VW Beetle: Jung und bucklig

Von Jürgen Pander

VW Beetle: Bucklig in die Zukunft Fotos
Jürgen Pander

Wer den neuen VW Beetle bestellt, kann für 49 Euro den Schriftzug "Käfer" auf der Heckklappe dazukaufen. Das ist fast schon peinlich, denn weder gab es den beim Original, noch hat dieses Auto ein Namensschild nötig. Oder etwa doch? Wie viel Käfer steckt im Beetle?

Bei Jubiläen ist VW nomalerweise nicht zimperlich. Sogar 35 Jahre Golf GTI wurden im vergangenen Jahr gefeiert, unter anderem mit einem Sondermodell für 30.425 Euro. Das ist diesmal nicht vorgesehen, obwohl der Anlass ungleich bedeutsamer ist. Vor 75 Jahren nämlich, exakt am 28. Mai 1937, wurde die GeZuVor gegründet, "Die Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH". Deren einziger Zweck: Den KdF-Wagen zu bauen.

Es war die Geburtsstunde des VW-Konzerns, der seinen 75. aber nicht feiern mag. Vor allem wohl deshalb nicht, um einen Rückblick auf die Anfänge zu vermeiden, die eng mit dem NS-Unrechtsstaat verbunden sind.

Auf das Auto jedoch, ohne das es weder VW, noch Wolfsburg gäbe, greift Volkswagen auch heute nur allzu gerne zurück. Am prägnantesten in Form des neuen Beetle, der zweiten Auflage des Käfer-Remakes von 1998, das damals unter dem Namen New Beetle auf den Markt kam und eine Retro-Welle in der Autowelt auslöste.

Die aktuelle Variante folgt diesem Beispiel, allerdings wurde die Karosserie breiter, flacher und länger als beim Vorgängermodell, und das bereitet in der Stadt durchaus Probleme. Der Beetle ist ein unübersichtliches Auto, eine Einparkhilfe für vorn und hinten (Aufpreis 545 Euro) ist daher fast schon ein Muss.

So richtig gut zu überblicken war auch der klassische Käfer nicht, doch der war dafür insgesamt sehr viel kompakter - und auch enger. An Platz jedenfalls mangelt es dem Beetle nicht, sogar der Kofferraum erreicht mit 310 Liter Fassungsvermögen ein alltagstaugliches Maß. Der Zustieg in den Fond ist nicht besonders komfortabel - ein Manko aller Zweitürer - doch wer ständig Passagiere auf der Rückbank mitnimmt, wird sich ohnehin ein anderes Auto kaufen.

Die Gemeinsamkeiten zwischen Käfer und Beetle sind - und das ist nichts weiter als selbstverständlich - lediglich optischer Natur. Es gibt Halteschlaufen statt der üblichen Haltegriffe, es gibt ein so genanntes Käferfach, also ein zweites Handschuhfach mit Klappdeckel direkt in der Armaturentafel und es gibt natürlich die bucklige Grundform, die an den Klassiker erinnert, dessen reguläre Produktion kurz nach Kriegsende 1945 begann.

Retro-Look kostet heute extra

Damals übrigens war es normal, dass die Armaturentafel und die Fensterbrüstungen in Wagenfarbe lackiert waren. Heute kostet das extra, denn man muss die teureren Ausstattungsvarianten "Design" oder "Sport" wählen, um in einem gelben Beetle ein gelbes Armaturenbrett oder in einem blauen ein blaues zu erhalten. Insgesamt ist das Interieur schlüssig und funktional - und steht damit in der Tradition des Käfers, der stets der Maxime nicht-mehr-als-nötig folgte.

Ein ärgerliches Mätzchen allerdings ist das unten abgeflachte Lenkrad; denn wenn man irgendetwas nicht mit dem Käfer oder seinem aktuellen Lookalike verbindet, dann ist es Sportlichkeit. Wir fuhren das Modell mit dem schwächsten der drei angebotenen TSI-Benzinmotoren, dem Aggregat mit 105 PS. Es ist der ideale Motor für diesen Wagen, denn wenn schon retro, dann auch richtig. Das Beschleunigungsvermögen ist mit 10,9 Sekunden von 0 auf Tempo 100 nicht herausragend, aber es reicht völlig für einen Kompaktwagen, der an eine Zeit erinnern soll, in der es keinerlei Geschwindigkeitsbegrenzungen gab (erst 1957 wurde Tempo 50 in Ortschaften wieder eingeführt).

Die andere Seite mangelnder Rasanz ist ein in aller Regel maßvoller Spritverbrauch. Beim Beetle mit 105-PS-TSI sind es offiziell 5,9 Liter im Schnitt, nach unseren Testfahrten lag der tatsächliche Verbrauch bei 6,7 Liter. Das ist einerseits akzeptabel, andererseits ließe sich dieser Wert wohl noch deutlich senken, wenn VW dem Auto aktuelle Spartechnik mitgeben würde - etwa eine Start-Stopp-Automatik. Doch offenbar gilt bei VW der Grundsatz - auch das eine Gemeinsamkeit mit dem alten Käfer - dass bucklige Autos erstmal die altbewährte Standardtechnik auftragen müssen, ehe sie mit Innovationen konfrontiert werden.

Das motorisierte Augenzwinkern

Alles unterm schwellenden Blechkleid des Beetle ist Standardware aus dem VW-Regal. Die meisten Fahrwerks-, Antriebs- und Strukturkomponenten übernimmt das Auto vom Golf. VW wirbt für den neuen Wagen, er sei "wie ein Remix eines alten Klassikers". Da ist was dran, denn auch wenn das technische Grundkonzept heute ein völlig anderes ist, so strahlt doch auch der Beetle etwas aus, das schon den seligen Käfer umgab: einen wohltuenden Unernst.

Insofern steckt also durchaus eine gute Portion Käfer im neuen Beetle. Aber bitte, falls Sie einen kaufen möchten, bestellen sie ihn bitte ohne den Schriftzug "Käfer" für die Gepäckraumklappe. Sie sparen so 49 Euro und demonstrieren nebenbei, dass Sie nicht jeden Marketing-Blödsinn mitmachen.

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Jede Selbstverständlichkeit kostet Aufpreis
hartholz365 28.05.2012
Daran erkent man einen echten VW. Sind die Fotos verzerrt oder ist der Wagen eckiger geworden?
2. optional
LeToubib 28.05.2012
Ja, schade: Ich haett' so gerne den zweimal erwaehnten "Kaefer"-Schriftzug gesehen ...
3. Porsche 356 wiederaufgelegt
daniel.pfeiffer 28.05.2012
Der wird also flacher und länger? Genauso wie der Porsche 356 seine Abstammung vom Käfer, wie ihn Béla Barényi 1925 entwarf, nicht verleugnen kann. Die Firmen sind ja jetzt zusammen, der nächste Wurf kann ja dann was werden!
4. So so, 10,9 Sekunden von 0 auf 100 sind also knapp ausreichend?
sampleman 28.05.2012
Kann es sein dass dem Autor da etwas die Maßstäbe verrückt sind? Der letzte in Deutschland gebaute Käfer brauchte 32 Sekunden von 0 auf 100, und damals waren die Tempolimits nicht niedriger als heute, sondern höher. 11 Sekunden von 0 auf 100 bewegt sich auf dem Niveau eines Toyota Avensis mit Automatik - dass ihre Autos so gut ziehen wie veritable Mittelklasselimousienen, davon konnten Käferfahrer jahrzehntelang nur träumen.
5. Schade
mori1982 28.05.2012
Gerade beim Beetle gäbe es soviele Möglichkeiten, die leider vertan werden. Das Blechkleid geht in Ordnung, gefällt mir als Homage. Aber was drunter steckt, geht garnicht. Hier hätte VW endlich mal die Möglichkeit, was neues zu machen, dem Konzern eine ausergewöhnliche Facette hinzuzufügen, die aber nicht genutzt wird. Das Auto hält innen nicht, was es äußerlich verspricht, der innenraum sieht 08/15 Golf aus. Hier hätte man wie bei Mini zB mal was wagen können, viel mehr Erinnerungen an den alten Käfer aufleben lassen mit Stilelementen. Der Knaller wäre natürlich ein Heckmotor gewesen, mit Heckantrieb. Auch wenn VW sich dann nicht im Baukasten hätte bedienen können, der dadurch entstehende Mehrpreis hätte zumindest der Imageeffekt wieder wettgemacht, eventuell auch nen höherer Verkaufspreis.
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VW Beetle

Das begeistert: Die Art, wie klassische Käfer-Merkmale in eine moderne, erfrischende Form gebracht wurden.

Das fehlt: Unkomplizierte Verbrauchssenker wie etwa eine Start-Stopp-Automatik.

Das nervt: Alle Versuche, dieses Auto zum Lifestyle-Gimmick zu machen. Es gibt schon viel zu viel davon.

Was sonst? Ein kreisrundes Lenkrad mit Hupring als Option. Würde garantiert jeder zweite bestellen.

Fahrzeugschein
Hersteller: VW
Typ: Beetle Design
Karosserie: Kompaktwagen
Motor: Vierzylinder-Benzindirekteinspritzer-Turbo
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.197 ccm
Leistung: 105 PS (77 kW)
Drehmoment: 175 Nm
Von 0 auf 100: 10,9 s
Höchstgeschw.: 180 km/h
Verbrauch (ECE): 5,9 Liter
CO2-Ausstoß: 137 g/km
Kofferraum: 310 Liter
umgebaut: 905 Liter
Gewicht: 1.274 kg
Maße: 4278 / 1808 / 1486
Versicherung: 13 (HP) / 17 (TK) / 15 (VK)
Preis: 17.925 EUR
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Das begeistert: Die Art, wie klassische Käfer-Merkmale in eine moderne, erfrischende Form gebracht wurden.

Das fehlt: Unkomplizierte Verbrauchssenker wie etwa eine Start-Stopp-Automatik.

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