Neue Entwicklungen in der VW-Abgasaffäre Jetzt geht es auch um Benziner und Kohlendioxid

Erst waren Dieselmodelle und Stickoxidwerte das Problem - jetzt hat VW auch Ärger mit Benzinern und dem CO2-Ausstoß: Was bedeutet die neueste Entwicklung für Konzern und Autofahrer? Der Überblick.

VW-Logo: Die Abgasaffäre weitet sich aus
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VW-Logo: Die Abgasaffäre weitet sich aus


Was sind die neuen Erkenntnisse?

Volkswagen hat am Dienstagabend mitgeteilt, dass bei etlichen Dieselmotoren Unregelmäßigkeiten im Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) festgestellt wurden - und damit auch beim Spritverbrauch. Sprich: Hunderttausende VW-Autos könnten mehr CO2 ausgestoßen und damit mehr Sprit verbraucht haben als vom Hersteller angegeben. Wie deutlich der gemessene CO2-Ausstoß über den angegebenen Werten liegt, sagte ein VW-Sprecher zunächst nicht.

Bisher war es in der Abgasaffäre um Manipulationen bei Stickoxidwerten (NOX) gegangen - und ausschließlich um Dieselmotoren. Laut VW-Angaben seien nun aber auch Unregelmäßigkeiten bei einer geringen Anzahl von Benzinern festgestellt worden. Damit erreicht der Skandal eine neue Dimension.

Wie viele und welche Autos sind betroffen?

Von den falschen Werten beim CO2-Ausstoß können laut VW "rund 800.000 Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns betroffen sein". Es handelt sich demnach unter anderem um Autos der Typen Polo, Golf und Passat. Bei der VW-Tochter Audi gehe es um A1- und A3-Modelle, bei Skoda um den Octavia und bei Seat um den Leon und den Ibiza, sagte ein Sprecher.

Auch bei einem Benzinmotor mit Zylinderabschaltung habe es Auffälligkeiten gegeben, sagte der Sprecher. Es handele sich dabei aber um eine geringe Stückzahl. Bei den Dieselmotoren seien 1,4-, 1,6- und 2,0-Liter-Varianten betroffen.

Welche Konsequenzen drohen?

"Fest steht: Die Sicherheit der Fahrzeuge ist in keinem Fall betroffen", heißt es in der VW-Mitteilung. Doch die neue Dimension der Abgasaffäre könnte für das Unternehmen teuer werden. Es schätzt die "wirtschaftlichen Risiken" auf rund zwei Milliarden Euro.

Zudem droht möglicherweise ein Folgeproblem: In Deutschland hängt die Höhe der Kfz-Steuer für jüngere Pkw mit Erstzulassungsdatum ab 1. Juli 2009 auch am CO2-Ausstoß - Autos mit niedrigerer CO2-Emission sind steuerlich günstiger. Damit steht das Risiko im Raum, dass durch die Abgas-Manipulationen Kfz-Steuern für Autos aus dem VW-Konzern zu niedrig festgesetzt worden sind.

Was sagt VW?

VW-Chef Matthias Müller versprach erneut eine "schonungslose" Aufklärung. "Dabei machen wir vor nichts und niemandem halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative." Dies sei die Voraussetzung für die grundlegende Neuausrichtung des Konzerns.

Der VW-Aufsichtsrat kündigte ein baldiges Treffen an, um über die Konsequenzen zu beraten. "Dies soll zu einer verlässlichen Bewertung der rechtlichen und in der Folge wirtschaftlichen Konsequenzen des bislang nicht vollständig aufgeklärten Sachverhalts führen", schreibt VW in seiner Mitteilung.

Die Sportwagentochter Porsche warnte vor möglichen Risiken für seine Bilanz: Wegen der Kapitalbeteiligung der Porsche Automobil Holding SE an der Volkswagen AG in Höhe von 32,4 Prozent könne ein ergebnisbelastender Effekt im Konzernergebnis der Porsche SE eintreten, teilten die Stuttgarter mit. Trotzdem gehe die Porsche SE nach derzeitiger Kenntnis insgesamt für ihr Geschäftsjahr 2015 unverändert von einem Konzernergebnis nach Steuern zwischen 0,8 und 1,8 Milliarden Euro aus.

Was sagt die Politik?

Die Grünen sehen Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Zug. "Angesichts der Dimension des Skandals und dem damit verbundenen Schaden für die gesamte deutsche Automobilbranche reicht es nicht mehr aus, Aufklärung als Show zu simulieren", sagte der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer. Dobrindt müsse klare politische Regeln und Kontrollen durchsetzen, um die Autobranche vor sich selbst zu schützen. "Wir brauchen endlich umfassende Transparenz und Tests auf der Straße durch eine unabhängige europäische Behörde."

Die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Bärbel Höhn, erklärte: "Offenbar hat VW bei der Ermittlung des Spritverbrauches illegale Techniken angewendet, um ihn nach unten zu korrigieren." Die ganze Wahrheit müsse jetzt auf den Tisch. Nötig seien zudem endlich schlagkräftige staatliche Stellen, die auch die Angaben der Hersteller nachprüfen dürfen und können. Bisher sei das nicht der Fall.

Was bedeutet ein erhöhter CO2-Ausstoß?

Kohlendioxid ist zwar unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Treibhausgas und wesentlich für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Die CO2-Grenzwerte sind in der EU in den vergangenen Jahren verschärft worden. Fraglich ist nun, ob VW die CO2-Grenzwerte überschritten hat.

Und was hat die EPA damit zu tun?

Dass VW mittels einer Software bei den Abgaswerten von Dieselfahrzeugen geschummelt hat, wurde bereits Mitte September bekannt - es war der Beginn der Abgasaffäre.

Am Montag hatte die US-Umweltbehörde EPA neue Vorwürfe gegen VW erhoben und erklärt, auch größere Motoren als bislang bekannt seien mit einer Schummelsoftware ausgestattet. VW wies dies zurück. (Hier lesen Sie die wichtigsten Fakten zu den Vorwürfen der EPA.)

Unabhängig von der EPA veröffentlichte VW am Dienstagabend seine jüngste Mitteilung: "Bei internen Untersuchungen ist festgestellt worden, dass es bei der Bestimmung des CO2-Wertes für die Typ-Zulassung von Fahrzeugen zu nicht erklärbaren Werten gekommen ist."

aar/dpa/Reuters/AP



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
laurent1307 04.11.2015
1.
Ich Frage mich warum man so gar nix von den anderen Deutschen Automobilherstellern hört... Ich kann mir nicht vorstellen das die das nicht mitbekommen haben und so korrekt und unangreifbar gearbeitet haben die letzten zehn Jahre.
multimusicman 04.11.2015
2. Irgendwann musste das Kartenhaus
aus immer größeren Protzschlitten mit den Verbräuchen von Kleinwagen in sich zusammenbrechen. Ich denke daran beteiligt sind auch andere Firmen neben VW. Schuld sind aber auch das System der Firmenwagen. Der Staat subventioniert diesen Wahn für den jeder Steuerzahler aufkommen muss.
henson999 04.11.2015
3. Stop the press!!!
Ein Auto verbraucht mehr Sprit als vom Hersteller angegeben? Sowas habe ich ja noch nie gehört. Ganz ehrlich: Auf diese Angaben gibt noch niemand mehr auch nur einen Pfennig. Das sind doch inzwischen eh nur noch Fantasiewerte ohne einen Bezug zur Realität. Das ist ja auch so von allen Beteiligten gewünscht. Irgendwas müssen die Lobbyisten doch den ganzen Tag machen.
feder2424 04.11.2015
4. Was soll die Aufregung?
Was soll die Aufregung? Jeder Fahrer beeinflußt durch seine persönliche Fahrweise den Spritverbrauch und somit den CO2 Ausstoß mehr als die jetzt angesprochenen Differenzen zwischen Prospektangaben und Meßwerten auf Prüfständen.
titopoli 04.11.2015
5. Jeder Fahrer kann durch seine Fahrweise
den Spritverbrauch stark beeinflussen. Solange die Fahrer sich nicht der von Brüssel für die Verbrauchsmessung vorgeschriebenen Normfahrweise anpassen, wird das Problem nicht zu beheben sein.
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