interessant sein zu beobachten, ob die Ruhe bleibt in NRW. Oder ob nach Ablauf der Schulferien das Stauland der Republik seinem Namen wieder alle Ehre macht.

Mit Material von dpa

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insgesamt 154 Beiträge
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    Seite 1    
1. öpnv
bernardmarx 11.07.2012
Dass man nicht gleichzeitig mit der Baustelle den ÖPNV gestärkt hat, halte ich tatsächlich für einen Fehler, während ich der Vorgehensweise grundsätzlich positiv gegenüber stehe. Der ÖPNV hätte als Alternative zur Umfahrung der Baustelle eventuell Bürger auffangen können, die auch nach den Bauarbeiten keine Lust mehr auf Stau haben.
2. 3 Monate?
ekel-alfred 11.07.2012
Zitat von sysop......triumphierte die Leiterin des Modellprojekts, Annegret Schaber: "Alles ist so gelaufen, wie wir uns das gedacht haben."
Nicht den Tag vor dem Abend loben! Schauen wir erst einmal, was nach den Ferien passiert..... Ich denke, die Vollsperrung war die richtige Entscheidung. Besser ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende. Aber.........das Leben lehrt uns, daß öffentliche Projekte in der Regel nie in der vorgesehenen Zeit fertig werden (von den Kosten mal genz zu schweigen) Ich gehe jedenfalls mal davon aus, daß die Baustelle uns länger als drei Monate beschäftigen wird.
3. .
frubi 11.07.2012
Zitat von sysopWas ist die bessere Variante, eine Autobahn zu reparieren: komplett sperren, durch eine Stadt umleiten, schnell fertig sein? Oder teilweise sperren, das jedoch zwei Jahre lang? Auf der wichtigsten Strecke in Nordrhein-Westfalen hat man sich entschieden. Vollsperrung der A40: Das Baustellen-Experiment - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,843653,00.html)
Ich fänd die Vollsperrungen noch besser, wenn in Schichbetrieben auch an den Wochenenden und Nachts gearbeitet werden würde. Das Wetter sorgt sowieso schon dafür, dass man nicht durchgängig an den Baustellen arbeiten kann und dann verzichtet man auch noch auf solche Schichtmodelle. An sich finde ich die Vollsperrung besser. Ob ich mich durch den Stau einer 1 spurigen Autobahn quetsche, oder im Stau auf Umgehungsstraße stehe ist doch an sich egal.
4. Frankreich
abach 11.07.2012
Zitat von sysopWas ist die bessere Variante, eine Autobahn zu reparieren: komplett sperren, durch eine Stadt umleiten, schnell fertig sein? Oder teilweise sperren, das jedoch zwei Jahre lang? Auf der wichtigsten Strecke in Nordrhein-Westfalen hat man sich entschieden. Vollsperrung der A40: Das Baustellen-Experiment - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,843653,00.html)
Besser wäre es, nur noch französische Firmen mit der Sanierung oder Reparatur von Autobahnen zu beschäftigen. Auf französischen Autobahnen habe ich noch nie kilometerlange Baustellen gesehen, auf denen sich nichts tat. Und abgesehen vom landesweiten Ferienbeginn gibt es dort auch kaum Staus. Péage? Warum nicht?
5.
james-100 11.07.2012
Einen Versuch ist dieses Experiment allemal wert. Was dabei rauskommt wird man sehen. Selbst wenns tatsächlich zu erheblichen Staus kommt , sollte man deswegen kein Fass aufmachen. Was man nicht versucht, kann man dann auch nicht beurteilen !
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