Volvo-Jubiläum Rollst du noch oder fährst du schon?

Volvo ist lateinisch und heißt "ich rolle". Für Autos der schwedischen Marke gilt das seit nunmehr 80 Jahren, denn im April 1927 verließ das erste Modell die Fabrik in Göteborg. Fast hätte damals ein Fehler die Premiere versaut - denn zunächst fuhr der Wagen nur rückwärts.

Von Jürgen Pander


Um zehn Uhr Morgens am 14. April des Jahres 1927 war die Welt schon wieder in Ordnung. Hilmer Johansson fuhr mit dem ersten Volvo-Automobil, dem offenen Typ ÖV4, aus der Werkshalle auf der Insel Hisingen bei Göteborg. Die wartenden Journalisten drückten auf ihre Fotoapparate, die Premiere war geglückt. Ein paar Stunden zuvor hatte es noch nicht danach ausgesehen, denn bei einer Testfahrt im Morgengrauen fuhr das Auto ausschließlich rückwärts - ein erst spät in der Nacht aus Stockholm eingetroffenes Bauteil an der Hinterachse war falsch eingebaut worden. Der Fehler ließ sich bis zum Fototermin am Vormittag glücklicherweise noch beheben.

"Von da an", scherzt der Autor in der offiziellen Chronik der schwedischen Marke, "konnte es nur noch vorwärts gehen." Die Wurzeln Volvos allerdings reichen noch etwas weiter zurück als bis in den April vor achtzig Jahren. Es war im August 1924, als sich zwei ehemalige Kollegen aus der Kugellagerfabrik SKF im Stockholmer Restaurant "Sturehof" zum Krebsessen trafen. Der Ingenieur Gustaf Larson, zu diesem Zeitpunkt 37 Jahre alt, und der SKF-Verkaufschef Assar Gabrielsson, 33, kamen im Verlauf ihres Mahls überein, eine Automobilfabrik zu gründen und Fahrzeuge zu bauen, die auf die schwedischen Straßen- und Witterungsverhältnisse abgestimmt waren.

Feine Ausstattung, aber geringe Nachfrage

Knapp drei Jahre später hatten sie gemeinsam mit Ingenieur Henry Westerberg und dem Künstler Helmer Olsson, der die Karosserie entwarf, den ersten Volvo auf die Räder gestellt - eben jenen offenen ÖV4 mit vier Türen, fünf Sitzplätzen, kleiner Blumenvase am hölzernen Armaturenbrett sowie einem Aschenbecher. Der Vierzylinder-Motor beschleunigte den Wagen auf maximal 90 km/h. Obwohl Volvo bald darauf ein geschlossenes Modell nachschob, wollte die Nachfrage nicht recht anspringen. Lediglich 297 Autos wurden im ersten Jahr verkauft, die beiden Firmengründer hatten auf 1000 Fahrzeuge gehofft.

Diese Fehleinschätzung blieb kennzeichnend für die Anfangsphase der noch jungen Firma. Immerhin wies Volvo 1929 erstmals einen kleinen Gewinn aus, und von da an ging es allmählich bergauf. Nach fünf Jahren erreichte die Fabrik die Produktionszahl von 10.000 Fahrzeugen - allerdings waren darunter lediglich 3800 Pkw, die übrigen Modelle waren Lastwagen. Der erwartete Boom hatte sich also immer noch nicht eingestellt - und dann kam der Krieg mit Benzinrationierungen und Besatzung. In dieser Zeit allerdings blieb den Volvo-Ingenieuren ausreichend Zeit für neue Entwicklungen, und so entstanden 1943 erste Pläne für das spätere Modell PV 444.

Das "bucklige" Erfolgsmodell PV 444

Die Produktion des Wagens begann 1947 - und auf einmal standen die Kunden Schlange. Bereis 1948 wurden rund 3000 Modelle gefertigt - so viele wie noch nie bei Volvo in einem Jahr. Weil der Teilenachschub nicht so rasch gesteigert werden konnte, nahm das Unternehmen einige Wochen lang keine neuen Aufträge mehr an. Volvo hatte seinen ersten Bestseller, und prompt produzierte die Firma im Jahre 1949 erstmals seit Beginn des Lkw-Baus 1928 mehr Personen- als Lastwagen.

Die Erfolgsstory hatte begonnen. 1954 überraschten die Schweden mit dem schnittigen Zweisitzer Volvo Sport mit Fiberglas-Karosserie, von dem allerdings nur 67 Exemplare gebaut wurden. 1955 startete der Export auf den wichtigen US-Markt (heute der mit Abstand größte Volvo-Absatzmarkt), im Jahr darauf debütierte die Baureihe P 120 - besser bekannt unter dem Namen "Amazon". 1958 gewann Gunnar Andersson in einem PV 444 die Europäische-Rallye-Meisterschaft und ab 1959 erhielten alle Volvo-Modelle Dreipunkt-Sicherheitsgurte an den Vordersitzen, eine Erfindung von Nils Bohlin.

Hohes Sicherheitsniveau und kantiges Design

Noch heute gehört das Thema Sicherheit zu den Säulen des Volvo-Images. Die Schweden präsentierten immer wieder Weltneuheiten auf diesem Gebiet, etwa den ersten nach hinten gerichteten Kindersitz im Jahr 1967. Die US-Behörde für Sicherheit im Straßenverkehr nahm Volvo-Modelle vom Typ 144 (Premiere 1966) als Referenzfahrzeuge, um ihre Standards festzulegen. Sicherheit strahlte spätestens ab dem Typ 144 auch das Design aus: Volvos traten auf als kantige, massive, solide aussehende Fahrzeuge. Als Ikone des "boxy-design" gilt heute der Volvo 240, der im Jahr 1974 debütierte.

Ende der 70er-Jahre begannen Volvo und der französische Hersteller Renault zu kooperieren, später wurde die Zusammenarbeit weiter ausgebaut und 1993 stand sogar die Fusion der beiden Unternehmen auf der Tagesordnung. Doch sie scheiterte. Volvo wandte sich dann einer Zusammenarbeit mit Mitsubishi zu, ehe im Frühjahr 1999 der Ford-Konzern den schwedischen Autobauer übernahm. Unter dem neuen Dach blühte die Marke auf. Im vergangenen Jahr wurden rund 426.000 Fahrzeuge produziert, die Zahl der weltweit Beschäftigten lag bei 25.500. Nach den USA (116.000 Verkäufe) und Schweden (55.000) folgte Deutschland mit 37.051 verkauften Modellen laut Kraftfahrt-Bundesamt als drittgrößter Volvo-Markt.

Erfolgreichstes Modell ist derzeit übrigens der XC90, ein gut zwei Tonnen schweres SUV-Fahrzeug, das in Deutschland mindestens 48.830 Euro kostet und in seiner zahmsten Variante 217 Gramm CO2 je Kilometer ausstößt. Zum sorgsam gepflegten Umwelt-Image der Schweden kann der aktuelle Bestseller daher nichts beitragen.

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