VW Golf City-Stromer Der grüne Greis

Die Autoindustrie gleicht der Modebranche: Alles ist irgendwann schon mal da gewesen. Das derzeit brandaktuelle Elektroauto war schon mehrfach en vogue. Keiner weiß das besser als Horst Schultz. Er fährt einen VW Golf III mit Akkuantrieb und gut 13 Jahren auf dem Buckel.


Fotostrecke

7  Bilder
VW Golf City-Stromer: Mit der Sonne im Tank
Demnächst können im Rahmen des Projekts "E-Mobility" erstmals ganz normale Verbraucher mit Elektroautos durch Berlin stromern - Horst Schultz kann da nur milde lächeln. Was die Politik und Autohersteller wie Daimler oder VW mit viel PR-Tamtam als Aufbruch in ein neues Verkehrszeitalter feiern, ist für den Elektroingenieur aus der Pfalz ein alter Hut. Denn sein Dienstwagen fährt längst mit Strom statt Sprit - und zwar seit gut 13 Jahren.

Schultz, Chef des Museums Auto-Vision in Altlußheim nahe des Hockenheimrings, pendelt täglich zu Arbeit mit einem der letzten VW Golf City-Stromer, die aus einem Flottentest in den neunziger Jahre erhalten geblieben sind. Ab 1993 hatte VW mehr als hundert Golf III auf Batteriebetrieb umgerüstet und getestet. Die meisten Exemplare dürften längst auf dem Schrottplatz gelandet sein; ein Auto steht im Wolfsburger Werksmuseum, und eines parkt fast täglich an der Solarstrom-Tankstelle vor Schultz' Museum. Für eine kurze Rundfahrt in die Vergangenheit der sauberen Zukunft stellte er den Wagen jetzt SPIEGEL ONLINE zur Verfügung.

Vergleicht man die technischen Daten des Alt-Ökomobils mit denen aktueller Elektroautos, schneidet der grüne Greis gar nicht schlecht ab. Der Strom wird zwar - unter der Vorderhaube und unter dem Kofferraumboden - in antiquierten Blei-Gel-Akkus gespeichert, doch mit 1,5 Tonnen wiegt der City-Stromer kaum mehr als ein aktueller Golf Diesel.

Auch die Fahrleistungen des Elektro-Oldies sind in Ordnung: Der 27 PS starke City-Stromer schafft 110 km/h Höchstgeschwindigkeit - zum Vergleich: der aktuelle Elektro-Smart wird bei Tempo 100 eingebremst. Selbst rekuperieren, also elektrische Energie etwa beim Bremsen zurückgewinnen, kann der City-Stromer.

Auf den ersten Blick bietet sich das gewohnte Bild. Das Cockpit ist das vertraute Ensemble des VW-Bestsellers mit dem einzigen Unterschied, dass statt der Tank- eine Ladeanzeige der Batterien installiert ist; und in der Mittelkonsole gibt es einen Stromzähler.

Selbst der Schaltknauf ist noch vorhanden - und er ist keine Attrappe: Weil VW den City-Stromer seinerzeit mit minimalem Aufwand umrüstete, ist er das vermutlich einzige Elektroauto mit konventionellem Getriebe. "Daran muss man sich erst gewöhnen", sagt Besitzer Schutz und rät zu frühem Schalten. Denn während andere Elektroautos gleichmäßig und gelassen bis weit über 10.000 Touren drehen, erreicht der City-Stromer rasch den roten Drehzahlbereich.

70 Kilometer Reichweite waren es mal, nun ist schon früher Schluss

Ansonsten jedoch fährt sich der City-Stromer vollkommen normal. Auf der Autobahn wird es ein bisschen mühsam, aber für den Stadtverkehr reicht die Motorleistung völlig aus. "Dieses Auto ist absolut alltagstauglich", sagt Schultz, der den vor ein paar Jahren von einem Elektrizitätswerk dem Museum gespendeten Wagen auch an Frau und Tochter weitergibt. Für die Fahrt ins Büro, zum Einkaufen oder zur Schule ist der Wagen absolut ausreichend, berichtet der Museumsdirektor.

Auch an die limitierte Reichweite hat sich Schultz längst gewöhnt. 70 bis 90 Kilometer pro Batterieladung hatte VW bei der Premiere 1993 versprochen. "Ganz so viel schafft der Wagen heute nicht mehr", sagt der Nutzer. Die Tücken der Tankuhr hat Schultz aber nach vielen tausend Kilometern verinnerlicht: "Wenn die Batteriestandsanzeige noch ein Drittel anzeigt, darf man sich nicht mehr zu weit von der nächsten Steckdose entfernen - die Energiereserven gehen dann schnell zur Neige." Seine Tochter hielt ihn für übervorsichtig - und blieb prompt liegen. "Natürlich irgendwo weitab und mitten in der Nacht", schüttelt der Vater den Kopf.

Getankt wird meist Solarstrom aus der Museums-eigenen Zapfsäule

Schultz hat es nicht weit bis zur Zapfsäule. Direkt vor dem Museum wurde eine Solartankstelle aufgestellt; dort zieht der Direktor allmorgendlich vor der Arbeit ein rotes Spiralkabel aus der Steckdose hinter dem Kennzeichen. Wenn in der Pfalz die Sonne scheint und genügend Zeit zum Laden vorhanden ist, fährt Schultz mit hausgemachtem Solarstrom zum Nulltarif. Aber selbst mit Strom von den Stadtwerken sei jeder elektrisch gefahrene Kilometer ein Schnäppchen, rechnet der Ingenieur vor. "Bei einem Strompreis von 18 Cent zahlt man für 100 Kilometer kaum mehr als einen Euro."

Auch nach mittlerweile fast 35.000 Kilometern lässt Schultz auf den sauberen Senior nichts kommen. Selbst Pannen sind ihm - bis auf einmal korrodierte Batteriekontakte - bislang erspart geblieben. Das ist auch gut so. Denn bevor sich VW nicht wieder zur Produktion von Elektrofahrzeugen entschließt, kann ihm in Vertragswerkstätten keiner helfen. Und jedes Mal den damaligen Chefentwickler anzurufen, zu dem Schultz mittlerweile einen guten Draht hat, ist zwar kommunikativ, könnte bei einem anfälligen Wagen aber auch zu Komplikationen führen.

insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sitiwati 29.12.2009
1. na, das
reist keinen um, in 13 Jahren 35.000km , und mit was fährt der Herr sonst!?
japan10 29.12.2009
2. Zukunft
Zitat von sysopDie Autoindustrie gleicht der Modebranche: Alles ist irgendwann schon mal da gewesen. Das derzeit brandaktuell Elektroauto war schon mehrfach en vogue. Keiner weiß das besser als Horst Schultz. Er fährt einen VW Golf III mit Akkuantrieb und gut 13 Jahren auf dem Buckel. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,668795,00.html
So könnte die Zukunft aussehen. Doch diese wird nicht mit Vernunft, sondern mit Boni und Aktienkursen entschieden. Vielleicht kommt ein Bill Gates der Autoindustrie und mischt die Sache auf.
Hovac 29.12.2009
3. Immer schon da
E-Autos gibt es doch eine Menge, sind nur alles Eigenumbauten. Schönes Buch dazu "Build your own electric vehicle"
GerhardFeder 29.12.2009
4. Mhr Tests
Die These bestätigt sich, dass die Autoindustrie die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat(te) und alle Argument gegen E-Autos seit jeher nurvorgeschoben sind. Wären die vielen Zweitwagen bei denen 60 km locker ausreichen, alle auf E-Betrieb umgestelle, hätten wir viel weniger CO2 Sorgen, von Lärm und anderem Dreck ganz zu schweigen. Wie wäre es mit weiteren Tests der E-Auto Versuche der 60er bis 90er Jahre (oder noch älter); das würde verdeutlichen, wie wenig man sich in diesem Sektor bei Auto- und Batterien in Forschung und Produktion wirklich um Fortschritt bemüht hat.
max hollister 29.12.2009
5. Peinlich
Man fragt sich schon, wieso VW nun nicht in der Lage ist, ein E-Modell zu produzieren? Im Zweifelsfall geht Rendite vor Umwelt. Traurig aber wahr!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.