Protokoll des VW-Rückrufs, Teil 12 "Beobachten Sie das Verhalten weiter"

VW hat im großen Stil bei den Abgaswerten betrogen. Einen der betroffenen Wagen fährt Michael Müller. Nach der Umrüstung verhielt sich sein Auto plötzlich ungewohnt - zur Ursache gibt es bisher nur eine Vermutung.

VW Touran 1.6 TDI
SPIEGEL ONLINE

VW Touran 1.6 TDI


Michael Müller* ist SPIEGEL-Mitarbeiter. Er fährt einen VW Touran 1,6 TDI mit 105 PS, Baujahr 2011. Sein Wagen ist mit der betrügerischen Software des VW-Konzerns ausgestattet und muss nachgebessert werden. In loser Folge berichtet er für SPIEGEL ONLINE, wie VW jetzt mit seinen Kunden umgeht. Was zuletzt geschah, lesen Sie hier.

In der vergangenen Episode hatte ich mich über die Folgen der verordneten Umrüstung beklagt: Nachdem bei meinem Touran das Software-Update aufgespielt und der Strömungsgleichrichter eingebaut waren, verhielt er sich plötzlich seltsam: Schon nach kurzen Fahrten sprang der Kühlerventilator an und im Leerlauf erhöhte sich die Drehzahl des Motors von 800 auf 1000 Umdrehungen pro Minute.

Verunsichert von den beiden Merkwürdigkeiten vereinbarte ich gleich den nächsten Werkstatttermin. Das Auto sollte überprüft werden.

Aus den mehr als 250 Kommentaren und Mails zu der vergangenen Folge hatte sich da bereits ein konstruktiver Hinweis herauskristallisiert: Mehrere Leser schrieben, das neue Verhalten liege an der notwendigen Regeneration des Rußpartikelfilters. Der Filter werde demnach durch die erhöhte Drehzahl stärker erhitzt, um sich "freizubrennen" - entsprechend sei dann anschließend eine verstärkte Wärmeabfuhr und somit der Einsatz des Kühlerventilators nötig.

Das behielt ich bei dem Termin in der VW-Werkstatt aber erst einmal für mich.

Dort wurde nur der Fehlerspeicher ausgelesen. Ergebnis: Es gebe keinen Fehler. Oder anders ausgedrückt: Mit dem Auto stimmt alles. Er habe da eine Vermutung, sagte der Servicemitarbeiter von VW: "Der Rußpartikelfilter…". Es folgte tatsächlich die von den Lesern beschriebene Erklärung vom Freibrennen und Nachkühlen.

Einen weiteren Eingriff am Auto nahm man nicht vor. Zum Schluss bekam ich in der Werkstatt folgenden Rat: "Beobachten Sie das Verhalten weiter."

Die ausführliche Erklärung des ADAC-Experten

Ich setzte mich mit gemischten Gefühlen in den Touran und fuhr nach Hause. Was ich bekommen hatte, war nicht mehr als eine plausibel klingende Vermutung. Hilft mir das jetzt?

Einerseits habe ich auf den anschließenden Fahrten das veränderte Verhalten nicht mehr beobachten können. Andererseits: Hundertprozentig sicher bin ich mir über die Folgen der Umrüstung immer noch nicht.

Dabei lagen sowohl die Leser als auch der Servicemitarbeiter offenbar richtig - aber eine ausführliche Erklärung samt gutem Tipp kam vom ADAC. "Der Rußfilter muss sich einmal vollständig regenerieren", sagt Martin Ruhdorfer vom ADAC Technikzentrum in Landsberg am Lech. "Das heißt, er muss sich richtig erhitzen und freibrennen. Dazu kann schon eine etwas längere Fahrt von etwa 40 Kilometern reichen - wenn möglich, auf der Autobahn bei Tempo 120."

Der Fahrzeugtechniker Ruhdorfer hat mehrere Tests mit umgerüsteten VW-Dieselautos vorgenommen und erläutert die Folgen des Software-Updates so: "Nach dem Update ist der Regenerationsprozess des Rußfilters optimiert. Die Motorsteuerung versucht, das typische Fahrprofil zu erkennen und passt das Freibrennen des Filters daran an. Wenn zum Beispiel nur kurze Strecken gefahren werden, reinigt das System den Filter in kürzeren Intervallen."

Spazierfahrt zum Freibrennen

Mit der Behebung des Stickoxidproblems habe das erst einmal nichts zu tun. "Einen erhöhten Kraftstoffverbrauch", so Ruhdorfer, "haben wir durch diese Update-Funktion noch nicht festgestellt." Bei modernen VW-Motoren seien die Möglichkeiten von kürzeren Intervallen zur Regeneration des Partikelfilters bereits Serie.

Im Zuge des Software-Updates sei es nun möglich, dass die Werte und Parameter, nach denen die Filterreinigung bei meinem Touran bisher ablief, zurückgesetzt wurden. Das System hatte nach der Umrüstung also noch überhaupt kein Streckenprofil hinterlegt und gleichzeitig war der Filter wohl schon ziemlich voll - folglich versuchte die Motorsteuerung, auch auf kurzen Distanzen eine so große Hitze im Abgas-Nachbehandlungssystem zu erzeugen, dass der Filter freibrennt. So hätten dann zum Beispiel die höheren Drehzahlen im Leerlauf zustande kommen können.

Auch das, so Ruhdorfer, sei erst einmal eine Vermutung. Mehr Klarheit werde ich wohl haben, wenn ich den Filterreinigungs-Ausflug mit dem Auto unternommen habe.

Kommen die erhöhten Leerlauf-Drehzahlen mit anschließendem Nachkühlen dann trotzdem noch ständig oder unregelmäßig in kurzen Abständen vor, rücke ich wieder in der Werkstatt an. Natürlich hoffe ich, dass mir dieser Aufwand erspart bleibt.

Ein weiterer Kontrolltermin ist allerdings schon fest eingeplant: Vor der Umrüstung wurde auf einem Rollenprüfstand die Leistung und das Drehmoment des Touran dokumentiert - jetzt will ich bei einem erneuten Test untersuchen lassen, ob sich die Werte nach der Umrüstung verändert haben.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert, um sicherzugehen, dass VW den Kollegen nicht anders behandelt als andere betroffene Kunden.

Aufgezeichnet von Christoph Stockburger



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
coldwarrior 27.03.2017
1. Dpf
Dieselpartikelfilter meldet sich auch in schöner Regelmäßigkeit bei meinem T5. Rat der Werkstatt; der muß sich freibrennen. Dazu soll man mal eine längere Tur von 40-50 Kilometern machen. Wenn man aber keine Tour vorhat? Also Umweltschutz ist für mich was anderes. Gut, dann nimmt man ein anderes Auto und wartet auf die nächste größere Tour, aber es soll Menschen geben, die diese Möglichkeit nicht haben. Machen die das in Kraftwerken auch, wenn die wegen der regenerativen Energien auf Sparflamme laufen?
franky_24 27.03.2017
2. Sündenbock
Herr Müller, das Verhalten brauchen Sie nicht mehr zu beobachten. Schauen Sie zu das sie das Fahrzeug schnell losbekommen solange es noch einen Markt in Afrika oder Osteuropa für den Gebrauchten gibt. Nach dem die Politik einen passenden Sündenbock für verfehlte Umweltpolitik in den Städten gefunden hat ist durch Fahrverbote und Diskussion um blaue Plaketten der Marktwert der Dieselfahrzeuge in Deutschland eh im Keller. Ein großes Dankeschön an VW und unsere Politiker für diesen milliardenschweren Verlust an privatem Kapital ! Wer jetzt noch VW kauft ist selber Schuld ...
deranaluest 27.03.2017
3. Wozu überhaupt einen Diesel
Wenn dieser noch nichtmal 40km am Stück bewegt wird? So eine Strecke fahr ich locker mit dem Rad. Zwar nicht mit 120km/h aber ich empfehle dem Autor sich zu überlegen, ob für solche Kurzstreckeneinsätze ein Auto überhaupt sinnvoll ist. Erst recht wenn einmal sämtliche Kosten, inklusive Zeitaufwand, in die Rechnung einbezogen werden.
bullermännchen 27.03.2017
4.
Das der Partikelfilter sich freibrennen muß ist nicht erst seit dem Betrug notwendig. Nicht unnötig negative Stimmung mit Themen herbeiführen die keine sind. Fragt lieber VW mal warum beim Tiguan (170PS Diesel) 7 Liter als Durchschnittsverbrauch angezeigt werden aber der Verbrauch bei gemessenen 8.5 Litern liegt. Und das bei extrem sparsamer Fahrweise.
made-in-germany 27.03.2017
5. An PDF Wer einen T5 kauft
und keine Touren von 50 KM zusammen bekommt sollte sich eher nicht über das Thema Umwelt auslassen.
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