Volvo Multi-Fuel: Der Allesbrenner

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Soweit sind sich die Entwickler einig: Wenn die Ölvorräte noch etwas reichen sollen, müssen alternative Kraftstoffe in den Tank. Doch womit werden die Motoren von morgen laufen?  Dem Volvo Multi-Fuel ist das egal: Er fährt mit fünf unterschiedlichen Kraftstoffen.

Noch sind alternative Kraftstoffe keine Alternative, ihr Anteil liegt nach Berechnungen von Volvo bei gerade einmal zwei Prozent. Und selbst wenn künftig mehr Autofahrer zu Biodiesel, Ethanol, Erd- oder Flüssiggas greifen würden, könnte die Industrie gar nicht so viel Öko-Kraftstoff erzeugen, wie dann auf die Schnelle benötigt würde. Außerdem sind die Rahmenbedingungen von Land zu Land verschieden, die Infrastrukturen unterschiedlich entwickelt, und der politische Wille ist höchst divergent.

Diese Problematik vor Augen macht Volvo jetzt Schluss mit faulen Ausreden: Damit sich niemand auf eine einzige Alternative festlegen muss, haben die Schweden zur "Challenge Bibendum" des Reifenherstellers Michelin einen umgerüsteten V70 vorgestellt, der Multi-Fuel heißt und den Namen zum Programm macht: Als Allesbrenner fährt er mit gleich fünf verschiedenen Kraftstoffen und lässt auf diese Weise Umweltpolitkern, Öko-Wissenschaftlern und Energieversorgern alle Möglichkeiten offen.

"Wir sind davon überzeugt, dass es nicht einen Weg in die Zukunft gibt, sondern viele", sagt Hans Folkesson, der bis vor kurzem Entwicklungschef in Göteborg war und nun bei Ford of Europe den Fortschritt der Umwelttechnik vorantreiben will. Kein erneuerbarer Kraftstoff könne allein die fossilen Kraftstoffe von heute ersetzen. "Da lokale Voraussetzungen unterschiedlich sind, werden verschiedene Märkte auch unterschiedliche alternative Kraftstoffe fordern, und zwar Seite an Seite mit saubereren konventionellen Kraftstoffen", sagt der Wissenschaftler.

Das tanken, was gerade im Angebot ist

"Die Idee beim Multi-Fuel-Volvo ist, dass man Kraftstoffe tankt, die lokal produziert werden", erläutert Entwickler Mats Moren. So müsse der Fahrer nicht den Sprit tanken, der für sein Auto richtig sei, sondern könne den Treibstoff wählen, der seinem Geldbeutel oder sein Gewissen am besten passe. Und er erzielt damit noch einen praktischen Nebeneffekt: "Dies führt dazu, dass weniger Kraftstoff zwischen den Kontinenten hin- und hertransportiert werden muss. Und man kann jederzeit den vor Ort verfügbaren Kraftstoff tanken", schwärmt Moren.

Wären da nicht die vielen Aufkleber und der ungewöhnlich grüne Lack, würde man dem V70 seine Vorreiterrolle gar nicht ansehen. Erst der Blick hinter die Tankklappe zeigt, dass hier kein serienmäßiges Auto steht. Denn neben dem Stutzen für den flüssigen Kraftstoff gibt es noch ein Ventil, über das der Volvo mit gasförmigen Energieträgern betankt werden kann. So schluckt das Multi-Fuel-Modell neben konventionellem Benzin auch Bio-Ethanol sowie beides in beliebigem Mix. Und zusätzlich zum Erdgas dürfen - ebenfalls im freien Mischungsverhältnis - auch das "Gärgas" Bio-Methan sowie das Gemisch Hythan getankt werden, das aus zehn Prozent Wasserstoff und 90 Prozent Methan besteht und sich in den Tests der Schweden als besonders effektiv erwiesen hat.

Mit vollen Tanks sind 750 Kilometer möglich

Der Antrieb wechselt automatisch zwischen Gas- und Flüssigbetrieb. Wer selber Einfluss nehmen will, drückt einen Knopf in der Mittelkonsole. Für diesen ebenso energiereichen wie ressourcenschonenden Treibstoffcocktail hat der V70 einen auf 29 Liter geschrumpften Benzin- und drei zusammen 98 Liter große Gastanks. Sie alle sind so installiert, dass der Kofferraum etwa sein ursprüngliches Volumen behält. Vollgetankt reicht der Treibstoff für insgesamt 750 Kilometer, wobei man mit den gasförmigen Kraftstoffen etwas weiter komme als mit den flüssigen.

Verbrannt werden die fünf verschiedenen Kraftstoffe von einem neu entwickelten Vierzylindermotor, der nach Angaben Folkessons einem weiteren Öko-Trend folgt: dem Downsizing, also dem intelligenten Verkleinern, um Gewicht und weiteren Kraftstoff zu sparen. So hat der Vierzylinder-Turbomotor nur zwei Liter Hubraum, leistet aber mit 200 PS. Und auch die Fahrleistungen können sich sehen lassen: Der Multi-Fuel-Motor beschleunigt den V70 in 8,9 Sekunden auf Tempo 100 und marschiert bei den Testfahrten so munter voran, dass man ihm weit mehr als 200 Sachen zutraut. Eine offizielle Angabe gibt es dazu jedoch nicht.

Auch Saab und Ford tüfteln am Allesbrenner-Auto

Allein ist Volvo mit der Idee vom Allesbrenner nicht. So fuhren auch Saab und Ford mit Autos vor, die zumindest mit Benzin und Ethanol sowie nahezu jeder beliebigen Mischung dieser beiden Kraftstoffe fahren. Und der italienische Zulieferer Magneti Marelli hat eine Motorsteuerung vorgestellt, die vier unterschiedliche Kraftstoffe unter einen Hut bringt. Das System erlaubt den Betrieb mit Benzin, Erdgas, Alkohol und Gasohol und wurde mitsamt einer speziellen Einspritzanlage für Brasilien entwickelt.

Der Multi-Fuel-Testwagen ist von einer Serienproduktion jedoch noch meilenweit entfernt. "Wir wollten zeigen, was möglich ist", sagt Moren und bittet um ein wenig Geduld. Vier, fünf Jahre werde es noch dauern. Dafür weitet Volvo das  Flexfuel-Angebot aus. Die Modelle S40 und V50 mit Ethanolfreigabe sollen in diesem Sommer nach Schweden in sechs weiteren europäischen Ländern an den Start gehen. Deutschland ist mangels ausreichender Infrastruktur nicht dabei.

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