Volvo V90 Sag zum Kombi leise SUV

Volvo und Kombi - das war jahrzehntelang eine fast unzertrennliche Wortkombination. Jetzt soll der neue V90 an diese Historie anknüpfen. Doch das wird ihm nicht gelingen.

Aus Stockholm berichtet

Volvo

Das Licht, das auf den neuen Wagen fällt, ist rosa. So, als ob es für die Zukunft des gerade eben enthüllten Kombis stehen soll, eine rosarote, eine erfolgreiche Zukunft. Der neue V90, ein stattlicher Familienwagen von fast fünf Metern Länge, in bester Tradition der Marke. Volvo steht seit mehr als 60 Jahren für die praktischen Kisten. "Wir kommen aus dem Kombi-Segment, für viele Menschen sind wir sogar die Kombimarke schlechthin", sagt Volvo-Chef Hakan Samuelsson.

An einem verschneiten Donnerstag im Februar, im Showroom an der Kungsträdgården in Stockholm, blitzt sie noch einmal auf, die schwedische Kunst des Kombinierens. Es stimmt, was Samuelsson sagt. Volvo war lange Zeit der Inbegriff der Kombimarke. Autos wie der 245 stemmten sich in ihrer Kantigkeit wie eine Schrankwand gegen die Gesetze der Aerodynamik und ignorierten alle vorbeiziehenden Trends. Unbeirrbar bauten die Schweden über Jahrzehnte vollkommen unmodische, aber ungemein praktische Autos.

Auch seine Nachfolger waren in ihrer schlanken Eckigkeit schlichte, stabile Trutzburgen ohne automobilen Firlefanz. Diese Philosophie ging sogar so weit, dass Limousinen von Volvo lange Zeit eher unbeholfen wirkten und nur als Kombi schlüssig. So standen sie synonym für skandinavischen Purismus. Null Schein, nur Sein, mit dieser Haltung wurden die Autos zum Liebling der intellektuellen Eliten. Steckt dieser Geist noch im neuen V90?

Geblieben ist die für Volvo typische Schlichtheit

"Es gab eine große Erwartungshaltung, dass Volvo wieder kantige Autos baut", sagt Chefdesigner Thomas Ingenlath. Aber es kann nicht sein, dass wir unsere Zukunft retrospektiv sehen", erklärt er. Mit zwei Fensterlinien killte er die Hoffnung der Traditionalisten: eine untere, die nach hinten leicht ansteigt, während die obere ihr entgegenfällt. Weg war das kantige Heck.

Geblieben ist die Volvo-typische Schlichtheit, denn der V90 kommt mit wenigen Linien aus. Auch das Aufrechte seiner Vorgänger durfte der V90 behalten - dank eines steil stehenden Kühlergrills und den dominanten senkrechten Leuchten am Heck. Im Innenraum hat Volvo schon seit Längerem den Knöpfen den Kampf angesagt und setzt auf die Bedienung via Touchscreen. Ein Startknopf in der Mitte, ein Drehregler für den Fahrmodus - viel mehr gibt es nicht zu fassen.

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Volvo-Kombis: Geschichte mit Ecken und Kanten

Der V90 sei ein Modell für Europa, sagen die Verantwortlichen. In Ländern wie Schweden gehören die ladefreudigen Familienautos zu den beliebtesten Modellen überhaupt. Und doch ist auch bei der Präsentation des V90 etwas anders.

Die SUVisierung treibt die Egalisierung der Hersteller voran

Denn an seine Aussage über die Herkunft von Volvo aus Kombiland hängt Samuelsson noch etwas dran. "Auch wenn Volvo natürlich mehr zu bieten hat", sagt er. Ein bedeutungsschwerer Satz. Denn das, wofür der schwedische Autobauer einmal stand, verliert an Bedeutung: Volvo ist keine Kombimarke mehr - da können die Schweden noch so sehr die Historie beschwören. Mehr als die Hälfte aller verkauften Autos der schwedischen Marke sind mittlerweile Geländewagen.

Kommt in Deutschland nach den Sommerferien: Der neue Volvo V90
Volvo

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Damit ergeht es Volvo wie vielen anderen Marken auch: Porsche, der einstige Sportwagenhersteller, BMW, der Anbieter von dynamischen Limousinen - sie alle sind mittlerweile: SUV-Hersteller im großen Stil. Die SUVisierung treibt die Egalisierung der Hersteller voran. Doch die Markenverantwortlichen stört das wenig.

"SUVs haben eine höhere Marge", sagt Victoria Falksund, verantwortlich für die 90er-Baureihe bei den Schweden. "Das gilt für die gesamte Industrie, nicht nur für Volvo", erklärt die Ingenieurin. Um wie viel höher die Gewinnspanne bei dem Geländewagen XC90 ist, der auf derselben Architektur wie der V90 aufbaut, verrät sie nicht.

Die E-Mobilität bietet Möglichkeiten zur Differenzierung

Kein Wunder also, das der Trend den Herstellern sehr zu Pass kommt. Mit für Autofans verheerendem Ergebnis. "Die Hersteller gleichen sich von der Produktpalette immer weiter an", sagt Auto-Experte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. "Der Trend zum SUV" sei da nur ein Problem von vielen, so der Experte. Anforderungen an die Aerodynamik und gesetzliche Rahmenbedingungen wie CO2-Einsparungen oder Fußgängerschutz machten es den Herstellern schwer, noch einen "eigenen Charakter auszubilden", so Bratzel.

Trotzdem hält er es für keinen Fehler, den SUV-Trend mit immer neuen Modellen zu befeuern: "Wenn ein Hersteller Erfolg haben will, kann man sich der Nachfrage nach SUVs nicht verwehren", so der Experte. In den USA, aber auch in China sei die Nachfrage nach den Blech-Trumms besonders groß - die beiden wichtigsten Absatzmärkte weltweit. Die Kunst für die Hersteller bestehe darin, andere Markenwerte zu stärken. Bei Volvo könne das Sicherheit sein, "auch die E-Mobilität biete Möglichkeiten der Differenzierung". Der Kombi als Markenwert? "Das sehe ich eher nicht", so Bratzel.

Mit dem V90 will Volvo eben diese Markenwerte - Sicherheit, Sauberkeit und E-Mobilität - weiter verfolgen. So verzichtet der Hersteller selbst in der automobilen Oberliga auf Sechs- oder Achtzylinder. Volvos Vierzylinder-Dogma helfe der Marke, die strengen Abgaswerte in der EU ab 2021 zu erfüllen. Zum Marktstart im Sommer werden für den V90 zwei Benziner (254, 320 PS) und zwei Diesel (190, 235 PS) angeboten. Im November startet ein Plug-in-Hybrid, der einen Vierzylinder mit E-Motor kombiniert. Als Systemleistung gibt Volvo 407 PS an. Der Einstiegspreis für den Basis V90 dürfte später bei etwa 40.000 Euro liegen.

Volvo hat Spotify an Bord

Die sinnvolle Selbstbeschränkung beim Antrieb geht einher mit einem wichtigen Schritt Richtung autonomes Fahren: Serienmäßig kommt der sogenannte Pilot Assist zum Einsatz, der automatisch den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug hält, selbstständig bremst, lenkt und beschleunigt. Ebenfalls standardmäßig an Bord: das neue Road Edge Detection System, das erstmals selbstständig bei Tag und bei Nacht den Fahrbahnrand erkennt - selbst, wenn dort die Markierung fehlt. Es unterstützt den Fahrer dabei, das Auto in der Spur zu halten.

Für Bratzel ist es das Angebot solcher Technologien, die den "feinen Unterschied" zwischen den Marken machen. Noch. "Sicher ist, dass die Abgrenzung künftig weit über die reine Hardware und das Design hinausgehen muss - beispielsweise durch Dienstleistungen." So integriert Volvo als einer der ersten Hersteller überhaupt den Musik-Streamingdienst Spotify in das Bediensystem seiner Autos - den Anfang macht die 90er-Baureihe. Vielleicht wird man deshalb eines Tages sagen: Volvo, das ist doch die Marke mit den tollen Internetdiensten. Im SUV - natürlich.



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DMenakker 24.02.2016
1.
Klar, auch Volvo kann nicht nur viereckige Autos mit dem CW Wert eines Ikea Schrankes bauen. Aber, welcher Hirni hat denn bitteschön gemeint, ein Volvo Kombi müsse eine schräge Heckscheibe haben? Das macht die Autos unübersichtlich beim Rangieren, es ist verschenkter Platz und es ist wegen dieser winzigen Kleinigkeit eben kein Volvo mehr. Ohne diese Todsünde wäre er wahrscheinlich sogar optisch fast gelungen. Ich hatte 6 Volvos hintereinander. Morgen geht mein letzter weg. Mit dem neuen Motoren"konzept" geht sowieso nix mehr. Bleibt nur zu Hoffen, dass dieser Wahnsinn Nähmaschinenmotoren mit 300 PS zu bauen bald aufhört und auch diese irrwtzigen Verbrauchsbeschränkungen. In so ein Auto gehört nunmal ein 6 Zylinder mit mindestens 2.8 Liter.
fisschfreund 24.02.2016
2.
Das ist doch ein ordentliches Auto. Da ich selber einen Benz-kombi mit 3,5 Liter Sechszylinder fahre meine ich aber,daß da so ein Motor rein gehört
spon-facebook-10000015195 24.02.2016
3. Spotify?!?
Ähm, Spotify gibt es seit 2013 im V70 und XC70 in Verbindung mit Sensus Connect.
chriswotian 24.02.2016
4. Ford Mondeo
Was hier als neu verkauft wird hat der 2014er Mondeo bereits längst...
spiegelklammer 24.02.2016
5. Es war einmal.
Von der Seite könnte es alles sein, abgelutscht wie heute jeder Pseudo-Kombi, jetzt ist die E-Klasse die letzte wirkliche Kombi-Bastion, und das ist schade, schade dass sich Volvo so beliebig macht. Für was soll man sich einen Kombi kaufen, wenn man letztlich einen Jetbag braucht um in den Urlaub zu fahren und einen Anhänger um Einkaufen zu fahren. Und die tollen Laufzeiten sind mit den 4-Zylindern auch endgültig vorbei. Na vielleicht bekommen sie ja mit dem Neuen wenigsten ihre Automatikgetriebeprobleme in Griff.
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