VW-Abgasskandal Erfolglos umgerüstet

Mit einem einfachen Software-Update wollte Volkswagen manipulierte Diesel sauber machen. Experten waren skeptisch. Interne Dokumente belegen nun, dass auch umgerüstete VW Dreckschleudern bleiben - und VW das wusste.

Umrüstaktion bei einem Diesel-VW
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Umrüstaktion bei einem Diesel-VW

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Nicht nur VW-Kunden haben sich im November 2015 gewundert: Ein simples Update sollte reichen, um Diesel-Golfs, -Tourans oder -Passats, deren Abgassystem umfassend manipuliert worden war, sauber zu machen? Und zwar so, dass sie nicht nur beim Labortest die scharfen Stickoxid-Grenzwerte einhielten, sondern auch auf der Straße? Wenn das so einfach wäre, warum hatten die VW-Ingenieure dann nicht gleich die Autos mit dieser Software ausgeliefert?

Im Verkehrsministerium schien man sich diese Fragen nicht zu stellen, denn genau diese schnelle Software-Lösung hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mit dem Vorstand des Wolfsburger Autoherstellers in der Hochphase des Abgasskandals Ende 2015 ausgehandelt. Fachleute haben allerdings damals schon Bedenken angemeldet, wie solch eine technische Verwandlung möglich sein soll.

Jetzt zeigt sich, dass die Zweifel der Experten in den Erfolg der Umrüstaktion, mit Kosten von nicht einmal 100 Euro pro Fahrzeug verdächtig günstig, berechtigt waren. Das jedenfalls legen interne Unterlagen nahe, die dem ZDF vorliegen und der SPIEGEL einsehen konnte. Demnach ist das Abgasproblem dieser VW Diesel noch lange nicht behoben.

900 mg NOx pro Kilometer - für VW kein Problem

Mit der neuen Software von Volkswagen bekamen die Dieselautos gleich mehrere Abschalteinrichtungen installiert, die zu hohen Stickoxidemissionen im Straßenverkehr führen. Abschalteinrichtungen können laut EU-Verordnung nur ausnahmsweise erlaubt sein. Doch das Kraftfahrt-Bundesamt KBA genehmigte die neue Software mit dem Hinweis: "Die vorhandenen Abschalteinrichtungen wurden als zulässig eingestuft", so das KBA in seinem Freigabeschreiben, das dem ZDF vorliegt und heute in der Sendung "ZOOM: Geheimakte VW - Wie die Regierung den Konzern schützt" (ZDF, 22:45 Uhr) präsentiert wird.

Das KBA selbst will dazu keine Stellung nehmen und verweist an das Verkehrsministerium, dem es unterstellt ist. Das Verkehrsministerium wiederum erklärt auf Nachfrage des ZDF, dass Freigaben der Updates von dem KBA erfolgen, "wenn das KBA sich von der Wirksamkeit der optimierten Emissionskonzepte überzeugt hat und keine Zweifel an der Zulässigkeit der optimierten Konzepte bestehen."

VW hatte offenbar von Anfang an nicht die Absicht, die Stickoxidemissionen durch das Update drastisch zu senken. Das legt ein vertrauliches Papier des VW-Konzerns vom November 2015 nahe. Darin definiert VW selbst "Zielwerte" für den Stickoxidausstoß nach dem Software-Update. Im Straßenbetrieb liegt dieser Zielwert bei dem "Faktor 3 bis 5" über dem Grenzwert. Anstatt der erlaubten 180 mg/km NOx sollte das Auto nach dem Update 540 bis 900 mg/km NOx ausstoßen. Nur im offiziellen Labortest sollte laut VW der Grenzwert eingehalten werden. Diese "Zielwerte Volkswagen" für das Software-Update sind laut dem vertraulichen Papier des VW-Konzerns "inhaltlich mit den Zulassungsbehörden (KBA) und dem Rechtswesen vereinbart".

Dobrindt wieder mal unter Druck

Volkswagen erklärt gegenüber dem ZDF, "dass die betroffenen Fahrzeuge alle gesetzlichen Anforderungen nach Umsetzung der technischen Maßnahmen vollumfänglich erfüllen". Außerdem gelten die Schadstoff-Grenzwerte nach Ansicht von VW nur für den offiziellen Labortest: "Dagegen sind die Grenzwerte nicht auf den regulären Straßenbetrieb anzuwenden", so VW in seiner Stellungnahme. Dem widerspricht der Umweltrechtler Martin Führ von der Hochschule Darmstadt. Er sagte dem ZDF: "Die Grenzwerte gelten beim Betrieb des Fahrzeugs, egal wo es betrieben wird, denn nur so lässt sich die Gesundheit der Bürger effektiv schützen, und genau das ist ja Ziel der Europäischen Verordnung."

Für Verkehrsminister Dobrindt kommen die Enthüllungen zur Unzeit. Er steht wegen seiner Handhabung der Dieselaffäre ohnehin unter Druck. Die Opposition im Deutschen Bundestag wirft ihm vor, den Gesundheitsschutz der Bürger zu ignorieren und die Interessen der Autoindustrie zu schützen. So hat sie es auch in den Abschlussbericht des Volkswagen-Untersuchungsausschusses des Parlaments geschrieben, der seinen Bericht in Kürze vorlegen wird. Vergangene Woche hatte Dobrindt versucht, sich der Kritik zu entledigen. Er preschte mit dem Befund seiner Prüfbehörden vor, wonach bei einem Audi A8 eine illegale Abschalteinrichtung gefunden worden war.

Bei der Behebung dieses Missstands greift Dobrindt allerdings auf ein so bekanntes wie umstrittenes Mittel zurück: ein Software-Update soll auch dieses manipulierte Abgassystem wieder in Ordnung bringen.

Die Sendung "Zoom: Geheimakte VW - Wie die Regierung den Konzern schützt" sehen Sie heute am Mittwoch, 7. Juni um 22:45 im ZDF



insgesamt 206 Beiträge
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mcbrayne 07.06.2017
1. Pfeifenpuster sind überall
Irgendwann sollte doch auch der dümmste Manager wissen, dass "interne Dokumente" heutzutage nur sehr kurzfristig "intern" bleiben und eher früher als später an die Öffentlichkeit gelangen. Aber es scheint so zu sein : umso höher der Posten, umso kürzer die Weitsicht. Schade, dass die ehemalig gute Reputation grosser Marken damit zerschossen wird.
AfterAll 07.06.2017
2. Was ist jetzt so sensationell?
VW hält nach dem Software-Update die Grenzwerte im Test ein und überschreitet sie im Straßenbetrieb. Ist das die Nachricht? Wenn ja, dann ist das so wie bei allen Autos. Natürlich sind im Straßenbetrieb die Emissionen höher, je nach dem, wie man fährt. Eingehalten werden müssen sie im Test. Will der Artikel jetzt so tun als sei das eine Überraschung? Dann sollte sich der Autor vielleicht informieren ...
ernstmoritzarndt 07.06.2017
3. Wortwahl "Dreckschleuder"
Ich halte diese Wortwahl für bedenklich. Das Problem ist doch darin zu sehen, daß Dieselfahrzeuge aufgrund geringeren Kraftstoffeinsatzes erheblich weniger an Klimagasen (Kohlendioxid, kohlenmonoxid pp.) ausstoßen als Benzinfahrzeuge. Sie verursachen in einem kaum messbaren und auf keinen Fall fühlbarem Bereich mehr Stickoxide (richtig?). Die produzierten Mengen sind (ob mit oder ohne Mogelei) so gering, daß sie kaum Auswirkungen haben. Mir ist klar, daß angesichts allgemeiner Autofeindlichkeit, obwohl das Automobil irgendwo zwischen 40 und 50 % unseres Bruttosozialproduktes verursacht, diese Einsicht nicht opportun ist. Das derzeitige politische Ziel der Kfz-Gegner ist es, der Bevölkerung das Automobil und den Individualverkehr zu verleiden, um alle entweder an ihren Wohnorten oder in Gemeinschaftstransporten zu haltenm. Die dahinter liegenden politischen Zielsetzungen kann man nur erschauernd erahnen.
be_winkler 07.06.2017
4. Das Kartell der Nichtwisser
Laut Gesetz sind Absprachen in Kartellen verboten. Leider wird aber das Kartell der Nichtwisser bei deutschen Behörden gar nicht geführt, weil man selbst mit dazu gehört. In Deutschland werden Probleme schon lange nicht mehr behoben, sondern nur noch "wegverwaltet". So sieht das Land inzwischen auf vielen Feldern aus: eine Ansammlung von Problemen größter Art, ohne dass irgendetwas nachhaltiges geschieht. Medien, Beamte und Politik sehen jedoch gezielt weg, bzw. wissen auch nichts, denn das nach dem EU verursachten Bolognabildungsschema verbildete Volk bekommt nichts mehr mit. Insgesamt also ein Kartell der Nichtwisser. Alles so gewollt, damit man durchregieren kann. Es lebe die Demokratie!
schmutziputz 07.06.2017
5. Kann doch wohl nicht sein...
Ich fahre einen Passat mit der EA189 (?) Maschine von 2013, welcher 2016 "geupdated" wurde. Bei meiner gediegenen Fahrweise bleibe ich immer noch bei gut 5l/100km, im Einzelfall bei duchrfahrten in den Niederlanden sogar knapp bei 4l/100km. Kein Unterschied zu den 80000km vor der "Umrüstung". Aber auch kein grosser Unterschied zum Vorgängerpassat, welcher von 2003-2013 in total 300000km gefahren wurde, der lag bei knapp 6l/100km. Will heissen: bei gleicher Fahrweise, fast identischem Gewicht (MonteursPKW) ca 1l/100km weniger Verbrauch... was wird da für eine Sau durchs Dorf getrieben? Ich bin nie davon ausgegangen, daß der Motor durch Softwareupdate "sauberer" wird, sondern nur, daß die Manipilation auf dem Prüfstand abgeschaltet wird. Fahrt doch einfach mal etwas ruhiger, auch am Freitag, wenn der Wagen Heimatluft schnuppert. Dann gäbe es vermutlich weniger Unfälle mit Schadstofffreisetzung, weniger Spritverbrauch in total, und endlich ein etwas ruhigeres und nicht durch scheinheiligkeit verblendetes Gewissen! my 2 cent. Das soll nicht heissen, daß sich VW und alle anderen "Schummler" aus Ihrer Verantwortung zur Reduktion des Schadstoffausstosses rausflüchten sollen, aber ein wenig Eigenverantwortung täte den permanenten Bashern auch mal ganz gut.
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