Autogramm Volvo V40: Sicher ist sicher

Von Tom Grünweg

Volvo V40: Umzingelt von Assistenzsystemen Fotos
Volvo

Bislang war die gehobene Kompaktklasse fest in der Hand deutscher Hersteller. Jetzt will Volvo mit dem V40 die Bastion stürmen. Das Auto sieht schick aus, ist sparsam und verfügt über einzigartige Sicherheitstechnik, zum Beispiel über einen Fußgänger-Airbag. Nur in den Details schwächelt der Schwede.

DER ERSTE EINDRUCK: Aber hallo, das ist mal ein starkes Stück aus Schweden. Offenbar wurden die Lineale und Winkelmesser der Designabteilung gestohlen. Mit dem klassisch-kantigen Volvo-Design, das man mühelos aus Papier nachfalten konnte, ist es jetzt, mit dem V40, endgültig vorbei. Schlanke A-Säulen, flache Frontscheibe, gebogener Schweller - noch nie war ein Auto aus Göteborg so organisch, muskulös und dynamisch geformt wie der neue Kompaktwagen, der ab September gegen Audi A3 oder BMW 1er antreten soll.

Fast noch spannender als die ansehnliche Hülle ist das Innenleben des Autos. Die freischwebende Mittelkonsole schimmert in manchen Varianten weiß, als wäre sie von Apple. Materialauswahl und Verarbeitung sind vorbildlich. Statt klassischer Uhren gibt es für 350 Euro Aufpreis einen großen Flachbildschirm, auf dem man verschiedene Darstellungsszenarien wählen kann. Dieses Cockpit ist wie gemacht für die Generation iPhone.

DAS SAGT DER HERSTELLER: Volvo will mit dem V40 nicht in der Masse mitfahren, sondern die Standards in der Kompaktklasse neu definieren. "Wir wollen das sicherste, agilste und sparsamste Auto in diesem Segment anbieten", sagt Projektleiter Hakan Abraham. Dafür haben die Schweden ordentlich aufgerüstet und auf der von der ehemaligen Konzernmutter Ford entlehnten Focus-Plattform ein komplett neues Auto entwickelt.

Besonders stolz sind sie auf die zahlreichen Assistenzsysteme. Sie machen den V40 für Firmenchef Stefan Jacoby zum "intelligentesten Volvo aller Zeiten" - und tatsächlich setzt der V40 Standards, beispielsweise mit dem ersten Fußgänger-Airbag in einem Serienfahrzeug. Gerne prahlt Abraham auch mit dem Verbrauch des kleineren Dieselmotors. Die 115 PS-Maschine ist auf dem Prüfstand im Schnitt mit 3,6 Litern zufrieden und sticht damit tatsächlich alle Konkurrenten aus.

DAS IST UNS AUFGEFALLEN: Der V40 hat durchaus das Zeug, BMW 1er und Audi A3 am Zeug zu flicken. Kompakt sind an dem Auto nur die Abmessungen; Ambiente und Ausstattung erinnern eher an die gehobene Mittelklasse. Dazu passt das Fahrverhalten. Ohne das optionale Sportfahrwerk liegt der V40 satt und komfortabel auf der Straße, wieselt flink um die Ecken und hält den Puls des Fahrers trotzdem schön flach.

Auch der sparsame Basisdiesel macht eine gute Figur. Der 1,6 Liter große Vierzylinder klingt zwar etwas knorrig, und im Alltag schafft man die offiziellen 3,6 Liter Durchschnittsverbrauch allenfalls durch äußerste Disziplin und absoluten Gehorsam gegenüber der Schaltempfehlung und dem Verbrauchstrainer links neben dem Tacho, doch für ein Sparmodell hat die Maschine mit 270 Nm durchaus Dampf.

Bis Tempo 100 vergehen zwar mehr als zwölf Sekunden, aber wenn er mal rollt, ist er mit knapp 200 km/h dabei. Am Ende stehen bei normaler Fahrt sehr ordentliche fünf bis sechs Liter Durchschnittsverbrauch auf dem Bordmonitor. Wer allerdings Spaß haben und das souveräne Fahrwerk samt dreifach verstellbarer Lenkung auskosten will, ist mit den stärkeren Motoren besser bedient.

Was auch auffällt am V40 ist die irritierende Nomenklatur. Denn V stand bei Volvo bislang immer für Kombi; äußerlich könnte das Auto gerade noch als Kombi durchgehen, doch ein Lademeister ist es nicht: die Ladekante ist hoch, die Ladeluke schmal, der Kofferraum selbst mit 335 Liter Fassungsvermögen eher klein.

Das ist aber nicht der einzige Widerspruch, in den Details kollidieren beim V40 Wunsch und Wirklichkeit noch häufiger. Weshalb zum Beispiel hat ein Auto, das alles automatisch und auf Knopfdruck macht, noch einen riesigen Handbremshebel auf dem Mitteltunnel? Wie passt der filigrane, von innen beleuchtete Schaltknauf mit dem Hologramm-Design zu den klobigen Knöpfen der Sitzverstellung? Weshalb rühmt sich Volvo des ersten rahmenlosen Innenspiegels im iPhone-Design und pappt dann vor den Flatscreen hinterm Lenkrad wieder die alten Kunststoffringe? Und warum sind in einem Auto mit angeblich so vorbildlichem Infotainmentsystem die Menüs so verschachtelt, dass man sich nach einem alten "Becker Mexiko" zurücksehnt?

DAS MUSS MAN WISSEN: Für den V40 gibt es zunächst fünf Motorisierungen - zwei Benziner und drei Diesel von 115 bis 180 PS; im Spätherbst soll ein Fünfzylinder-Turbo mit 254 PS folgen. Die Preise beginnen bei 24.680 Euro und lassen sich mühelos bis weit über 40.000 Euro treiben. Dann hat man außer einem großen Panoramadach und einer in sieben Farben verstellbaren LED-Innenbeleuchtung mehr Assistenzsysteme an Bord als in mancher Oberklasse-Limousine - etwa eine Notbremsfunktion mit Personen-Erkennung sowie erstmals auch einen Außenairbag, der im Falle eines Falles unter der Motorhaube hervorquillt.

Außerdem warnen Radarsensoren in der hinteren Stoßstange beim Rangieren in engen Parklücken vor querendem Verkehr, eine Kamera liest Verkehrsschilder, ein Sensor ersetzt den Schulterblick, im Stadtverkehr leitet der V40 vor einer drohenden Kollision automatisch eine Notbremsung ein und der Spurhalteassistent greift bei Bedarf ins Lenkrad.

DAS WERDEN WIR NICHT VERGESSEN: Dass einem die Assistenzsysteme bisweilen auf die Nerven gehen können. Wer tranig dahin gondelt und den Kopf voller anderer Dinge hat, der wird sich über die vielen Hightech-Schutzengel freuen. Wer aber bei der Sache ist, stört sich irgendwann am ständigen Blinken, Fiepen oder Vibrieren. Gut, dass man die meisten elektronischen Helfer ausschalten kann.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Übersicht
anansis 15.06.2012
Leider wird man in dem Auto Assistenzsysteme, insb. die hinteren Rangierhilfen, dringed benötigen, da auch Volvo leider einem unsäglichen Trend folgt und Schießscharten anstelle von Fenstern in ihre Fahrzeuge einbaut. Rückwärts aus der Parklücke wird da ohne technische Helfer zu einem regelrechten Blindflug. Gab es nicht mal Autos, die ein ansprechendes Design hatten und trotzdem funktional waren? Schade Volvo, fand euch früher echt besser!
2. Volvo?
EchoRomeo 15.06.2012
gemeint ist doch wohl Geely, die den Laden 2009 von Ford übernommen haben. Echte Volvo's gibt es seit 1999 nicht mehr. Volvo Schweden baut nur noch Nutzfahrzeuge, Motoren und Busse.
3.
axelkli 15.06.2012
"Gut, dass man die meisten elektronischen Helfer ausschalten kann." Noch besser: gar nicht erst mitbestellen, dann hat man Geld gespart und Nerven geschont.
4. Sic transit gloria mundi...
joschitura 15.06.2012
"Weshalb zum Beispiel hat ein Auto, das alles automatisch und auf Knopfdruck macht, noch einen riesigen Handbremshebel auf dem Mitteltunnel?" Tja, Herr Grünweg, schon mal versucht, auf Schneematsch am Berg anzufahren? Dafür (u.a.) gibts den Handbremshebel - alles andere ist Firlefanz. Wie übrigens das meiste in modernen Autos. Wer Kokolores wie "Spurhalteassistent" braucht, sollte seinen Führerschein gleich zurückgeben. Und jener Forist hat ganz recht, der anmerkte, daß dies nun wahrhaftig kein Volvo mehr ist. Schon der C30 war ein Design-Unfall. Aber so vergeht aller Ruhm der Welt: ein Jaguar mit Dieselmotor - daß ich so eine Stillosigkeit noch erleben muß....
5. natürlich
truereader 15.06.2012
... es gibt genauso noch echte schwedische Volvos wie es echte andere Automarken gibt. Wenig der "deutschen" Hersteller wird noch hier gefertigt. Der V40 kommt wie andere Modelle aus dem belgischen Gent. Geely dient als Finanzierer. Der Wechsel von Ford war mehr als wichtig. Jaguar hat es auch nicht geschadet, bei Tata gelandet zu sein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles zum Thema Volvo-Modelle
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 45 Kommentare
  • Zur Startseite
Facebook
Fotostrecke
Volvo: Die Geschichte der Schweden im Überblick

Fahrzeugschein
Hersteller: Volvo
Typ: V40 D2
Karosserie: Kompaktwagen
Motor: Vierzylinder-Commonrail-Diesel
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.560 ccm
Leistung: 115 PS (85 kW)
Drehmoment: 270 Nm
Von 0 auf 100: 12,3 s
Höchstgeschw.: 190 km/h
Verbrauch (ECE): 3,6 Liter
CO2-Ausstoß: 94 g/km
Kofferraum: 335 Liter
umgebaut: 1.032 Liter
Maße: 4369 / 1802 / 1445
Preis: 24.980 EUR


Aktuelles zu