Autogramm VW Polo R WRC Rallyeah!

Ist da gerade der Motor explodiert? Testfahrten in einem VW Polo sind normalerweise so aufregend wie Zähneputzen. Doch beim Rallye-Modell R WRC ist das anders: Das Auto bietet ein rohes Spektakel im Schleudergang.

VW Motorsport

Von Jürgen Pander


Der erste Eindruck: Dieser Kleinwagen kann kein normales Auto sein. Die Radkästen sind eher Karosserie-Erker, es gibt einen doppelten Heckflügel. Der Polo R WRC ist ein reiner Motorsportwagen. Die Franzosen Sébastien Ogier und Julien Ingrassia haben darin gerade zum zweiten Mal in Folge die Rallye-Weltmeisterschaft gewonnen.

Das sagt der Hersteller: VW dominiert die Rallye-WM wie der FC Bayern die Bundesliga. Mit dem Polo R WRC hat das Werksteam in dieser Saison bei 13 Rallyes zwölf Siege errungen. Dennoch stellt sich die Frage, was der Millionenaufwand eigentlich bringt. "Da ist zum einen der Knowhow- und Techniktransfer zwischen Motorsport und Serienautos, und zum anderen der Werbeeffekt", sagt Motorsport-Kommunikationschef Andre Dietzel. "In dieser Hinsicht ist das Preis-Leistungs-Verhältnis eines WRC-Engagements ziemlich gut." Konkrete Zahlen nennt er jedoch nicht.

Das ist uns aufgefallen: Auch wenn der Rennwagen den Namen Polo trägt, gibt es - abgesehen von ein paar Blechteilen wie Türen, Heckklappe, Dach oder Motorhaube - keine Gemeinsamkeiten mit dem Serienauto. Das Interieur beschränkt sich auf zwei Schalensitze, einen Überrollkäfig, ein Lenkrad, einen hoch aufragenden Schalthebel sowie, etwas kleiner daneben, den Handbremsstängel.

Sobald der Fünfpunkt-Gurt festgezurrt ist, drückt man erst die Taste für die Zündung, dann den Startknopf. Kurz hört es sich an, als würde das Auto explodieren. Aber das ist nur der Motor im Leerlauf.

"Sei aggressiv" hat VW-WRC-Profi Andreas Mikkelsen kurz vor dem Start geraten. Er meinte es wörtlich, denn Gewalt ist durchaus nötig, um das sequenzielle Sechsganggetriebe zu bedienen. Man tritt also die Kupplung, pfeffert den ersten Gang rein, und ab geht die Jagd über die Piste des VW-Testgeländes im niedersächsischen Ehra-Lessien. Jetzt bekommt man eine Ahnung davon, was Weltmeister Sébastien Ogier meint, wenn er seinen Sport "Formel 1 im Wald" nennt.

Mit normalem Autofahren hat das jedenfalls nicht mehr viel zu tun. Gasgeben, lenken, bremsen - das alles geht viel direkter, viel feinfühliger. Dazu herrscht ein Höllenlärm, man wird durchgerüttelt, als säße man auf einem Presslufthammer. Man spürt, wie Auto und Piste miteinander ringen, wie der Wagen in der Kurve leicht ins Driften gerät, aber auch wie die Lenkkraft scheinbar mühelos von den eigenen Händen auf die Straße gelangt. Der Wagen reagiert so schnell, dass der Körper kaum hinterherkommt.

Das muss man wissen: In dem Autos steckt ein 1,6-Liter-Vierzylinder-Turbomotor mit 315 PS. Theoretisch wäre noch mehr rauszuholen, aber das Rallye-Reglement schreibt eine Maximaldrehzahl von 8500 Touren vor sowie einen Luftmengenbegrenzer mit einem Durchmesser von maximal 33 Millimeter. "Das ist in etwa so, als würde ein Hochleistungssportler beim 100-Meter-Lauf durch einen Schnorchel atmen", heißt es bei VW.

Ein permanenter Allradantrieb mit starrem Durchtrieb zwischen Vorder- und Hinterachse bringt die Leistung auf die Piste. Das rein mechanisch verstellbare Fahrwerk ist so variabel, dass man es auf einer Schotterpiste wohl auch auf die jeweilige Kieselsteingröße einstellen könnte; insgesamt stehen 92.160 Set-up-Varianten zur Wahl. Pro Stoßdämpfer lassen sich Zug- und Druckstufe, Dämpfergeschwindigkeit und -kräfte in feinster Rasterung einstellen. Kein Vergleich zu einem Pkw, bei dem das elektronische Fahrwerk die Auswahl "Komfort - Normal - Sport" bietet.

Das Mindestgewicht des Autos (ohne Fahrer) muss 1200 Kilogramm betragen. Weil der Rennwagen aber deutlich leichter ist, wird der Rennpolo mit Zusatzgewichten aus Wolfram oder Blei beladen. Natürlich dort, wo sie das Fahrverhalten des Autos verbessern - sehr tief und möglichst ideal ausbalanciert.

Vorbildlich ist die Servicefreundlichkeit des Wagens. Fast alle Schrauben und Muttern haben die gleiche Größe, damit zeitraubende Werkzeugwechsel überflüssig werden. Der Wechsel eines Getriebes ist in zwölf Minuten erledigt, das Austauschen eines Querlenkers dauert vier Minuten, Stoßdämpfer oder Bremsbeläge und Bremsscheiben sind in jeweils drei Minuten gewechselt.

Was man außerdem wissen sollte: Den Polo R WRC kann man nicht kaufen. Wer ihn regelmäßig fahren will, muss Rallye-Profi werden.

Das werden wir nicht vergessen: Schlussendlich ist dieser Rallye-Wagen ja auch nur ein Auto mit vier Rädern und einem Lenkrad - aber das Handling ist mit einem normalen Pkw nicht zu vergleichen. Es gibt keine elektronische Fahrhilfe, die eingreift; ESP und ABS sind laut Rallye-Reglement verboten.

Völlig klar, dass ein derart puristisches Gefährt im Straßenverkehr gefährlich wäre. Um das intensive Fahrerlebnis beneidet man die Rallye-Piloten trotzdem.



insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nutzer ohne Namen 02.12.2014
1. im Straßenverkehr gefährlich?
bitte lieber redakteuer vorher informieren. die autos müssen sogar straßenverkehrstüchtig sein. Sonst kommt keines der autos, wie vorgeschrieben auf eigenen rädern von einer WP zur nächsten!
beckenbebauer 02.12.2014
2. Ist zu kaufen.....
Volkswagen Polo R WRC 2.0 TSI 310PS http://ww3.autoscout24.de/classified/256604518?asrc=fa|sr,as
beckenbebauer 02.12.2014
3. Ist zu kaufen.....
Volkswagen Polo R WRC 2.0 TSI 310PS http://ww3.autoscout24.de/classified/256604518?asrc=fa|sr,as
Mario V. 02.12.2014
4. ein derart puristisches Gefährt im Straßenverkehr gefährlich
Soso. Früher sind alle mit puristischen Autos rumgefahren. OK, nicht mit 315 PS, aber auch ohne elektronische Helferlein.
spon_2083753 02.12.2014
5. das wäre mal ein lohnender Techniktransfer auf serienautos,
die VW-Werkstatt wechselt Bremsscheiben mit Belägen in drei Minuten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.